CD: GAËTANO DONIZETTI: IL DILUVIO UNIVERSALE • Orchestra Donizetti Opera, Riccardo Frizza
Donizettis zentrale Rolle in der Entwicklung des italienischen Melodrams des 19. Jahrhunderts

Lassen Operntitel des 19. Jahrhunderts einen Bezug zu Bibel und Kirche erkennen, ist dies – neben der Gattungsbezeichnung «Azione tragico-sacra» – ein sicherer Hinweis auf ein Uraufführungsdatum in der Fastenzeit 1830 vom 24. Februar bis 11. April), da die Zensur im Kirchenstaat wie den anderen Staaten Italiens für solche Werke ein entsprechendes Sujet verlangte. Bei Donizettis «Il diluvio universale» («Die Sintflut») wie Verdis «Nabucco» stehen trotzdem die amourösen Verwicklungen im Vordergrund, während Rossini bei «Mosè in Egitto» noch die Dominanz religiöser Elemente wahrt. Verdis Nabucco, das jüngste der drei Hauptwerke der Gattung «Azione tragico-sacra», hat sich so weit von der Religion emanzipiert, dass es die Gattungsbezeichnung «Dramma lirico» trägt.
Nach «Il castello di Kenilworth» hatte Donizetti vom Domenico Barbaja, dem Impresario des San Carlo in Neapel, «Ferien» erhalten und war mit seiner schwangeren Frau Virginia nach Rom gereist, wo am 20.08.1829 sein Sohn Filippo Francesco zur Welt kam. Nach acht Tagen war das Glück der Eltern bereits zu Ende und nach einer Erholungszeit war das Ehepaar im Oktober 1829 zurück in Neapel, wo Donizetti sich an die Komposition einer neuen Oper für das San Carlo machte. Passend zum neapolitanischen Winterwetter sollt das Werk den Titel «Il diluvio universale» («Die Sintflut») tragen. Donizetti verfasste das Szenario für den Neapolitaner Librettisten Domenico Gilardoni (1798-1831) selbst und beteiligte sich damit erstmals an der Entstehung des Librettos einer ernsten Oper. Quellen waren die Bibel und andere Quellen, die alle im Erstdruck des Libretto nachgewiesen sind. Bereits auf dem Titelblatt findet sich das Zitat der einschlägigen Stelle aus dem Buch Genesis: «In dem sechshundertsten Jahre des Alters Noahs, am siebzehnten Tag des zweiten Monats, an diesem Tag brachen alle Brunnen der grossen Tiefe auf und die Fenster des Himmels wurden geöffnet» (Gen. 7,11 hier zitiert nach der Zürcher Bibel). Der Inhalt der hier eingespielten Erstfassung (Kritische Edition von Edoardo Cavalli von 2022) ist dann folgender:
1. Akt: Im Wissen um die kommende Sintflut bereiten Noè und seine Familie in der Nähe der mitsamt ihren sündigen Bewohnern dem Untergang geweihten Stadt Sennar die Arche vor. Noè hat Sela, die Frau von Cadmo, dem Statthalter von Sennar, bekehrt. Sela gesteht Noè, dass ihr Mann sie wegen ihres Glaubens verachtet und Gott öffentlich beleidigt und sich ihm widersetzt hat, um ihn zu bestrafen. Cadmos Söldner treffen ein und wollen die Bundeslade verbrennen. Noè versucht sie davon abzuhalten. Sela beschließt, zu ihrem Mann zurückzukehren, um ihn zum Aufhören zu bewegen. Selas Vertraute Ada, die heimlich in Cadmo verliebt ist, tritt auf: sie lässt Cadmo glauben, dass Sela Noè nicht aus religiösen Gründen nahesteht, sondern weil sie in den ältesten Sohn des Propheten, Jafet, verliebt ist. Ada erreicht ihr Ziel: Cadmo verstösst seine Frau und verurteilt Noè, seine Söhne und auch Sela, die bei ihnen Zuflucht gefunden hat, zum Tode. Noè warnt Cadmo davor, dem göttlichen Zorn zu trotzen, und sagt ihm eine bevorstehende Flut voraus, während die Natur Donner und Blitz entfesselt. Cadmo erreicht die Arche mit der Absicht, sie zu zerstören. Noè, Jafet und Sela werden verhaftet.
2. Akt: Cadmo verspricht Ada, sie nach der Vollstreckung des Todesurteils seiner Frau zu heiraten. Sela weigert sie sich Cadmo gegenüber, einen Verrat zu gestehen, den sie nicht begangen hat. Die Strafe aber akzeptiert sie und bittet nur darum, ihren Sohn ein letztes Mal umarmen zu dürfen. Cadmo verleugnet Sela und behauptet sogar, ihrem Sohn die Schuld seiner Mutter zu offenbaren und Ada zu heiraten. Von ihrer Freundin betrogen, von ihrem Mann verstoßen und von ihrem Sohn verflucht, fleht Sela um göttliche Gnade. Währenddessen wird Noè in der Arche gefangen gehalten. Sela kommt und überbringt ihm die Nachricht, dass Cadmo beschlossen hat, sie alle zu töten. Noè sagt daraufhin die bevorstehende Flut voraus.
3. Akt: Während Cadmo und sein Hofstaat die bevorstehende Hochzeit feiern, trifft Sela ein. Cadmo ist bereit, sie zurückzuholen, sofern sie Noès Gott abschwört und diesen verflucht. Um ihren Sohn zurückzubekommen, willigt Sela ein, doch als sie ihren Abschwörungsspruch ausspricht, wird sie vom Blitz getroffen und stürzt zu Boden. Die Flut bricht plötzlich und mit voller Wucht aus, und alle fliehen im Chaos. Als der Sturm nachlässt, versammeln sich die wenigen Überlebenden auf den Berggipfeln, während Noès Arche unbeschädigt auf dem vom Wasser überfluteten Land treibt.
