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CD: From Another World Guttman Tango Quintet Avanti Classic, AVA10782

23.07.2026 | cd

Michael Guttman lädt die Klassik zum Tango

world

Ein Schicksalsklopfen im Dreivierteltakt. Man glaubt, das vertraute Terrain der Wiener Klassik zu kennen, hat den Gestus von Beethovens Fünfter im Ohr – und findet sich plötzlich in einer rauchigen Spelunke am Río de la Plata wieder. Wie, das soll Beethoven sein?

Das Guttman Tango Quintet wirbelt auf seinem Debütalbum „From Another World“ die europäische Musikgeschichte kräftig durcheinander. Wer hier nur ein seichtes Crossover-Projekt vermutet, liegt gründlich daneben. Die Truppe um Geiger Michael Guttman betreibt eine radikale Übersetzung, die den Hörer in ein emotionales Wechselbad stürzt.

Chloë Pfeiffer hat zwölf Ikonen der Konzertliteratur für gemischtes Tango-Quintett arrangiert. Das Ergebnis ist keine bloße Verpflanzung, sondern eine echte Identitätsveränderung. Die Partituren wechseln nicht nur den Saal, sie wechseln die Seele.

Die Metamorphose gelingt, weil die Musiker ihr Handwerk so gut beherrschen. Guttman selbst führt das Ensemble mit einem Ton, der mal aristokratisch glänzt, im nächsten Moment aber die dreckige, sehnsüchtige Melancholie des Tangos atmet. Die Balance ist bemerkenswert.

Besonders eindrucksvoll ist, wie Erik Saties erste drei Gnossiennes ihrer statischen, meditativen Kühle beraubt werden. Pfeiffer taucht den französischen Minimalisten in ein Meer aus Synkopen. Das klingt nicht wie Sakrileg, sondern wie eine späte, folgerichtige Befreiung. Satie hätte vermutlich geschmunzelt oder sich schnell einer Flasche Rotwein gewidmet.

Ein besonderer Coup gelingt dem Quintett bei Gustav Mahler. Seine erste Sinfonie – ohnehin ein Hybrid aus Volkslied, Armeemarsch und jüdischer Hochzeitsmusik – erfährt hier eine bizarre, aber vollkommen logische Fortsetzung. Der Titan wird zum Porteño, der mit schwerem Schritt durch die Gassen von San Telmo streift. Das Bandoneon schluchzt dort, wo sonst die Holzbläser als Klezmer-Zitat glänzen. Die Substanz bleibt unangetastet, die rhythmische Struktur löst sich auf und setzt sich neu zusammen. Ein Spiel mit Erwartungen, ein musikalisches Versteckspiel für Kenner.

Nicht jedes Stück gewinnt gleichermaßen. Bachs Präludium in b-Moll verliert durch die starke Rhythmisierung deutlich von seiner sakralen Architektur – es wirkt mitunter, als wolle man dem Thomaskantor mit Gewalt das Tanzen beibringen. Doch schon beim nächsten Titel versöhnt das Ensemble: Chopins zwölfte Etüde verwandelt sich in eine messerscharfe, dramatische Tango-Schlacht, in der die Instrumente wie Klingen aufeinanderprallen. Hier spürt man das Herzblut und den unbedingten Willen, Genregrenzen nicht nur zu berühren, sondern einzureißen.

Mozarts Eine kleine Nachtmusik wirkt danach wie ein ironisches Intermezzo – die höfische Eleganz wird gegen den Strich gebürstet und gewinnt eine wunderbar schmutzige Vitalität. Reiner musikalischer Humor, der zeigt, wie nah sich „ernste“ Kunst und vitale Volkskultur eigentlich sind.

Brahms’ dritte Sinfonie und Schumanns Klavierquintett folgen, bei Letzterem zeigt sich die traumwandlerische Sicherheit des Ensembles besonders deutlich: blitzschnelle Reaktionen, präzises Zusammenspiel und eine große Freude an dynamischen Kontrasten. Dvořáks Serenade für Streichorchester, Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre und schließlich Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester runden das Programm ab. Bei Schostakowitsch schließt sich der Kreis aus Ironie, Melancholie und tänzerischem Drive auf ideale Weise.

Das Label Avanti Classic hat dem Album eine hervorragende klangliche Bühne bereitet, die jede Nuance dieses kammermusikalischen Hexenkessels einfängt. Guttman und seine Mitstreiter beweisen, dass der Geist Astor Piazzollas lebendiger ist denn je. Sie kopieren ihn nicht – sie führen seinen Gedanken des Tango Nuevo mit den Mitteln der europäischen Tradition konsequent weiter.

„From Another World“ ist ein singuläres Ereignis auf dem aktuellen Klassikmarkt: geistreiches Vergnügen und sinnliches Fest zugleich. Man legt die CD ein und vergisst für eine Stunde die Welt da draußen. Genau das sollte große Musik im besten Fall leisten.

Dirk Schauß, im Juli 2025

 

From Another World
Guttman Tango Quintet
Avanti Classic, AVA10782

 

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