CD G. F. HÄNDEL: SOSARME – Erste vollständige Gesamteinspielung auf aktuell höchstem Niveau; Château de Versailles Spectacles
Händels Arienwunderschatulle weit geöffnet

Diese musikalisch reiz- und wertvolle Opéra seria, 1732 für das Londoner King’s Theatre am Haymarket auf ein von Händel adaptiertes Libretto des Antonio Salvi komponiert, kennt heute kaum jemand mehr. Wie immer in diesem Genre, durchleben die Protagonisten mannigfaltige Qualen. Ausgelöst durch den Zwiespalt von Vernunft und Liebe, (familiären) Pflichten und persönlichen Sehnsüchten, ziehen sich derartige innere Konflikte auch durch die Handlung von „Sosarme, Re di Media.“
Ursprünglich unter dem Titel „Fernando, Re di Castiglia“ konzipiert, hat Händel den Ort des Geschehens mitten in der Arbeit – aus politischen Gründen, um Englands engen Verbündeten Portugal nicht durch eine das Land verunglimpfende Oper zu verärgern – von Portugal ins mythische Medes (heutiger Iran) verlegt. Titel und Figuren der Oper wurden dementsprechend angepasst. Für das 18. Jahrhundert sind zwei Aufführungsserien (1732, 1734) belegt, deren musikalische Essenz den jeweils zur Verfügung stehenden Sängern und Sängerinnen auf den Leib maßgeschneidert waren. Dann war über 200 Jahre lang Schluss.
Unglaublich, aber wahr. „Sosarme“ ist tatsächlich durch den bisherigen Barock-Hype mehr oder weniger durchgerutscht, obwohl die Arien keinen Deut weniger qualitätsvoll sind als diejenigen der bekanntesten und meist gespielten Händel-Opern. Die erste Aufnahme der Oper in der finalen Form datiert auf das Jahr 1955 in einer stark gekürzten Version (mit Deller, Watts, Herbert, Evans, Ritchie, St. Cecilia Orchestra dirigiert von Anthony Lewis; u.a. bei den Labels Andromeda und der australischen Decca Eloquence erschienen).
Alan Curtis hat mit seinem 1992 gegründeten Ensemble „Il Complesso barocco“ Händels „Sosarme“ als „Fernando, Re di Castiglia“ in der ungekürzten, rekonstruierten Urfassung des Werkes (auch die Änderungen bei der Umarbeitung, vor allem betreffend die Rezitative, wurden rückgängig gemacht) 2005 aufgeführt. Eine daraufhin entstandene Einspielung für CD u.a. mit Lawrence Zazzo und Max Emanuel Cencic ist längst vergriffen und daher nur noch antiquarisch erhältlich. Der Vollständigkeit halber sei noch die „Newport-Classic-Aufnahme“ aus dem Jahr 1994 mit dem Amor Artis Orchestra unter Johannes Somary (u.a. mit John Aler und Drew Minter) erwähnt.
Dass die Wiederbelebung im 20. Jahrhundert zögerlich verlief, ist auch daran zu erkennen, dass seit den erwähnten beiden Plattenaufnahmen und nur zwei in den frühen 70-er Jahren stattfindenden Produktionen in England Stille herrschte.
In „Sosarme“ geht es um einen Familienstreit mit politischem Background, sentimental gewürzt mit einer Liebesgeschichte zwischen Sosarme, König von Medes, mit der Prinzessin Elmira, ihres Zeichens Schwester von Melo. Dieser Melo glaubt durch verleumderische Gerüchte angestachelt, dass sein Vater Haliate, König von Lydien, ihn zugunsten seines illegitimen Sohnes Argone enterben will. Ein Bürgerkrieg bricht aus, verkompliziert durch Sosarmes Einmarsch. Haliate belagert die eigene Hauptstadt Sardis, wo sich sein rebellischer Sohnemann Melo, Elmira und des Königs Frau Erenice verschanzt haben. Sosarme will vermitteln, aber Haliate seinen Sohn bestraft sehen. Auslöser des Ungemachs ist der Intrigant Altomaro, Berater von Sosarme. Er drängt Argone dazu, den Thorn usurpatorisch an sich zu reißen. Schließlich soll, um das Land und seine Bevölkerung außen vor zu lassen, ein Duell zwischen Haliate und Melo den Machtkampf beenden. Erenice und Argone stellen sich dazwischen, Altomaro wird als betrügerischer Bösewicht entlarvt. Vater und Sohn schließen Frieden. Lieto fine: Der Hochzeit von Sosarme mit Elmira steht nichts mehr im Wege.
