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CD „GEGENLIEBE“ DANIEL BEHLE singt Lieder von LUDWIG van BEETHOVEN; Pan Classics

16.04.2022 | cd

CD „GEGENLIEBE“ DANIEL BEHLE singt Lieder von LUDWIG van BEETHOVEN; Pan Classics

Sternstunde eines begnadeten Liedsängers

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Beethovens Lieder sind trotz ihrer für das Gesamtwerk Beethovens entsprechend der gängigen musikhistorischen Rezeption noch immer nur marginalen Bedeutung längst im breiten Mainstream von Interpreten und Publikum angekommen. Gassenhauer wie „Ich liebe dich, so wie du mich“ oder „Adelaide“ sind Paradelehrstücke vieler Gesangspädagogen. Der Zyklus „An die ferne Geliebte“ gehört zu den schönsten Eingebungen klassisch grundierten, frühromantisch schwärmerischen Liedschaffens.

Auf Tonträgern erfahren die ca. 100 Kunstlieder Beethovens in den letzten Jahren eine noch nie gekannte Renaissance. So haben Altmeister Matthias Goerne (mit Jan Lisiecki am Klavier) und der Südtiroler Bariton André Schuen (besonders reizvolle Lied-Arrangements mit dem Boulanger Trio) exzellente Alben vorgestellt. Hans Christoph Begemann hat, begleitet von Thomas Seyboldt, in Koproduktion mit dem SWR, ein flottes Beethoven-Album vorgelegt.  Ian Bostridge hat in der Spätphase seiner Karriere, aber mit immensem Können, mit Antonio Pappano am Klavier, Vilde Frang/Violine, Nicolas Altstaedt/Cello eine CD mit Beethoven-Liedern und Folksongs herausgebracht. Aber auch die Initiative einer von Naxos gestarteten Gesamteinspielung von Naxos ist zu erwähnen. Vol. 1 ist 2019 mit Elisabeth Breuer, Rainer Trost, Paul Armin Edelmann, Ricardo Bojorquez und Bernadette Bartos am Klavier erschienen.

Der Boden für die neue Daniel Behle-CD ist also gut bereitet. Behle hat sich im Unterschied zu seinen Vorgängern mit seinem Begleiter Jan Schultsz für ein Hammerklavier entschieden. Das Grand Piano Carl Strobel 1824/1825 klingt wunderbar farbenprächtig und ausdrucksstark, es reichert den Gesang und die Texte in ihrer lyrisch erzählerischen Qualität enorm an.

Daniel Behle ist, wie dies bereits in seiner letzten höchst erfreulichen Lied-Einspielung mit Oliver Schnyder – Richard Strauss‘ Krämerspiegel op.66 (12 Lieder nach Kerr) gewidmet – am Zenit seines Könnens angekommen. Seit den besten Tagen von Peter Schreier hat man so ein Lied-Album nicht mehr gehört. Daniel Behle verfügt über einen lyrischen Tenor mit den duftigsten Piani, aber zudem genügend dramatischer Kraft, um auch dem Heldischen in den vielen Wiederholungen Kontur geben zu können. Behle singt ein beispielhaftes Legato, beherrscht die Kunst des Messa di Voce und des klugen Abphrasierens. Seinen vom Timbre her virilen Tenor lässt Behle fabulierfreudig strömen, in humorvollen Liedern wie „Es war einmal ein König“, wo der Hofstaat von des Königs Flöhen arg gepiesackt wird, oder der Ariette „Der Kuss“ gelingen fein ziselierte Miniaturen zwischen präziser Deklamation und anschaulicher Lautmalerei.

Da Behle auf der mit über 80 Minuten Spielzeit großzügig gefüllten CD einen möglichst umfassenden chronologisch geordneten Querschnitt durch das Liedschaffen Beethovens vorlegt, sind auf dem Album neben zwei Kostproben aus den Gellert-Liedern („“Bitten“, „Bußlied“), den Goethe-Vertonungen „Maigesang“ und „Neue Liebe, neues Leben“ auch Kompositionen auf italienische Texte von Giuseppe Carpani (“In questa tomba oscura“) und Pietro Metastasio („T’intendo si, mio cor“) zu hören.

Mit den sechs Liedern „An die ferne Geliebte“ Op. 98 hat Beethoven den ersten musikalisch durchgestalteten Lied-Zyklus geschaffen. Auch hier begeistert Behle mit einer schwärmerisch sehnsuchtsvollen Wiedergabe, bevor er mit der Kantate „Seufzer eines Ungeliebten“ und „Gegenliebe“ auf einen Text von Gottfried August Bürger einen ekstatischen Schlussstein dieses himmeljauchzenden Höhenflugs eines jung(en) Verliebten setzt. In „Gegenliebe“ begegnen wir zum ersten Mal dem euphorisch anschwellenden, aus der Chorfantasie bekannten Thema, das wiederum ein Art Vorahnung auf die „Freude schöner Götterfunken“ in der Neunten darstellt.   

Gesanglich meisterlich und gefühlvoll bewegend!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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