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CD: Franz Schubert Complete Piano Sonatas Vol. 2 Martin Helmchen, Klavier Alpha Classics, Alpha1283

07.11.2026 | cd

CD: Franz Schubert Complete Piano Sonatas Vol. 2 Martin Helmchen, Klavier Alpha Classics, Alpha1283

Martin Helmchen schreitet durch Schuberts Labyrinth

helm

Franz Schubert war kein weltabgewandter Träumer, der auf Wolken wandelte, während um ihn herum das biedermeierliche Wien in den Notariatsakten versank. Er war ein Wanderer im eigenen Labyrinth, einer, der die Abgründe unter dem glatten Parkett sehr genau kannte und die Hörer mit schlafwandlerischer Sicherheit direkt an den Rand des Schwindels führte. Wer den Wiener Meister auf dem heimischen Flügel schlicht mit aufgebauschter Innerlichkeit ausstatten möchte, hat den Kern der Sache gründlich missverstanden.

Martin Helmchen legt nun den zweiten Stein seines ambitionierten Denkmals vor und macht unmissverständlich klar, dass er zu jenen seltenen Solisten gehört, die diesen Kosmos nicht mit Samthandschuhen anfassen, sondern ihn mit wachem Verstand und stupendem Anschlag befragen. Auf einem Bösendorfer-Flügel, der mit seiner warmen, sonoren Singbarkeit wie für diese Musik geschaffen ist, blättert er Sonaten auf, deren Satzfolgen die philologische Forschung bis heute in Atem halten. Es ist eine Gratwanderung zwischen rauer Wirklichkeit und jener jenseitigen Schlichtheit, die bei Schubert stets nur die Maske für das ganz große Drama ist.

Schon die Es-Dur-Sonate D 568 beginnt mit jenem unschuldigen Unisono, das sich im nächsten Moment in eine herbe Moll-Sphäre verdüstert. Helmchen sucht hier nicht den billigen Wohlklang, sondern lässt die Risse im Gefüge hörbar werden. Da wird kein falsches idyllisches Bild bemalt, sondern die fragile Balance aus tröstlicher Dur-Harmonie und drohender Verlorenheit souverän austariert. Wenn der späte G-Dur-Abend in Gestalt der berühmten Sonate D 894 anbricht, öffnet sich ein Raum von seltener atmosphärischer Dichte. Die langen Akkorde des Beginns sind kein bequemes Ruhekissen, sondern ein tastendes Befragen der eigenen Existenz, ein vorsichtiges Ausloten von Tonalität und Stille. Helmchen drängt sich niemals in den Vordergrund, er zieht sich hinter den Notentext zurück, um den Komponisten ungeschützt sprechen zu lassen. Dabei verfügt er über eine Anschlagskultur, die feinste Nuancen erlaubt, ohne jemals akademisch zu verkrampfen. Die abrupten Stimmungswechsel in der a-Moll-Sonate D 845, dieses ständige Schwanken zwischen martialischem Aufbegehren und tiefster, weltentrückter Versunkenheit, erhalten hier eine physische Dringlichkeit, die den Hörer unweigerlich auf die Kante des Stuhls zwingt. Die Klopf-Figuren der Streicher werden bei ihm auf dem Tasteninstrument zu echten Schicksalsschlägen, die keine Widerrede dulden. Und wenn im Finale jene scheinbar barrierefreie Leichtigkeit einsetzt, weiß man längst, dass man diesem Strom nicht trauen darf, weil Schubert im nächsten Takt den Boden unter den Füßen wegzieht. Helmchen nimmt diese Unebenheiten an, statt sie glattzubügeln. Die Ergänzungen von Paul Badura-Skoda für die fragmentarische f-Moll-Sonate D 625 fügen sich nahtlos in diesen Gestus ein, als habe der Komponist sie eigenhändig so gewollt.

Das Ergebnis ist eine Gesamteinspielung im Werden, die frei von jeder gefälligen Routine das Risiko des Hörens sucht und dem großen Franz Schubert jene kantige, widersprüchliche Wahrheit zurückgibt, die ihm im Konzertsaal viel zu oft glattgebügelt wird.

Dirk Schauß, im November 2026

Franz Schubert

Complete Piano Sonatas Vol. 2

Martin Helmchen, Klavier

Alpha Classics, Alpha1283

 

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