Die Musik Händels ist nichts weniger als prächtig in ihren den seelischen Bedingtheiten der verwickelten Personen gefundenen harmonisch expressiven Abschattierungen. Wie Dirigent und Sänger des Haliate Marco Angioloni anmerkt, gelang es Handel, für jede Figur eine musikalische Identität zu kreieren, die ihre jeweiligen inneren Konflikte, Sehnsüchte und Tugenden widerspiegelt. Dabei griff Händel fallweise auch auf Arien aus früheren Werken nicht als Eins-zu-eins-Kopien“, sondern als „lebende Wiedererfindungen“ zurück, wie etwa aus „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“, „Agrippina“, „Tamerlano“ oder „Aci, Galatea e Polifemo“.
Händel erfüllte die Anforderungen, die die dynastischen Konflikte als auch die intimeren Dispositionen der sieben Figuren verlangen, nicht nur mit vokaler Bravour, sondern mit einer ans Psychoanalytische grenzenden Einfühlung in seelische Prozesse, in herzzerreißender Intensität und zutiefst human zugleich. Der Titelheld Sosarme wird so zum Mediator auseinander dividierter Männer.
Dass ich „Sosarme“ in der vorliegenden Einspielung als eine der musikalisch aufregendsten italienischen Händel-Opern betrachte, liegt sicher nicht nur daran, dass Händel die oft mühseligen Rezitative auf ein Minimum zusammengekürzt hat. Händel konzentrierte, wie Angioloni zutreffend bemerkt, all seinen Erfindungsreichtum auf die Arien und Ensembles, wobei ich hier besonders auf die wunderbaren Duette zwischen Elmira und Sosarme im zweiten und dritten Akt verwiesen möchte.
Marco Angioloni und das Orchestre de l’Opéra Royal sorgen in der Ouvertüre, dem instrumentalen Unterbau zu den 20 Arien und zwei Chören für eine emotional pralle, klanglich subtile, unmittelbar zu Herzen gehende Interpretation. Sie sind mit ihrer unglaublichen federnden Elastizität im Ton, der kreatürlichen Artikulation und einer rubensfarbenüberbordenden Klangpalette das eigentliche Ereignis der vorzüglichen Einspielung.
Das Ensemble mit der einschmeichelnden, in sonniger Wärme glitzernden lyrischen Sopranistin Sarah Charles (Elmira), der französischen Mezzosopranistin Éléonore Pancrazi als herb-vernunftbegabter Erenice, dem bronzeschimmernden französischen Countertenor Rémy Brès-Feuillet in der Senesino-Rolle des Sosarme, dem 27-jährigen italienischen Countertenor Nicolò Balducci als Melo, dem belgischen Countertenor Logan Lopez Gonzalez als Argone sowie dem traumhaft opalschillernd timbrierten, an Samuel Ramey erinnernden jungen italienischen Bassbariton Giacomo Nanni (seine Arie ‘Fra l’ombre e gl’orrori’ farfalla confusa‘ ist einer der klaren vokalen Höhepunkte des Albums) als Schuft Altomaro ist grosso modo erstklassig. Besonders bemerkenswert und erfreulich ist, wie sehr sich Rémy Brès-Feuillet in dramatischere Gefilde seines Fachs hin entwickelt hat, ohne in der Geschmeidigkeit der Tongebung im Geringsten beeinträchtigt zu sein. Auch Marco Angioloni, dem wir diese temperamentvolle und barocküberschwänglich packende Einspielung auf Instrumenten der Zeit verdanken, schlägt sich in der Rolle des Königs Haliate tapfer. Für seinen Auftritt bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci 2022 als „jugendlicher Heldentenor mit ehernem Timbre“ beschrieben, passt seine Stimme gut zu dem kämpferischen, am Ende vernunftbegabt agierenden König.
Fazit: Eine gründlich gelungene Rehabilitierung einer sträflich vernachlässigten wie musikalisch offenbar völlig unterschätzten, künstlerisch jedoch fruchtreifen Händel Oper.
Dr. Ingobert Waltenberger

