Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD GABRIEL DUPONT „The Complete Songs“ mit CYRILLE DUBOIS und TRISTAN RAES; aparte

02.04.2025 | cd

CD GABRIEL DUPONT „The Complete Songs“ mit CYRILLE DUBOIS und TRISTAN RAES; aparte

Blühender „jardin de la mélodie“

dupo

Das unwiderstehliche französische Tenor-Klavier Gespann Cyrille Dubois und Tristan Raës ist nach seinen genießerischen Erkundungen der Mélodies von Louis Beydts (2024) und Nadia Boulanger (2020) beim Label aparte wieder einem kaum bekannten und musikalisch wenig erforschten französischen Komponisten der Spätromantik auf der Spur, dessen Liedgut sie soeben ein Album gewidmet haben.

Dieser Gabriel Dupont, mit nur 36 jungen Lenzen vor Beginn des ersten Weltkriegs 1914 an der Tuberkulose (einer verflixten Krankheit, die ihn schon seit 1901 plagte) dahingeschieden, war ein umfassend gebildeter und in etlichen Sparten erfolgreicher Komponist. Als freier Hörer am Pariser Konservatorium bei Jules Massenet und an der Orgel von den Besten, das heißt von Louis Vierne und Charles Marie Widor ausgebildet, reüssierte Dupont als Opernkomponist („La Cabrera“, mit der er sogar den Concorso Sonzogno gewann, „La Glu“, „La Farce du cuvier“, „Antar“) sowie als Schöpfer sinfonischer Werke, Kammermusik und Lieder. Und natürlich schrieb er für Klavier und „sein“ Instrument, die Orgel.

Die kurze Lebensdauer, das nicht sehr umfangreiche Oeuvre, aber auch eine im Vergleich zu den innovativen Gigantenkollegen des Impressionismus nicht so ausgeprägte Originalität mögen dafür ursächlich sein, dass seine Musik bis heute ein Schattendasein fristet.

Nur 31 vollendete Mélodies unterschiedlicher musikalischer Art sind Duponts Feder entsprungen. Alle fanden Eingang in das bezaubernde Album. Nur der Roh-Entwurf zu „Le Semeur“ wurde nicht in die Anthologie aufgenommen, weil sich das Manuskript als zu fragmentarisch erwies. Dubois und Raës haben in ihrer Analyse bekräftigt, dass ein eigener, unverkennbarer „Dupont-Stil“ in diesen Mélodies schwer auszumachen ist. Am offenkundigsten ist der Einfluss von Claude Debussy mit seinen Pastell-Abschattierungen und klanglichen Wasserfarbeneffekten. Aber auch die Orgelmusik mit ihrer Vorliebe für polyphone Strukturen und ausgeprägte Basslinien und Gabriel Faurés klangmalerische Experimentierlust hätten Niederschlag in der Stilistik Duponts gefunden. Daneben hat auch die komplexe Harmonik der deutschen Romantik auf Duponts musikalische Sprache abgefärbt.

Eine nicht unbeträchtliche Anzahl der vertonten Texte stammen von Paul Verlaine, Jean Richepin und Arthur Rimbaud. Dupont vermag in Liedern wie „Le Foyer“, „Les Caresses“ oder „Á la nuit“ mit subtil, diaphan-delikater Stofflichkeit, im Wind verwehenden Worten und perlenden Klavierkaskaden einen erotischen Hauch über unsere Haut streifen lassen. Es handelt sich um fragile Stimmungsbilder, so luftig und köstlich wie ein süßes Soufflé. Von der Unruhe des Herzens und der einkehrenden Ruhe nach überstandenem Liebeskummer wiederum zeugt „Chanson“ auf ein Gedicht von Alfred de Musset.

Lichte Traumlandschaften der Liebe eröffnen sich dem Hörer in „Sérenade á Ninon“, während Cyrille Dubois für „Le jour des morts“ und „Monsieur Destin“ auf Gedichte von Georges Vanor mit eindringlicheren Tönen der Endlichkeit unserer Existenz nachgeht und gegen die sich im Kreis drehenden, wahnhaften Karussells von Lebenslügen aufbegehrt. Neben hochdramatischen Akzenten im nächtlichen Gebet eines toten Herzens in „Pieusement“ stehen pointillistische Tonstickereien, pur Atmosphärisches, Gleichnishaftes aus Natur und dem Gang der Jahreszeiten auf dem Menü dieser Mélodies („La Pluie“, „Chanson d’automne“, „Chansons des six petites oiseaux“, „En aimant“, „Crépuscule d’été“).

Seelisches Auf und Ab aus Liebestrunkenheit und -sehnsucht („Annie“, „Journée d’hiver“) wusste Gabriel Dupont ebenso in raffinierte Vokalminiaturen zu gießen wie die selbstreferentielle symbolistische Poesie eines Rimbaud („Les Effarés“, „Ophélia“) oder Verlaine („Mandoline“, „La Neige“).

Cyrille Dubois ist als Haute Contre Star der französischen Barockmusikszene (u.a. Château de Versailles Spectacles) wie im romantisch-lyrischen Fach unverzichtbarer, allseits bereiter Interpret der Ausgrabungen von Palazzetto Bru Zane. Seine Tonträgerpräsenz ist schier unglaublich, genauso wie seine stupende Musikalität, seine eherne Gesangstechnik (jeder Ton sitzt) und sein stilistisch untrüglicher Instinkt. Dazu gesellen sich eine Entdecker-Neugier und – im Falle des Liedgesangs – die bewährte musikpartnerschaftliche Symbiose mit dem auf einer Wellenlänge mitgestaltenden Pianisten Tristan Raës.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken