Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: GABIZ REICHERT: „Rupert’s Tear“ – Werke von Bach/Brahms/Busoni, Schumann, Becker, Rachmaninoff, Mussorgsky; Ars Produktion

03.04.2026 | cd

CD GABIZ REICHERT: „Rupert’s Tear“ – Werke von Bach/Brahms/Busoni, Schumann, Becker, Rachmaninoff, Mussorgsky; Ars Produktion

gab

Der dreißigjährige Schweizer Pianist Gabiz Reichert legt mit „Rupert’s Tear“ sein zweites Album vor – und geht dabei einen Weg, den man so selten hört. Er hat ein dreiteiliges Triptychon konzipiert, das Bachs Chaconne, Schumanns Appendix-Variationen, ein Auftragswerk von Robin Becker und eine Rachmaninoff-Collage zu einem großen dramaturgischen Bogen verbindet. Sein Ansatz: das überlieferte Material befragen, aus dem Kontext von heute neu beleuchten und durch Kompositionen der Gegenwart ergänzen. Aufgenommen wurde das Programm auf einem Bösendorfer in der Immanuel-Kirche Wuppertal.

Schon die ersten Takte machen neugierig. Da klingt Bachs Chaconne anders als gewohnt – voller, farbiger, als würde ein ganzes Orchester im Flügel stecken. Reichert nimmt sich die bekannte Brahms-Transkription für die linke Hand vor und reichert sie an mit Elementen aus den Bearbeitungen von Busoni, Schumann und Mendelssohn. Ein Mixing verschiedener historischer Quellen, das für Puristen einer Provokation gleichkommen dürfte. Für Reichert ist es ein Akt der Neuerfindung. Und man muss sagen: Es funktioniert.

Denn wie beweglich sich Reichert am Bösendorfer durch das Dickicht seiner eigenen Montage arbeitet, das hat nichts von akademischer Demonstration. Der Anschlag nie forciert, Luft und Raum gebend, dabei die klanglichen Möglichkeiten des Instruments voll ausschöpfend. Das Tempo zügig, fast pulsierend, die Verzierungen frei ausgespielt, die Agogik kontrolliert und doch atmend. Als würde er das Material immer wieder von einer anderen Seite beleuchten – hier orchestral aufgefächert, dort kammermusikalisch verdichtet. Da begibt sich jemand ganz hinein, bekennt Farbe, nimmt seine Hörer mit.

Der Albumtitel verweist auf ein physikalisches Phänomen: Rupert’sche Tränen sind Tropfen aus heißem Glas, außen hart wie Diamant, die explosionsartig zerspringen, sobald ihr dünner Schwanz bricht. Robust und zerbrechlich zugleich – für Reichert das Sinnbild seiner Musik.

Das eigentlich Verblüffende an diesem Album ist, wie selbstverständlich die Teile ineinandergreifen. In Schumanns posthumen Appendix-Variationen zu den Symphonischen Etüden op. 13 – jenen fünf Stücken, die Schumann selbst nie zur Veröffentlichung bestimmte – entfaltet sich ein leichtfüßig vibrierender Spielfluss. Wohltuend, wie Reichert die hohen Lagen funkeln lässt und mit feinem Pedalgebrauch atmosphärische Räume öffnet. Diese für sich allein stehenden Stücke bekommen hier ein Eigenleben, das sie in den üblichen Gesamteinspielungen nie haben.

Nahtlos münden sie in „Isle of Memory“, eine zwanzigminütige Fantasie des gleichaltrigen Komponisten Robin Becker, eigens für dieses Projekt in Auftrag gegeben. Und hier muss man innehalten, denn allein dieses Stück macht die CD zu einer echten Empfehlung. Becker greift das Bestehende auf, bricht es in Motivfragmente, die sich allmählich in Traumschichten auflösen. Minimalistische Klangpatterns entstehen, in denen die Stimmung der Schumann-Welt noch nachhallt. Dann figuriert Reichert die Musik aus – in etwas, das einer funkelnden, vom Wind bewegten Wasseroberfläche nahekommt. Intime Improvisation, kontemplative Lyrik und klassisch geprägte Texturen gehen ineinander über. So empfindsam, ja zärtlich spielt Reichert hier, dass sinnlich vielleicht das treffendste Wort dafür ist. Aus einem solchen Repertoire könnte er problemlos ein ganzes Album bestreiten.

Aber hier geht es um einen Gesamtzusammenhang. Den Abschluss bildet eine trickreich gedachte Collage aus Rachmaninoff-Präludien, verbunden durch eine Mussorgsky-Promenade – auch das wieder ein kühnes Wagnis, das aber in sehr wirkungsvoller Weise dem Gesamtanliegen dient. Reichhaltige Dynamik, spitze Stakkati, im Detail stets das Gespür für das Wesentliche. Dann eine lyrische Ruhephase. Und schließlich der Clou: Die CD endet mit dem Chaconne-Thema, jetzt in cis-Moll. Bach in einem Rachmaninoff-Prélude. Der Kreis schließt sich.

Im Vergleich zu seinem Debütalbum „A New Path“ ist der Zugewinn an Mut und Eigenständigkeit deutlich hörbar. Reichert reproduziert nicht, er antwortet. Alles in einen solchen Zusammenhang zu stellen, ist eine eigene Kunst. Dass dabei eine Aufnahme entsteht, die vor allem berührt, ist das Beste, was man über sie sagen kann. Ein junger Pianist, den man im Auge behalten sollte.

Gabiz Reichert, Klavier (Bösendorfer) Aufgenommen Oktober 2023, Immanuel-Kirche Wuppertal Ars Produktion | High-Resolution Audio (48 kHz / 24-bit)

 

Stefan Pieper

 

 

Diese Seite drucken