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CD FRANZ SCHUBERT „MESSE in AS-Dur“, D 678 – FRIEDER BERNIUS dirigiert den Kammerchor und die Hofkapelle Stuttgart; hänssler classic

08.01.2023 | cd

CD FRANZ SCHUBERT „MESSE in AS-Dur“, D 678 – FRIEDER BERNIUS dirigiert den Kammerchor und die Hofkapelle Stuttgart; hänssler classic

„Streben nach dem höchsten der Kunst und wahrer Andacht„ Schubert

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Groß ist der Plan: Eine „Missa solemnis“ muss es werden, am besten dem Kaiser gewidmet. Diese Aufgabe erwies sich offenbar als nicht einfach, brauchte Schubert für die Verfassung drei ganze Jahre (1819-1822). Damit nicht genug: 1825 machte sich Schubert an die Überarbeitung, schärfte im Ausdruck und entschärfte bei den Verzierungen der Violin- und der Tessitura der Chorstimmen. Die Schlussfolge im Gloria „Cum sancto spiritu“ schrieb er ganz neu. Der Grund dafür dürfte darin gelegen haben, dass sich Schubert mit der Messe 1826 um die Vizekapellmeisterstelle bei Hof bewerben wollte. Er übermittelte sie auch dem Kapellmeister Joseph Eybler, der die Musik als gut wertete, aber replizierte, sie sei ’nicht im dem Styl componirt, den der Kaiser liebt‘. Kaiser Franz I. wollte Messen hören, die kurz und leicht auszuführen waren. Also wurde nichts aus dem angestrebten Posten und die geplante Widmung an Kaiser Franz I. fand auch nicht statt.

Dass Schubert sein gesamtes Leben Kirchenmusik als bedeutenden Teill des künstlerischen Schaffens empfand, sei schon darin abzulesen, dass er seine erste Messe als Siebzehnjähriger, die letzte, die Es-Dur-Messe, im Jahr seines Todes fertig stellte. Die Beste in seinem Schaffen, die As-Dur Messe, ist seine Fünfte, ohne Auftrag oder einem bestimmten kirchlichen Fest im Auge entstanden. Schubert, der wie in all seinen Messen durchaus kirchenkritisch auf die Textzeile im Credo „Credo in unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam“ verzichtete, erwies sich in der As-Dur Messe als Neuerer und ungemein genialer Schöpfer. Im Kyrie und im Credo scheint formal der Symphoniker durch, die überirdische Schönheit der klassizistisch bis frühromantisch gefärbten Musik sucht ihresgleichen. Nicht von dieser Welt.

Die gegenständliche Aufnahme entstand im Oktober 2021, im Hegelsaal der Liederhalle Stuttgart. Frieder Bernius, Gründer des Kammerchors Stuttgart (1968), ist Pionier in der Erarbeitung von Chorwerken des Felix Mendelssohn-Bartholdy. Aktuell ist er in der kirchlichen Chormusik zu Hause wie nur wenige. Bernius steht für klassische, wohlproportionierte und chorisch geschliffene Interpretationen mit hoher spiritueller Dichte, all das im Rahmen einer historisch informierten Aufführungspraxis. Wie er im Interview mit dem Format Crescendo vom 11.7.2021 sagt, ist seine chorische Klangvorstellung von der schwedischen eines Eric Ericson geprägt, aber auch vom Klang der englischen Kathedralen beeinflusst. Er entwickelte auf Basis von Vokaltreue der deutschen Hochsprache sein Klangideal. Vokalverfärbungen duldet er nicht. Auch bei der Wiedergabe der As-Dur Messe hören wir einen schlank und instrumental geführten, intonationsreinen und in den Stimmgruppen ausbalancierten Chor, der engagiert zu Werke geht. Allerdings könnten die Chorsoprane in der hohen Lage Höhe doch etwas fülliger und freier klingen.

Im Ausdruck ist Bernius weniger grenzgängerisch als Nikolaus Harnoncourt, der das Stück nicht als Akt frommer Andacht, sondern als Schuberts leidenschaftliches Bemühen, den Tod zu bewältigen, ansah. Dazu passt, dass die Tonart As-Dur nach dem Empfinden des deutschen Musikschriftstellers Christian Friedrich Daniel Schubart die Gedanken von „Tod, Grab, Verwesung, Gericht, Ewigkeit“ zum Ausdruck bringt. Was Bernius und Harnoncourt verbindet, ist, dass beide Lesarten zutiefst packen und berühren, als auch die musikalische Qualität der As-Dur Messe als eine der bedeutendsten Schöpfungen in der christlichen Musiktradition belegen. Die Hofkapelle Stuttgart erklingt in beeindruckender dramatischer Intensität (Gloria). Das Solistenquartett ist mit Johanna Winkler (Sopran), Elvira Bill (Alt), Florian Sievers (Tenor) und Artu Kataja (Bass) gut besetzt. Bei der Tonqualität (Transparenz und Brillanz) sind Abstriche zu machen.

Hänssler classic hat schon eine Aufnahme der As-Dur Messe von Franz Schubert im Katalog, nämlich mit Donna Brown, Monica Groop, James Taylor, Michael Volle, dem Oregon Bach Festival Chorus sowie dem Oregon Bach Festival Orchestra in den künstlerischen Händen von Helmuth Rilling vom Juli 1996. Möge sich auch die neue, auf jeden Fall empfehlenswerte Aufnahme mit den Stuttgartern einer breiten Hörerschaft erfreuen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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