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CD FRANZ SCHMIDT „COMPLETE SYMPHONIES“ – FRANKFURT RADIO SYMPHONY, PAAVO JÄRVI; Deutsche Grammophon

07.11.2020 | cd

CD FRANZ SCHMIDT „COMPLETE SYMPHONIES“ – FRANKFURT RADIO SYMPHONY, PAAVO JÄRVI; Deutsche Grammophon

Pianist, Dirigent, Cellist, Hochschulprofessor, hoppla Komponist war Franz Schmidt ja auch noch, der Schöpfer des „Buchs mit sieben Siegeln“ etwa. Die chromatische Fuge daraus zu Ende des ersten Teils, in der Erdbeben, Wassermassen und Feuer lautmalerisch streng kontrapunktisch exekutiert werden, gehören garantiert zum Sportlichen für Chorleute. Eine Apokalypse in Tönen, für den Wiener Singverein geschrieben und von diesem auch oftmals herausragend interpretiert. 

Am anderen Ende der Komplexitätsskala steht das berühmte Intermezzo aus Schmidts Oper „Notre Dame“, Edelkitsch mit Schmachtfaktor, der die Augen von Wunschkonzertfans glasig werden lässt. Dieses Stück findet sich in der von der Deutschen Grammophon soeben veröffentlichten Box mit allen vier Symphonien von Franz Schmidt. Wir haben es ausschließlich mit Live Einspielungen aus dem hr-Sendesaal in Frankfurt, die im Zeitraum 2013 bis 2018 entstanden sind, zu tun.

Auf Tonträgern sind die Symphonien von Franz Schmidt nach wie vor absolutes Randrepertoire (Naxos hat eine Einspielung mit Vassiliy Sinaisky und dem Malmö Symphonie Orchestra vorgelegt, Fabio Luisi mit dem MDR Sinfonieorchester). Nur die Vierte erfreut sich höherer Beliebtheit. Der neue Chef der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko zählt sie sogar zu seinen Lieblingsstücken.

Kompositionsschüler von Anton Bruckner, verdiente sich der junge Schmidt sein Geld zuerst als Cellist im Orchester der Wiener Hofoper und bei den Wiener Philharmonikern. Er war aber auch Teil eines Streichquartetts, in dem Schönbergs Freund Oskar Adler die erste Geige spielte. Seine Werke sind spätromantisch grundiert, manche von ihnen wie die vierte Symphonie oder das „Buch mit sieben Siegeln“ machen heute noch kühn aufgefrischt durch die Errungenschaften der Neuerer Mahler und Schönberg um die Jahrhundertwende Staunen.

Ungarn, die Slowakei, Wien, der genius loci der Musik von Franz Schmidt ist klar regionalisiert. Die erste frühromantisch angehauchte Symphonie in E-Dur des 25-jährigen errang immerhin den Beethoven Preis der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Melange aus neoklassisch barocken Elementen, magyarisch gefärbten Einsprengseln, originell eingesetzter Variationentechnik reift bei allen guten und bisweilen durchleuchtenden Vorbildern zu einem durchaus bekömmlichen Produkt. 13 Jahre später vollendete Schmidt seine Zweite in Es-Dur. Zunächst als Klaviersonate konzipiert, entwickelte sich die dreisätzige zweite Symphonie zu einer monumentalen Klangarchitektur à la Richard Strauss oder Mahler. Wer Strauss Tondichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ für geschwätzig hält, wird das vielleicht auch beim ersten Satz dieser Symphonie empfinden. Mir gefällt dieses Werk auf jeden Fall besonders gut. Im zweiten Satz klingt sogar der Broadway an, die Musik gewinnt ungemein an bildlicher Plastizität. War es für Gershwin der „Amerikaner in Paris“, so ist es bei Schmidt nicht minder bezeichnend „Der Wiener in Wien“.

Erst 14 Jahre später machte sich Schmidt wieder daran, eine Symphonie zu schreiben, die der Komponist als Wettbewerbsbeitrag zum „Schubert Centennial Contest“ 1928 einreichte. Nicht nur das Orchester der A-Dur Symphonie ist auf Schubert’sche Dimensionen reduziert, atmosphärisch gibt sich die Symphonie lyrisch sehnsuchtsvoll, melodienselig, heiter sonnig, pastoral. Biographisch bedingt darf die vierte Symphonie in C-Dur als persönliches Bekenntniswerk gelten. Vom Komponisten selbst als „Requiem für seine Tochter“ (Anm.: Emma) tituliert, ist sie das „wahrste und innerlichste“ seiner Symphonien.

Dem hr-Sinfonieorchester (=Frankfurt Radio Symphony) unter der Leitung des estnischen Dirigenten Paavo Järvi (er folgt hier seinem Vaters Neeme Järvi, der schon in den 90-er Jahren für das Label Chandos eine Schmidt-Gesamteinspielung vorgelegt hat) gelingt mit Abstand die bisher künstlerisch und klangtechnisch beste Aufnahme auf dem Markt. Nie bombastisch oder klanglich dick, hören wir wunderbar transparente und sich von Werk zu Werk steigernde Interpretationen dieser noch zu entdeckenden Juwelen der klassischen Moderne. Järvi ist die Begeisterung für die Strukturen, aber auch für den durchaus feinen Klangsinn des Komponisten anzumerken. Der Schwung, der Elan, der gekonnte Walzerdreh – Järvi legt mit dieser epochalen Einspielung nicht nur ein präzises Momentum zu großer Musik ab, sondern fordert damit auch die anderen Spitzenorchester heraus, sich mit dem symphonischen Schaffen von Franz Schmidt auseinanderzusetzen. Eine Einspielung  etwa mit den Wiener Philharmonikern wäre überfällig. Die Zweite mit Semyon Bychkov war ja schon einmal ein  guter Anfang.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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