CD FRANZ SCHUBERT: DIE SCHÖNE MÜLLERIN – GEORG NIGL begleitet von Alexander Gergelyfi am Tafelklavier; Alpha
Liedervexierspiel: Intime Nähe und geteiltes Geheimnis

Wie mag das gewesen sein, als Schubert und seine Freunde ihre Schubertiaden veranstalteten? Oder einfach zum Spaß in irgendeiner typischen Wiener Biedermeierwohnung mit ihren winzigen Zimmerchen musizierten? Man war sich nicht nur räumlich nahe, sondern kannte die Freuden, innersten Sorgen und Ängste der anderen. Insbesondere Franz Schuberts Schicksal, das der Komponist den unendlichen Stimmungen und Nöten nach in trefflichste universell gültige Lieder goss, sind ja voller versteckter Anspielungen und kleinster Nuancen des Wissens des einen um den anderen. Gab es da kleine Blicke oder fast unmerkliche Gesten, wenn eine entsprechende Stelle, Melodie oder ein Innehalten die Bande weit über die Kunst hinaus einte?
Denn bei Schuberts Zyklus „Die schöne Müllerin“ handelt es sich nicht nur eine mehr oder weniger banale unglückliche Liebesgeschichte, sondern eine himmeljauchzende bis schmerzliche Metapher für das Leben und den Tod im Leben selbst: Unschuldiger Start ins Leben, euphorische Erwartung, Vereint-Sein-Wollen in unbedingter Liebe, Enttäuschung, Einsamkeit, aggressive Obsession, Melancholie, Depression, Tod und Verklärung. Nirgendwo in der Musikgeschichte verlischt Leben tröstlicher als in Schuberts „Des Baches Wiegenlied“. Vielleicht gibt es Parallelen zu „Der Tod und das Mädchen“ nach Worten von Matthias Claudius, das Schubert 1817 vertonte, wo der Sensenmann dem Mädchen die Angst nehmen will, indem er ihr sanft in seinen Armen hinüber zu schlafen verspricht.
Georg Nigl nahm sich des so rührenden wie erschütternden Zyklus in einer Alpha Produktion an und lässt keinen Stein der jüngeren Aufführungsgeschichte auf dem anderen. Klar sind wir mittlerweile gewohnt, Lieder der Zeit mit einem Hammerklavier kombiniert zu hören. Aber ein handliches Tafelklavier von Carl Withum um das Jahr 1810 ist ja nochmals eine ganz andere Sache, von der Bauart, farbklanglich, vom Volumen her.
Die mit Leder bezogenen Hämmer, die geringe Saitenspannung, der beschränkte Resonanzraum, die wesentlich leichtere Mechanik und die raschere Dämpfung bewirken unter anderen, dass das in der Frühromantik vor allem in der Hausmusik verwendete Instrument vergleichsweise hell, in der unmittelbaren Wahrnehmung sogar wie ein Cembalo, eine Gitarre oder fallweise wie Glöckchenläuten klingt.
Georg Nigl, der hier nicht nur singt, sondern die von Schubert nicht vertonten Müller Gedichte spricht, ist demnach Sänger, Schauspieler, Erzähler und dunkler Poet. Das alles nicht nebeneinander als getrennte Disziplinen. In der Eindringlichkeit und Variabilität des Vermittelten steigt das Gefühl einer Art Reminiszenz an Wiener Volkssänger oder Volkstheatertraditionen auf.
Wenn Nigl singt, deklamiert er, wenn er spricht, singt er. Und immer kommuniziert er direkt mit seinem Publikum. Ob Nestroy oder Girardi das auch so handhabten, wäre eine akademisch hypothetische Frage. Aber dass Nigl mit seinem einzigartigen Sprechgesang, der ureigenen Art zu artikulieren, dem wesentlich kargeren Umgang mit balsamischem Legato bzw. vielleicht zusätzlich vermittelt durch die Aufstellung der Mikros eine unglaubliche Intimität erzeugt und hier stilistisch näher an Qualtinger, Heltau oder Schenk liegt als an Fischer-Dieskau ist, scheint mir evident zu sein.
Wobei sich dieser in den Sparten Oper, Operette, Wienerlied, Lied und zeitgenössische Musik gleichermaßen sattelfeste Künstler sowieso jedem Vergleich entzieht und längst zur eigenen Marke gereift ist, mit der Nigl an Popularität und Publikumsgunst nicht zufällig ständig zulegen kann.
Denn: Verständlichkeit und Einfachheit stehen stets im Vordergrund von Nigls großer Kunst, ohne dass auf ein seismisches seelisches Vibrieren des ständigen Aufs und Ab unseres Antihelden verzichtet werden muss. Es ist unendlich bewegend, wie Nigl als dieser Müllersbursche in „Neugier“ ängstlich das ‚Bächlein seiner Liebe‘ nach dem ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ der Zuneigung der Angebeteten befragt. Da hat die Müllerin aber schon längst ein Auge auf den schmucken Jäger geworfen.
Nigls Deutung zeichnet zudem eine schon lange nicht mehr so vernommene Individualisierung der Interpretation aus, was Rubati, Agogik, ergo die persönliche Aneignung der Lieder anlangt. Das erinnert ein wenig an die ungezwungenen Freiheiten, die sich Amateurinterpreten nehmen. Ich ziehe aus dieser Lesart überdies ferne Parallelen zu Nikolaus Harnoncourt anlässlich der Erarbeitung der Rezitative für seinen letzten Mozart/Da Ponte Zyklus im Theater an der Wien. Da sollte die natürliche Sprech- und Tonlage, die Betonungen sowie die emotionale Ausdruckskraft vom Rolleninterpreten letztlich nach seiner Facon über starre Konventionen hinaus an Bedeutung gewinnen. Und nicht nur die exakten Noten repetiert werden. Wenngleich Nigl sich natürlich an die Partitur hält, lässt er jedoch, was Phrasierung, gehörte Interpunktionen und Tempi anlangt, sein ganz persönliches Sein in die Gestaltung einfließen. So als wäre er selbst dieser junge Bursche in all seinen zarten Hoffnungen, seiner Qual und Erlösung.
Dabei würde ich es verneinen, von einer primär historisierenden Interpretation zu sprechen. Denn Nigl erschafft im Wissen um Elemente historischer Fakten eine quicklebendige moderne Figur, die jeder oder jede unter uns sein könnte bzw. die eine stupende Identifizierung über die bloße Geschichte hinaus ermöglicht. Das kreative Schubert-Geheimnis des Georg Nigl liegt vielleicht genau darin, dass er mit einem kleinen Blick in den Rückspiegel der Musikgeschichte die Figur des unglücklich Liebenden und Lebenden plastischer und heutiger erstehen lässt als es vielen anderen, die den Zyklus gesungen haben, gelungen ist. Nigls „Die schöne Müllerin“ geht uns einfach alle an.
Dr. Ingobert Waltenberger

