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CD: Franz Schubert The Testament. Mathieu Gaudet, Klavier Analekta, AN957

14.04.2026 | cd

CD: Franz Schubert The Testament. Mathieu Gaudet, Klavier Analekta, AN957

Mathieu Gaudet vollendet sein Schubert-Testament – Ein Abschied in Klang

aöekta

Es gibt Projekte, die sich wie eine Besteigung des Mount Everest anfühlen – nur dass der Berg aus Partiturseiten besteht und das Wetter von den Launen eines Wiener Genies abhängt. Mathieu Gaudet hat es geschafft. Nach sechs Jahren intensiver Arbeit legt der kanadische Pianist mit „The Testament“ den zwölften und finalen Band seiner Gesamteinspielung der Schubertschen Klaviersonaten vor. Wer nach elf Folgen Ermüdung befürchtet, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil: Gaudet wirkt auf dieser Zielgeraden wie ein Langstreckenläufer, der im Angesicht des Stadions plötzlich zu schweben beginnt.

Das Herzstück der Veröffentlichung ist die monumentale B-Dur-Sonate D 960 – Schuberts letzter Gruß an die Welt, entstanden im Schatten des nahenden Todes und doch seltsam frei von Bitterkeit. Gaudet nähert sich diesem Giganten mit Demut. Er verweigert den rein spektakulären Zugriff und setzt stattdessen auf eine klangliche Transparenz, die den Hörer unmittelbar berührt. Schon der Beginn des Molto moderato gelingt: Diese friedvollen Akkorde, unterbrochen von jenem berüchtigten Triller in der Tiefe – wie ein fernes Grollen aus einer anderen Welt –, setzt er mit einer Präzision, die den Puls des Hörers sofort mit dem Rhythmus der Musik synchronisiert.

Gaudets größte Stärke liegt in seinem untrüglichen Gespür für zeitliche Gestaltung. Er hetzt Schubert nicht durch die Wiener Gassen, sondern schenkt der Musik den Raum, den sie zum Atmen braucht. Die Phrasen formt er mit natürlicher Eleganz, die niemals künstlich wirkt. Man spürt das Erbe seiner Lehrer – besonders die Schule eines Leon Fleisher –, in der die Struktur des Werkes stets über der Eitelkeit des Interpreten steht. In der B-Dur-Sonate führt das zu Momenten von geradezu schmerzhafter Klarheit. Das Andante sostenuto in cis-Moll wird unter seinen Fingern zu einer stillen Meditation über Einsamkeit: Jede Note hallt nach wie ein Wassertropfen in einem ruhigen See. Gaudet spielt hier nicht nur Klavier – er erzählt eine Geschichte von Verlust und Resignation, ohne ins Larmoyante abzugleiten.

Einen wunderbaren Kontrast dazu bildet die frühe Sonate in e-Moll D 566. Hier begegnet uns der junge Schubert, ein Zwanzigjähriger, der vor Einfällen nur so sprüht. Gaudet erweckt diese lange vergessene und erst später rekonstruierte „kleine“ Sonate mit ansteckender Spielfreude zum Leben. Besonders das Scherzo platzt vor Energie und erinnert an den ländlichen Charme einer Bauernkapelle, die Schubert in die bürgerliche Stube geholt hat. Das Rondo-Finale zeigt den Pianisten von seiner humorvollen, tänzerischen Seite – mit einer Wiener Leichtigkeit, die ganz natürlich und unangestrengt wirkt.

Was diese Aufnahme so besonders macht, ist die gelungene Verbindung aus intellektueller Durchdringung und emotionaler Direktheit. Gaudet hat die lesenswerten Begleittexte selbst verfasst und beschreibt die B-Dur-Sonate als Werk, das die Grenzen der Sprache sprengt – als „türkisfarbenes Funkeln“ oder „mystischen Flug“. Genau diese poetische Qualität überträgt er auf sein Spiel. Sein Anschlag ist variabel: mal kernig und fest in dramatischen Ausbrüchen, dann wieder so zart und duftig, als bestünde die Tastatur aus Elfenstaub.

Die Produktion des Labels Analekta fängt diesen Klangfarbenreichtum hervorragend ein. Das Instrument besitzt Präsenz, ohne den Hörer zu überwältigen, und die Akustik lässt jene „himmlische Gewissheit“ spürbar werden, von der Gaudet in seinen Anmerkungen spricht. Es ist eine Aufnahme für Kenner, die keine weitere Hochgeschwindigkeits-Version suchen, sondern eine Interpretation, die zum Verweilen einlädt.

Mit diesem zwölften Band schließt sich ein großer Kreis. Mathieu Gaudet hat Schubert nicht einfach aufgenommen – er hat ihn durchlebt. Wenn im Presto-Finale der B-Dur-Sonate die letzten Akkorde mit Virtuosität und Verve verhallen, bleibt das Gefühl zurück, Zeuge einer wahrhaft großen Reise geworden zu sein. Es ist ein würdiges Testament für einen Komponisten, der zu früh ging, und für einen Pianisten, der sich die Zeit genommen hat, wirklich hinzuhören. Wer Schubert liebt, kommt an diesem Abschluss einer beeindruckenden Serie nicht vorbei. Es ist Musik, die einem gleichzeitig den Boden unter den Füßen wegzieht und eine feste, tröstende Umarmung schenkt.

Dirk Schauß, im April 2026

 

Franz Schubert
The Testament
Mathieu Gaudet, Klavier
Analekta, AN957

 

 

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