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CD: FRANZ SCHUBERT „HOFFNUNG“ – SAMUEL HASSELHORN und AMMIEL BUSHAKEVITZ mit der Fortsetzung ihres Projekts Schubert 200, 1828 – 2028; harmonia mundi

16.04.2026 | cd

CD FRANZ SCHUBERT „HOFFNUNG“ – SAMUEL HASSELHORN und AMMIEL BUSHAKEVITZ mit der Fortsetzung ihres Projekts Schubert 200, 1828 – 2028; harmonia mundi

hasse

Der deutsche lyrische Bariton Samuel Hasselhorn weiß wie musikalische Freundschaft geht. Gemeinsam mit dem Pianisten Ammiel Bushakevitz ist er dran, zum 200. Todestag von Franz Schubert 2028 eine Jubiläums-Edition vorzubereiten, peu a peu zu erarbeiten und mit Live- Konzerten zu garnieren. Fünf Alben sollen es werden, die sich vor allem mit dem Liedschaffen des späten Schubert befassen. „Die schöne Müllerin“ sowie ein Album mit dem Titel „Licht und Schatten“ sind schon erschienen. Soeben geht „Hoffnung“ an den Start. „Die Winterreise“  sowie „Schwanengesang & späte Lieder“ sollen 2027 bzw. 2028 folgen. 

Mit „Hoffnung“ gehen wir vor allem zurück ins Jahr 1826. Die Zeit war geprägt von Auseinandersetzungen von Monarchien alten Zuschnitts und liberalen Bestrebungen mit der Oberhand restaurativer Kräfte. Deutschland bestand noch aus zahlreichen Königreichen, Herzogtümern und freien Städten. Die prägende politische Figur in Europa war Clemens Wenzel Lothar von Metternich, unter dessen Ägide u.a. Pressezensur und politische Spitzelei herrschten.

Der 29-jährige Franz Schubert erlebte zwei Jahre vor seinem Tod noch eine besonders produktive Phase. Auf eine feste Anstellung und gesicherte finanzielle Einkünfte konnte er nicht bauen. Lichtblicke in Anbetracht der durch eine Syphilisinfektion angeschlagenen Gesundheit gab es zwar – so waren Reisen wieder möglich – doch waren die Emotionen rund um unerwiderte oder unmögliche Liebe, Krankheit und Einsamkeit weiter den Alltag und die Nächte bestimmend. Dementsprechend zeigen sich in Schuberts Kammermusik und den Liedern dieser Periode, wie dies Hasselhorn und Bushakevitz ausdrücken, „eine leichte Melancholie und bittersüße Sehnsucht selbst in den sonnigsten Augenblicken.“ Denn in Schuberts Musik „findet Glück selten in der Gegenwart statt; es ist entweder die Erinnerung an vergangene Freude oder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“

Positiv gesprochen gab es den Kreis besonders treuer Freunde, die Schubert nicht zuletzt via Lieder an seinen intimsten Gefühlen, Sehnsüchten, Reminiszenzen, Unsicherheiten und den Schmerz über zaghafte offizielle Anerkennung teilhaben ließ. Ich zähle Samuel Hasselhoff zu diesem engen, nachschöpfenden Freundeskreis Schuberts im Hier und Jetzt, der sich für die Verbreitung von Schuberts Liedern für eine jüngere Generation an Hörern mit Leidenschaft, Hirn und Überzeugung einsetzt.

Mit welch seismographischer Einfühlung in Text und Musik Hasselhorn die in Berlin im März 2025 aufgenommenen 20 Lieder vorwiegend nach Gedichten von Johann Gabriel Seidl, Ernst Schulze, Friedrich Rochlitz, Franz Xaver Freiherr von Schlechta und Eduard von Bauernfeld gestaltet, geht direkt zu Herzen. Mit lyrischer Zartheit und erzählerischem Feinsinn geht Hasselhorn den Seelenregungen der Protagonisten dieser melancholischen, freudig erregten bis dramatischen Miniaturen (wagemutig expressiv ‚Über Wildemann‘, D. 884) nach. Diese Qualitäten zeugen von einem unverbrüchlichen Band zwischen Interpreten und Komponisten. Intuition und Können, mannigfaltige Abschattierungen vor allem im Leisen und Stillen, Menschlichkeit pur bis in die kleinsten Verästelungen seelischen Wetterleuchtens, das sind die Zutaten, aus denen Hasselhorn und sein kongenialer Partner am Flügel, Ammiel Bushakevitz, ihre enge Verbundenheit mit Schuberts melodisch-harmonischen Klangwelten samt ihren unvergänglichen Botschaften an die Hörerschaft weiterreichen.  

Hasselhorn gibt als Schubertsänger der Extraklasse weder den analytischen Superchecker noch den netten Märchenonkel. Mit einfühlsamer narrativer Natürlichkeit entwickelt er jedes Lied aus Inhalt, musikalischer Vorgabe sowie symbiotisch spannungsgeladen eins mit dem die Gefühlslagen der „Helden“ magmatisch ausdeutendem Klavierpart. Der Bogen reicht vom „Im Freien“, D. 880 („Draußen in der weiten Nacht steh‘ ich wieder nun, ihre helle Sternenpracht lässt mein Herz nicht ruh’n. Tausend Arme winken mir süß begehrend zu, tausend Stimmen rufen hier, grüß dich, Trauter, du!“) bis zu dem so unendlich berührenden „Der Vater mit dem Kind“, D. 906. Es handelt sich um jenes Wiegenlied eines zugeneigten Vaters voller Wärme und liebender Aufmerksamkeit, dessen letzte Strophe auch als Motto des ganzen Albums dienen könnte: „Um einer ganzen Welt Gewinn gäb’ er das Herzenskind nicht hin! – Du Seliger schon in der Welt, der so sein Glück in Armen hält.“

Ja, auch solche wunderbaren Menschen und Augenblicke gibt es. Auf Ihnen darf ruhig unsere Hoffnung und ein wenig Zuversicht ruhen. Das gilt auch für die beiden Künstler des großartigen Albums, die sich Schuberts Liedern wortdeutlich, mit erzählerisch allseits verständlicher Klarheit in künstlerischer Demut angenommen haben. Dem schönen Projekt „Schubert 200“ ist mit diesem Album eine weitere fluoreszierende Wegmarke gelungen. 

Inhalt des Albums:

Im Freien, D. 880

Sehnsucht, D. 879

Über Wildemann, D. 884

Alinde, D. 904

An Silvia, D. 891

Die Blume und der Quell, D. 874

Im Jänner 1817 (Tiefes Leid), D. 876

An die Laute, D. 905

Fischerweise, D. 881

Im Frühling, D. 882

Der Wanderer an den Mond, D. 870

Das Zügenglöcklein, D. 871

Totengräberweise, D. 869

Ständchen, D. 889

Lebensmut, D. 883

Trinklied „Bacchus“ feister Fürst des Weins“, D. 888

Am Fenster, D. 878

Wiegenlied, D. 862

Um Mitternacht, D. 862

Der Vater mit dem Kind, D. 906

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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