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CD: FRIEDRICH SCHNEIDER „CHRISTUS DER ERLÖSER“ – Oratorium; Kantorei Barmen-Gemarke, Sinfonieorchester Wuppertal, Alexander Lüken; ARS Produktion

08.01.2026 | cd

CD: FRIEDRICH SCHNEIDER „CHRISTUS DER ERLÖSER“ – Oratorium; Kantorei Barmen-Gemarke, Sinfonieorchester Wuppertal, Alexander Lüken; ARS Produktion

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Ein Zyklus von vier abendfüllenden Oratorien über das Leben Jesu – was Friedrich Schneider um 1822 plante, war seiner Zeit weit voraus. Drei der vier Werke vollendete der Dessauer Hofkapellmeister, dann geriet die Trilogie für über 200 Jahre in Vergessenheit. Jetzt liegt mit „Christus der Erlöser“ der Schlussstein einer dreiteiligen Veröffentlichtungs-Serie vor, die das Wagnis dieses vergessenen Visionärs erstmals vollständig dokumentiert.

Schneider (1786–1853) zählte zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Oratorienkomponisten Deutschlands. Im Schatten von Bach, Händel und Mendelssohn geriet sein ambitioniertestes Projekt jedoch in Vergessenheit. Mozartsche Lyrik verbindet sich hier mit mendelssohnscher Prachtentfaltung und effektvoller Dramatik – so könnte man die Farbe dieser Musik grob beschreiben. Vor allem bleibt Schneiders Tonsprache stets zugänglich: eingängige Melodien, klare harmonische Verläufe und packende Kontraste sorgen dafür, dass sich alles unmittelbar erschließt. Arien und Rezitative folgen in raschen Schnitten aufeinander – und ja: Der große Klangkörper, der in Wuppertals Immanuelskirche ein optimales Aufnahme-Umfeld vorfand, meistert die Wechsel zwischen den kontrastierenden Charakteren souverän.

Dass diese Ersteinspielung überhaupt zustande kam, verdankt sich dem außergewöhnlichen Engagement der Kantorei Barmen-Gemarke. Da ging ein organisatorischer und finanzieller Kraftakt weit über das Normalmaß eines semi-professionellen Chores hinaus. Alle drei CDs entstanden als „Produced in Concert“: Live-Mitschnitte mit behutsamen Korrekturen. Hier regiert nicht der Perfektionismus internationaler Festivalchöre, sondern die Lebendigkeit engagierter Musikerinnen und Musiker.

Das Sinfonieorchester Wuppertal reagiert hellwach, besonders wenn Patrick Grahl mit energischem Tenor temperamentvolle Dramatik entfacht. Unter den Solisten ragt Thomas Laske heraus: In der Satan-Arie entfesselt er zündende Energie mit packenden Crescendi. Seine Stimme besitzt jene warme Autorität, die ihn auch als Jesus-Interpreten in Bachs Passionen auszeichnet. Grahl, aus der Thomanerchor-Tradition kommend, erinnert mit geschmeidiger Stimmführung an Peter Schreier – die Judas-Szene gerät mit bebenden Streichertremoli zur beklemmenden Erzählung. Dorothea Brandt, als einzige Solistin in allen drei Trilogie-Teilen präsent, gestaltet die Maria-Arie „Ich träumte so wonnig“ mit Intimität und analytischer Klarheit. Ulrike Malotta und Annika Boos ergänzen mit stilistischer Wandlungsfähigkeit.

Der Chor „Kreuziget ihn!“ entfaltet furiose Wucht, der Schlusschor „Tod, wo ist dein Stachel?“ beschließt nicht nur dieses Oratorium, sondern die gesamte Trilogie triumphierend. Der Raumklang der Immanuelskirche erweist sich als transparent und weiträumig – die bewährte ARS-Qualität überzeugt auch bei großer Besetzung. Die unmittelbare Zugänglichkeit dieser Musik macht sie zu einem dankbaren Repertoire – auch für Chöre, die nach einer Alternative zum Standardrepertoire suchen. Wer Oratorien des 19. Jahrhunderts jenseits der kanonisierten Meisterwerke entdecken möchte, wird hier fündig.

Stefan Pieper

 

 

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