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CD GAUTIER CAPUCON, YUJA WANG und ANDREAS OTTENSAMER spielen Kammermusik von Johannes Brahms und Sergej Rachmaninov; Deutsche Grammophon

30.08.2022 | cd

CD GAUTIER CAPUCON, YUJA WANG und ANDREAS OTTENSAMER spielen Kammermusik von Johannes Brahms und Sergej Rachmaninov; Deutsche Grammophon

Klavier, Klarinette und Cello im trauten Stelldichein verschiedener Temperamente

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2021 tourten die chinesische Pianistin Yuja Wang, der österreichische Solo-Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern Andreas Ottensame und der französische Cellist Gautier Capuçon mit einem schönen, wie anspruchsvollen Kammermusikprogramm durch Deutschland. Ein einziges Mal machten sie in Frankreich Stopp. Die Stationen waren die Elbphilharmonie Hamburg (28. Juni), das Kurhaus Wiesbaden (29. Juni), in Neuvecelle die La Grange au Lac (30. Juni), das Konzerthaus Dortmund (1. Juli) und die Tonhalle Düsseldorf (4. Juli).

Auf dem Programm des Mitschnitts aus Dortmund standen die Cellosonate in g-Moll, Op. 19, von Sergej Rachmaninov, die Cellosonate Nr. 1 in e-Moll, Op. 38 sowie das Klarinettentrio in a-Moll, Op. 114, von Johannes Brahms.

Es sind drei gänzlich verschiedene Künstlerpersönlichkeiten, die hier aufeinandertreffen. Und ein erstaunlich stimmiges Ganzes bilden, was beim „Zusammenstoppeln“ dreier medial gehypter Stars gar nicht selbstverständlich ist.

Als erstes möchte ich den Cellisten Gautier Capuçon nennen, den überschwänglichen Musiker voller unbedingter Hingabe, stilistischer Kompetenz und unverwechselbar satt sanglichem Ton. Seit ich ihn erstmals vollkommen der Musik hingegeben mit seinem Bruder Renaud (Violine) und Martha Argerich als Partner in Beethovens „Tripelkonzert“ unter der musikalischen Leitung des jungen Dudamel live von den Salzburger Festspielen 2008 gehört habe, hat meine Begeisterung über sein leuchtendes Spiel mit dem fein austarierten Vibrato und einer schier unendlichen dynamischen Spannweite noch zugenommen. Gleich in der dreisätzigen Cellosonate Nr. 1 in e-Moll von Brahms legt Capuçon mit der unerschrockenen Yuja Wang eine ganz große Nummer hin. Seit knapp 10 Jahren kammermusizieren Yuja Wang und Gautier Capucon nun schon miteinander. Den Anfang der Zusammenarbeit beim Verbier Festival 2013 markierte jene nougatsämige Rachmaninov-Sonate in g-Moll, die auch auf dieser CD zu hören ist.

Yuja Wang ist eine technisch meisterliche Pianistin mit Mut zur großzügig expressiven Pranke, aber auch exquisitem Gespür für zarte Lyrismen. Bei aller modischer Exzentrizität im Auftritt ist sie eine feine Kammermusikerin, die auf ihr vis à vis achtet, gemeinsam mit dem Cellisten auf geheimen Pfaden traumwandelnd zu atmen und zu phrasieren versteht. Das Ergebnis ist sowohl bei Brahms als auch beim genialen Rachmaninov in dessen voluminöser Sonate in g-Moll stupend. Guido Fischer sagt dazu im Booklet das Goldrichtige: „Allein das Andante ist nichts weniger als melodischer Nektar, nicht nur für die russische Seele.“ Für mich bildet das Stück den unüberbietbaren Höhepunkt der CD und eigentlich der gesamten Stück-Diskographie.

Dass Wang ihren Brahms liebt, glaubt man ihr aufs Wort. Ob die nach Abschied duftenden, verklärten Spätsommerstimmungen mit ihren „wie Trauben am Weinstock hängenden Arpeggi“, das ländlich bis salonhaft trippelnde Tänzeln nach Art eines Schubert oder Chopin im Menuetto oder die kontrapunktische Reminiszenz an J. S. Bach (angelehnt an den Contrapunctus XIII aus der Kunst der Fuge) im finalen Allegro, das Duo vollbringt im dialogischen Für und Wider wahre Wunder an Noblesse und menschlich anrührender Innigkeit.

Andreas Ottensamer, der Klarinettist mit dem gepflegten, im Vergleich zu seinen Partnern neutraleren und vorsichtiger gesetzten Ton ist dennoch beim Klarinettentrio Op. 114 von Brahms vielleicht die ganz und gar richtige Ergänzung zum ausdruckstrunkenen Duo Capucon-Wang. Die pure Schönheit des Tons, die elegischen Piani lassen das Trio zu einem Endzeitgesang mutieren, ohne weiteres Wollen als Formvollendung und romantische Introspektion.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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