In der ersten Fassung war die Sintflut kein Erfolg und so verwendete Donizetti Musik aus diesem Werk für andere Kompositionen weiter. Davon profitierten die folgenden Opern «Gianni di Parigi» (komponiert im Sommer 1830; 10. September 1839, Teatro alla Scala, Mailand) und «Imelda de Lambertazzi» (5. September 1830, Teatro San Carlo, Neapel) und vor allem «Anna Bolena» (26. Dezember 1830, Teatro Carcano, Mailand). Darin liegt auch die Bedeutung der Erstfassung der Sintflut: Das im Vergleich mit den zeitgenössischen Konventionen ausgesprochen experimentelle und innovative Werk zeigt Donizettis zentrale Rolle in der Entwicklung des italienischen Melodrams des 19. Jahrhunderts.
Die zweite Fassung der Sintflut entstand für eine Aufführung am 6. März 1834 am Teatro Carlo Felice in Genua. Die Tatsache, dass Donizetti Musik der Erstfassung für die ausserordentlich erfolgreiche «Anna Bolena», mit der er zu nationalem Ruhm aufstieg, verwendet hatte, zwang ihn «Il diluvio universale» grundlegend zu überarbeiten. Donizetti passte die Handlung der «Azione tragico-sacra» den Konventionen der zeitgenössischen Opera seria an. Durch die Ausarbeitung der Figur der Ada akzentuierte er den Konflikt zwischen Cadmo und seiner Gattin Sela. Darüber hinaus führte er einen „Chor von Noès Familie“ ein, der Noès Söhne und ihre Frauen versammelt, und fügte zu Beginn des dritten Aktes ein Ballabile hinzu. Die Zweitfassung ist die Fassung, die den Aufführungen (Genua, 1985; London, 2005; St.Gallen 2010) und Aufnahmen der Neuzeit (London, 2005) zugrunde liegt.
Das Label Naxos legt nun eine Aufnahme der kritischen Edition von Edoardo Cavalli vor. Entstanden ist die Live-Aufnahme am 17. November 2023 im Teatro Donizetti zu Bergamo. Nahuel Di Pierro gibt den Noè (Noah) absolut stilsicher mit wunderbar kernigem, agil geführtem Bass mit idealem Fundament und perfekter Fokussierung. Noès Familie, Nicolò Donini als sein Sohn Jafet, Davide Zaccherini als sein Sohn Sem, Eduardo Martínez als sein Sohn Cam, Sabrina Gárdez als Jafets Gattin Tesbite, Erica Artina als Sems Gattin Asfene und Sophie Burns als Cams Gattin Abra, überzeugen im Öffnungschor «Oh Dio di pietà» oder Preghiera «Gli empi ‚l circondano» (Jafet, Sem, Tesbite, Asfene, Abra, Cam) mit idealer Harmonie und purem Wohlklang. Ein Höhepunkt des Albums ist das Finale des 2. Akts («Dio tremendo, onnipossente»), zusammen mit Noe und einer wunderbaren Einleitung durch Hörner. Enea Scala gibt den Cadmo mit kraftvollem, höhensicherem und tadellos fokussiertem Tenor absolut stilsicher. Gerade in den dramatischen Passagen kommt die Leidenschaft gut zur Geltung: Hier ist ein wahrer Belcantist zu erleben. Giuliana Gianfaldoni ist ihm eine ideale Partnerin und überzeugt als Sela mit einem herrlichen «Soprano drammatico d’agilità», kristallklaren Höhen und hochmusikalischen Verzierungen. So wird zum Beispiel das Duett «Non profferir parola» (2. Akt; Musik in Anna Bolena wiederverwendet) zu einem der Höhepunkte der Aufnahme. Maria Elena Pepi mit prächtigem Mezzo als Ada und Wangmao Wang ergänzt als satrapischer Hauptmann Artoo das herrliche Ensemble.
Der Coro dell’Accademia Teatro alla Scala, vorbereitet von Salvo Sgrò, begeistert mit kompaktem Wohlklang auf breitem Fundament und glutvoller Leidenschaft. So wird nicht nur die Einleitung zum dritten Akt («Stirpe angelica, ti bea ne‘ piaceri») zu einem Höhepunkt.
Riccardo Frizza trägt mit dem Donizetti Opera Orchestra die Solisten auf Händen durch den Abend und gibt ihnen die Möglichkeit ihre Partien zu gestalten, geniesst mit dem Orchester aber auch leidenschaftlich die wenigen Momente ohne Gesang, so das herrliche Ballabile zu Beginn des 3. Akts
Die Erstfassung von «Il diluvio universale» bietet, wie Donizetti immer, herrlich melodische, geradezu süffige Musik. Desweiteren zeigt sie, im Vergleich mit Werken wie «Mosè in Egitto» und «Nabucco». Donizettis zentrale Rolle in der Entwicklung des italienischen Melodrams des 19. Jahrhunderts. Hier begann Donizetti mit der Konfrontation zwischen zwei Frauen zu experimentieren, die er später in so großen Meisterwerken wie «Anna Bolena», «Maria Stuarda» und «Roberto Devereux»
weiterentwickelte. Im Weiteren lassen sich die Entwicklungslinien zum Werk von Giuseppe Verdi beobachten.
Eine lohnende Entdeckung!
15.07.2025, Jan Krobot/Zürich

