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CD „FURIOSO“ – XAVIER SABATA singt Arien von Porpora, Fux, Händel, Vivaldi und Steffani; aparte

25.04.2026 | cd

CD „FURIOSO“ – XAVIER SABATA singt Arien von Porpora, Fux, Händel, Vivaldi und Steffani; aparte

Der Wahnsinn Orlandos als Projektionsfläche eines die Liebe idealisierenden, weltabgewandten solipsistischen Eskapismus

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Antonio Vivaldi nannte seine Opernexploration rund um die Figur des liebeskranken Roland „Orlando furioso“. Mit dem zweiten Teil dieses Titels überschrieb der spanische Countertenor Xavier Sabata sein neues Soloalbum. Es geht programmatisch um die in barocke Klangklüfte gesetzten seelischen und psychischen Extremlagen eines innerlich zerrissenen Ritters. Vor dem Hintergrund der Kriege Karls des Großen gegen die Sarazenen, basierend auf dem altfranzösischen „Rolandlied“, hat Ludovico Ariosto dem zwischen Liebe und Pflicht, Erwartung und Wirklichkeit Befangenen in der Renaissance ein legendäres literarisches Denkmal gesetzt.

Furios oder rasend machte Orlando seine unglückliche Liebe zu oder besser Besessenheit von der zauberkräftigen chinesischen Prinzessin Angelica. Weil sich die Angebetete aber in den jungen sarazenischen Soldaten Medoro verliebte und Orlando offenbar das sinnige Sprichwort „Auch andere Mütter haben schöne Töchter“ nicht kannte, raubte ihm sein Schmerz und die manische Fixiertheit auf Angelica den Verstand.

Welch grandioses ´Vehikel“ für Komponisten aller Zeiten, diesen Seelenzuständen ‚out of control‘ in wilden, harmonisch gewagten und verzierungswütigen Arien fantasievoll Raum und Gestalt zu geben. Unser frustrierter Krieger irrt nämlich selbstverloren und nackt durch Flur und Hain, gibt mit seinen Riesenkräften alles auf seinem Weg der Vernichtung preis, reißt Bäume aus und in dieser Art weiter, bis Orlandos verlorener Verstand, Astolfo sei Dank, vom Mond wieder zurück zu seinem Eigner gebracht wird.

Xavier Sabata interessiert bei diesem über die eigene Getriebenheit Gestürzten der geistige Raum, in den sich der von idealisierter Liebe Gepackte flüchtet. Und wirbt so für im aktuell übertragenen Sinn um Verständnis für den unglücklichen Helden, dessen Flucht vor der Realität eine allgemeine menschliche Erfahrung widerspiegeln kann. Nämlich, wie wir unser Inneres schützen, wenn sich die äußere Welt steinhart anfühlt. Ich sehe in der Fabel eine Warnung vor hohlem Heroismus, von dessen Fragilität und Unbeständigkeit nicht zuletzt angesichts körperlicher wie geistiger Schwächen. Niemand sollte sich nur aufgrund von eingebildeter oder wenngleich momentan real großer Kraft allzu sicher wähnen.

In der Welt der Oper bildete Orlandos Schicksal ein willkommenes Sujet. Ungezügelte Leidenschaft, deren extravagante Visualisierungen in verzauberten Landschaften und inneren Wüsten, inspirierten Tonsetzer wie den Venezianer, am Hof von Hannover erfolgreichen Agostino Steffani. Aus dessen Oper „Orlando generoso“ (1691) stellt Xavier Sabata drei Arien vor. Der Komponist vermochte es ganz vorzüglich, die emotionalen Kontraste zwischen Verzagen und Erregung, figural exzentrischer Ausschweifung und handfester Panik, in sogenannten arie di furore irrlichternde Gestalt annehmen zu lassen.

Xavier Sabata gelingt es, mit seinem an sich soft timbrierten Countertenor in die dunkelsten Seelenabgründe zu tauchen, dort krallende Dämonen und paroxysmale Wirbel aufzuspüren.

Das gilt auch für die Arien aus der Oper „Angelica vincitrice di Alcina“ des Wiener Hofkomponisten Johann Joseph Fux. Bei den zwei von Sabata präsentierten Kostproben dieser Allegorie zum Thema „Zivilisation besiegt Barbarei“ (Arie ‚Si pugnate, pugnate ognor‘ des Atalante, Arie per le furie) handelt es sich um veritable Weltersteinspielungen.

Mit Nicola Porpora betreten wir bekanntere Gefilde der neapolitanischen Barockoper. Aus dessen Serenade „L’Angelica“ auf ein Libretto des Pietro Metastasio lässt Xavier Sabata in zwei da capo Arien das Gemüt durchfegen. Mit Ausschnitten aus Georg Friedrich Händels opera seria „Orlando“. u.a. der Hit ‚Fammi combattere‘ – die Rolle des Orlando hat er Senesino auf den Leib geschrieben sowie Antonio Vivaldis „Orlando Furioso“ samt der aria di bravura des Orlando ‚Nel profondo cieco mondo‘ wären wir sozusagen im barocken Mainstream gelandet.

Ergänzt werden die Vokalpreziosen durch eine Gigue aus der Serenade in C-Dur K. 352, Rigadon et Lourré aus der Ouvertüre in g-Moll, K. 355, von Johann Joseph Fux und der Ouvertüre zu Steffanis „Orlando generoso“.

Begleitet wird Xavier Sabata vom funkelnden französischen Orchester Le concert de l’Hostel Dieu, klangfarblich wandelbar und virtuos, stilistisch ohne Fehl und Tadel, passionsgeladen dirigiert von dessen langjährigen künstlerischem Leiter Franck-Emmanuel Compte.

Furiose Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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