CD: Franz Schubert Die schöne Müllerin D. 795 Georg Nigl, Bariton und Erzähler Alexander Gergelyfi, Klavier Alpha Classics, Alpha 1252
Tafelklavier und Bariton werfen das gewohnte Romantikbild über den Haufen

Der Musikkatalog gleicht zurzeit einem dicht besiedelten Acker, auf dem kaum noch ein Halm Platz findet, der nicht schon von Dutzenden Sängern umgepflügt worden wäre. Wer es 2026 wagt, eine Gesamteinspielung der Schönen Müllerin im Studio aufzunehmen, setzt sich der Gefahr aus, gähnendes Desinteresse auszulösen. Man kennt den Leidensweg des armen Burschen schließlich in- und auswendig, hat ihn von sämtlichen stimmlichen Schwergewichten der vergangenen hundert Jahre in allen Tonlagen vorgeführt bekommen. Doch Georg Nigl und der historische Tastenspezialist Alexander Gergelyfi verweigern das altvertraute Ritual. Sie holen den Liederzyklus aus dem gepflegten Schauder des modernen Konzertbetriebs und pflanzen ihn zurück in den intimen Rahmen, für den er einst erfunden wurde.
Schuld an dieser Transformation ist ein unscheinbares Holzmöbel aus dem badischen Baden-Baden, gefertigt um 1810 von Carl Withum. Das Instrument hat die Ausmaße eines etwas zu groß geratenen Servierwagens, besitzt Tasten aus Ebenholz und Knochen und klingt in den ersten Sekunden so schockierend fremd, dass der unbedarfte Hörer kurz nach dem Lautstärkeregler greift. Das Tafelklavier meckert, klappert und schnarrt mit einer geradezu schauervollen Begeisterung. Man wähnt sich nicht in einem akustisch austarierten Saal, sondern sitzt in einer leicht muffigen Biedermeierstube, während der Hausherr höchstpersönlich die Filzhämmerchen auf die Darmsaiten prügelt.
Wer von einem modernen Steinway verwöhnt ist, der mit stählerner Brust jeden Sänger mühelos niederwalzen kann, muss umdenken. Wenn Gergelyfi das erste Lied anstimmt, knackt die Mechanik derart trocken, als würde das filigrane Gestell bei der nächsten Strophe in seine historischen Einzelteile zerfallen. Es ist ein holziger, erstaunlich trockener Klang, dem jede künstliche Räumlichkeit abgeht. Das Instrument besitzt Kniehebel statt moderner Pedale. Betätigt man den Lautenzug, verdunkelt sich der Tonteppich zu einem intimen, spukhaften Harfenklang. Der Mühlenbach rauscht hier nicht als plätschernder Seidenstoff, sondern als rustikales Holzwerk.
Georg Nigl nutzt diese drastische Verkleinerung des Klangraums für ein vokales Experiment, das die Statik der Schubert-Rezeption erschüttert. Befreit von der Verpflichtung, eine große Halle bis in die letzte Reihe auszuleuchten, verweigert der Wiener Bariton jeglichen opernhaften Schmelz. Nigl singt nicht im herkömmlichen Sinne – er spricht, flüstert, raunt und dekoriert die Vokale mit einer Beiläufigkeit, die bisweilen an ein intimes Kammerspiel erinnert. Seine Stimmführung wirkt tenoral wendig, er bewegt sich in der Agogik mit vollkommener Narrenfreiheit. Er dehnt die Tempi, hält den Atem an, beschleunigt mitten im Satz und verweigert konsequent jenen süßlichen Schmerz, den man dem unglücklichen Müllersburschen seit Generationen andichtet.
Die Produktion beschränkt sich zudem nicht auf die bloße Abfolge der Notenseiten. Nigl schlüpft in die Rolle des Bänkelsängers und zieht jene Gedichte Wilhelm Müllers heran, die Franz Schubert bei seiner Vertonung schlicht übergangen hat. Er rezitiert den Prolog, den Epilog sowie die verwaisten Zwischentexte mit einer herrlich trockenen, fast spöttischen Diktion. Plötzlich bekommt die vertraute Geschichte ein völlig anderes Skelett. Wilhelm Müller erscheint nicht mehr als verstaubter Romantiker, sondern als gewitzter Dramatiker, der sein eigenes Drama mit ironischer Distanz begleitet. Das Ganze entwickelt die Dynamik eines Berliner Liederspiels aus den 1820er Jahren, bei dem Text und Musik als gleichberechtigte Partner gegeneinander antreten.
Alexander Gergelyfi erweist sich dabei als Begleiter von gnadenloser Aufmerksamkeit. Er gibt keine bequemen Harmoniepolster vor, sondern wirft seinem Sänger messerscharfe Impulse zu. Mal lässt er das Tafelklavier wie einen alten Drehorgelkasten schrammeln, im nächsten Augenblick zaubert er eine meditative Stille aus dem Holz. Das Zusammenspiel der beiden Musiker wirkt vollkommen unverkrampft. Man spürt das Vergnügen zweier Überzeugungstäter, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen und dabei genüsslich alle Konventionen des modernen Liedgesangs über den Haufen werfen.
Die Aufnahme fordert den Hörer. Wer nach dem gewohnten Wohlklang sucht, nach der vollmundigen Kantilene und dem mächtigen Bassfundament, wird sich an diesem hölzernen Skelett stoßen. Die Stimme steht extrem nah im Raum, ja schon eher unangenehm direkt am Ohr. Man hört das Einatmen des Sängers, das Filzklappern der Mechanik, die Arbeit des Holzes. Das ist unpoliert, rau und frei von jedem akademischen Weihrauch.
Eine genaue Betrachtung der Aufführungspraxis zeigt, wie sehr wir uns in den vergangenen hundert Jahren an das Diktat des großen Konzertsaals gewöhnt haben. Die Sänger des 19. Jahrhunderts wandelten sich mit dem Bau riesiger Säle zu Helden der Lautstärke, und das Kunstlied wurde zur öffentlichen Demonstration angeblich authentischer Gefühle umgedeutet. Nigl und Gergelyfi drehen dieses Rad der Geschichte mit erstaunlichem Eigensinn zurück. Sie befreien die Dichtung von der Patina der Ehrfurcht und holen Schubert vom Sockel des unantastbaren Klassikers.
Man muss diese Radikalität nicht in jedem Ton lieben. Manches Lied wirkt durch den ständigen Wechsel von gesprochener Prosa und gesungener Strophe in seinem musikalischen Fluss gehemmt. Die Agogik Nigls grenzt an manchen Stellen an Eigenwilligkeit, wenn er die Phrasen gar zu sehr dehnt oder die Silben wie ein Schauspieler auf der Probebühne zerkaut. Doch diese kleinen Sperrigkeiten gehören zum Konzept. Sie verhindern, dass man es sich in den vertrauten Melodien allzu bequem macht.
Alpha Classics liefert mit diesem Album eine Einspielung, die polarisieren wird. Georg Nigl und Alexander Gergelyfi beweisen, dass man ein übernutztes Meisterwerk nicht neu erfinden muss, um es wieder hörbar zu machen. Es reicht, das alte Instrument aus dem Salon zu holen, den Staub von den Tasten zu pusten und den Notentext so unverschämt ehrlich zu behandeln, als wäre die Tinte erst gestern getrocknet.
Dirk Schauß, im August 2026
Franz Schubert
Die schöne Müllerin D. 795
Georg Nigl, Bariton und Erzähler
Alexander Gergelyfi, Klavier
Alpha Classics, Alpha 1252

