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CD: GAËTANO DONIZETTI: BELISARIO • Orchestra Donizetti Opera, Riccardo Frizza

25.11.2021 | cd

CD: GAËTANO DONIZETTI: BELISARIO • Orchestra Donizetti Opera, Riccardo Frizza

«Belisario ist weniger gelehrt, aber ich weiss, dass er im Theater Effekt macht»

Belisario

Belisario ist weniger gelehrt, aber ich weiss, dass er im Theater Effekt macht … Ich selbst stufe ihn als Werk unter Lucia ein“ schrieb Donizetti über seinen «Belisario» an seinen Pariser Verleger Pacini. Die „Tragedia lirica“ in drei Teilen «Belisario» ist dramaturgisch wie musikalisch einfacher gehalten als zum Beispiel «Lucia di Lammermoor» (1835) oder «Lucrezia Borgia» (1833): der Plot ist einfach und gradlinig, ohne komplizierte Vorgeschichte und überraschende Wendungen und die Musik wie selbstverständlich und von ausserordentlichem Brio.

«Belisario» ist die erste Oper Donizettis, die nach seinem grossen Erfolg mit der «Lucia di Lammermoor» und dem Tod seines Rivalen Bellini entstand. Das Libretto von Salvatore Cammarano dürfte das Erstlingswerk des Librettisten sein, mit dem er ab 1832 versuchte Domenico Barbaja, damals Impresario des San Carlo in Neapel, der Scala in Mailand und des Kärntnertortheaters in Wien. Für die Vertonung durch Donizetti, der mit «Lucia di Lammermoor» auch die erste Vertonung eines Cammarano-Librettos schuf, überarbeitete Cammarano seinen Entwurf nochmals. Für sein Libretto des Belisario konnte er in einer Zeit, als antike Themen wie die Vestalinnen, Medeas, Saffos oder natürlich Bellinis «Norma», stark en vogue waren, auf eine lange Stoff-Tradition zurückgreifen. Cammaranos Quelle war Luigi Marchionnis Drama «Belisario» eine italienische Adaption von Eduard von Schenks Belisarius (1820).

Dem Zeitgeschmack entsprechend legte Cammarano das Hauptgewicht auf den Konflikt von Privatem und Öffentlichem, zwischen Familie und Patriotismus. Es gibt im Libretto keine klassische Liebesgeschichte und so ist die Titelrolle, Donizettis vierte Hauptpartie für eine tiefe Männerstimme, hauptsächlich liebender Vater gegenüber seiner Tochter Irene und edler Dulder des von seiner Gattin verursachten Schicksals der Blendung und Verbannung. Seine Gattin Antonina ist als Intrigantin und in der Liebe Betrogene charakterisiert. Sopran, Belisarios Tochter Irene, und Tenor, Belisarios vermeintlich vom eigenen Vater umgebrachter Sohn Alamiro, sind einander durch familiäre Liebe verbunden. Antonina gesteht am Schluss, als Belisario und seine Kinder wieder vereinigt sind, ihre Intrige und sieht das Unrecht – zu spät – ein. Bevor Belisario in der entscheidenden Schlacht von einem Pfeil getroffen wird, stirbt, versöhnt sich der Heerführer noch mit «seinem» Kaiser Justinian. Das Flehen seiner Gattin um Verzeihung hört er schon nicht mehr.

Neben der Vater-Figur des Belisario erinnert den Hörer der Gegenwart auch die Musik mit ihrem enormen Brio und dem ausgiebige Gebrauch von vier Posaunen und vier Hörnern, Pauken und grosser Trommel und Chören und Marschrhythmen vor allem an die «patriotischen» Opern des jungen Verdi und einzelne Passagen aus Bellinis Werken (die anstelle vermeintlich patriotischer Nummern aus Verdis Werken wirklich politisch verwendet wurden). Das Duett «Sul campo della gloria» von Belisario und Alamiro ruft «Suona la tromba» aus Bellinis Puritanerin in Erinnerung, Alamiros «Trema Bisanzio» das «Di quella pira» aus Verdis Trobadour (dessen Libretto das letzte Werk Cammaranos) ist. Das Quartett „Ah, da chi son io tradito!“ ist, warum nicht wiederverenden was, Erfolg brachte, ein Sextett auf vier Stimmen. Der Höhepunkt des Werks, das Duett «Ah! Se potessi piangere!» erinnert an die «Melodie lunghe, lunghe, lunghe» Bellinis.

Roberto Frontali gibt mit seinem herrlichen Bariton einen wunderbaren Belisario in bester italienischer Sanges-Kultur. Carmela Remigio interpretiert die Antonina durchaus rollengerecht mit manchmal leicht scharfem Sopran. Celso Albelo singt den Alamiro mit gepflegtem Tenor. In «Trema Bisanzio» kommt er allerdings deutlich an seine Grenzen. Annalisa Stroppa gibt die Irene mit wunderbar vollem, herrlich aufblühenden Mezzosopran. Simon Lim als Giustiniano, Anaïs Mejías als Eudora, Klodjan Kacani als Eutropio, Stefano Gentili als Eusebio, Matteo Castrignano als Ottario, Piermarco Viñas Mazzoleni als Un centurione und der Coro (Chorus Master: Fabio Tartari) ergänzen das Ensemble, das feurigen italienischen Wohlklang bietet.

Das Orchestra Donizetti Opera unter Leitung von Riccardo Frizza lässt trotz der schwierigem Umständen, unter denen die Aufnahme am 21. November 2020 in Bergamo entstanden ist, nichts zu wünschen übrig!

Ein Werk, das süchtig macht, in einer Aufnahme, die süchtig macht!

24.11.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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