CD: FRANZ LISZT: VIA CRUCIS – Die 14 Stationen des Kreuzwegs, PETER CORNELIUS: „SEELE, VERGISS SIE NICHT“; BR-Klassik
PETER DIJKSTRA dirigiert den noch in der Stille monumentalen Chor des Bayerischen Rundfunks

Wieder haben wir es nach Robert Schumanns auf Tonträger von Andreas Tarkmann zu einem Klarinettenkonzert umgemodelten Violinkonzert in d-Moll (Besprechung Online Merker vom 15.9.2026) mit einem Stück zu tun, dass zu Lebzeiten des Komponisten nicht publiziert, geschweige denn aufgeführt worden ist. Die Rede ist vom 1878/79 entstandenen Zyklus „Via crucis“ für Soli, Chor und Klavier von Franz Liszt, einer radikalen Vertonung der 14 Stationen des Kreuzwegs samt Einleitung und „O crux ave“. Liszt hatte bereits 1865 die niederen Weihen empfangen, was sich u.a. darin bemerkbar machte, dass er auf zeitgenössischen Abbildungen nur noch als Abbé in Soutane sichtbar war.
Uraufgeführt am Karfreitag 1929 in Budapest, führt uns „Via crucis“ einen im Gegensatz zu den vertrackten Klaviereskapaden des jungen Komponisten aufs Äußerste reduzierten und dissonant chromatisch avantgardistischen, metrisch schiefen Franz Liszt vor. Ich bin mir sicher, dass, falls heute auf einer Musikhochschule das Werk ohne nähere Angaben vorgespielt würde, ein Ratespiel über die Entstehungszeit einige Riesen-Irrtümer bereit hielte. Denn romantisch im herkömmlichen Sinn klingt hier gar nichts, sondern eher wie eine stockend verwehende Reminiszenz an Palestrina bis Bach ins 21. Jahrhundert katapultiert. Wobei manch zeitgenössisches Stück neoklassischer Machart im direkten Vergleich wie allzu süßer Cremepudding klingt.
Liszt soll beim Schreiben der Klangbilder von der Verdammnis zum Tode Christie bis zur Grablegung die Karfreitagsprozession im römischen Kolosseum im Sinne gehabt haben. Er baute in die rudimentär, sperrig isolationistische Tonfolgen und Modulationen getauchten musikalischen Kontemplationen den lateinischen Hymnus ‚Vexilla regi‘“, Friedrich Spees Passionslied ‚O Traurigkeit, o Herzeleid‘ sowie Paul Gerhardts ‚O Haupt voll, Blut und Wunden‘ ein.
Das Klavier erhielt weit über eine begleitende Funktion hinaus ganze Sätze oder Zwischenspiele als „instrumentale Mediationen“ übertragen. Wolfgang Stähr drückt die Quintessenz von Liszts später „Bitternis des Herzens“ in seinem Aufsatz „In der Stunde des Todes“ so aus: „Franz Liszt verweigert den Trost nicht, aber er weiß auch um den Abgrund der Trauer, der Leere, der Sinnlosigkeit. Um die schwärzesten Stunden, wenn die Nacht nicht enden will.“ Was für eine zutreffende Beschreibung der im Innersten unsagbaren Emotionen, die einen beim Hören dieser von ruhig fließenden bis kantig eruptiven Musik durchdringen wie scharfe Stiche. Dunkle Visionen einer postapokalyptischen Welt machen sich breit.
Das antikisch Große an der Einspielung durch den Chor des Bayerischen Rundfunks unter Peter Dijkstra ist, dass die legendäre Klangkultur und Wortdeutlichkeit des Ensembles vollkommen in den Dienst einer expressiven Wahrhaftigkeit im Sinne einer asketischen Introspektion gestellt werden. Die den Choristen übertragenen solistischen Aufgaben blitzen wie Bilder im Bild auf und verschwinden wieder.
Den wüstensteinigen Boden des letzten Gangs Jesus bereitet das Klavier auf. Herbert Schuch mäandert in differenziertesten Anschlagsnuancen zwischen bruchstückhafter Schilderung, schroffen Nägelschlägen und ins Jenseits zielenden, abstrakt transzendierten Klängen.
Die Live-Aufnahme „Via crucis“ aus dem Prinzregententheater vom 5.4.2025 wird gerahmt von zwei Kompositionen des Mainzer Allrounders Peter Cornelius: Das Requiem „Seele, vergiss sie nicht, Seele, vergiss nicht die Toten!“ nach einem Gedicht von Friedrich Hebbel für gemischten Chor und „Requiem aeternam“ für Männerchor a cappella, o. op.
Hier wird das futuristische Universum des späten Liszt der hochromantischen Klangsprache des Cornelius gegenübergestellt. Der Chor des Bayerischen Rundfunks darf in diesen Studioaufnahmen berückend schön einem harmonisch schmelzreichen Zusammenklang frönen.
Dr. Ingobert Waltenberger

