CD FRANZ LISZT: ANNA LEYERERs fantastischer pianistischer Parforceritt: Mazeppa, Wilde Jagd, 4 Valses oubliées u.a.; hänssler classic
Spektakuläres Debütalbum: (zu)packend, exzentrisch, ekstatisch

Die Finger fliegen über die Tasten, so auf weiter Ebene des edlen Tieres Mähne, die sich im Wind zaust: Wir sehen förmlich den feschen Pagen des Königs, nackt auf den Rücken des Pferdes gebunden, dem hitzigen Ross die Sporen in die Flanken getreten und ab geht’s über Stock und Stein. Der junge historische Mazeppa hätte sich wohl lieber nicht mit der Frau eines eifer- wie rachsüchtigen Aristokraten einlassen sollen. Oder doch, sonst hätten wir die märchenhafte Geschichte nicht, die Franz Liszt zu diesem dramatischen vierten Stück des Zyklus „Douze études d’exécution transcendante“ inspiriert hat. Hunderte Kilometer soll das Pferd galoppiert sein, bis es kollabierte, der schwer verletzte Mazeppa von Kosaken aufgenommen und gepflegt wurde. Wenn Liszt eines kann, dann solchen Szenen in pianistischer Bravour lautmalerische Anschaulichkeit zu verleihen.
Die russische, in Wien lebende Pianistin Anna Leyerer, ist eine begnadete Liszt Pianistin. Da stimmt einfach alles: Technische Reife und Anschlagskraft, tonbildhauerischer Ausdruckswille und, ganz wichtig, der gehörige Schuss musikalischer Exzentrizität, der erst die rasende Bravour dieses Komponisten begreif- und erlebbar macht. Was dazu für eine großartige Geschichtenerzählerin Anna Leyerer ist, die nicht nur in „Mazeppa“ eine Natur malt, die der seelischen Wildniss der Menschen entspricht, sondern auch die „Wilde Jagd“, das achte Stück des zuvor zitierten Zyklus, mit ihren nächtlich wütenden Geistern beinah filmisch nachvollziehbar macht. Natürlich ist das kein pianistischer Realismus, dem hier gehuldigt wird, sondern wir werden Zeuge einer vollendeten Klavierkunst, der auf dem Album mit klanglicher Zauberei zu prallem Atem verholfen wird. Diese Musik des Zuviels, mit der ich persönlich oft meine Kämpfe auszufechten habe, hört sich in den Händen von Anna Leyerer frisch und aus dem Moment erfühlt, quasi wie neugeboren an.
Dass die Pianistin nicht nur verwegen tastentigernd auftrumpfen kann, sondern auch musikalisch top ist, zeigt sich bei den vier Valses oubliées. Opernhaft sanglich in teuflisch muskulöser Eleganz strömen die fast 20-minütigen „Reminiscences de Don Juan“ dahin, ein pianistisch aberwitzig anspruchsvolles Frühwerk Liszts, das einige markante Themen aus Mozarts Oper Don Giovanni in einem balladenhaften Erzählfaden bündelt. Die „Paraphrase de concert sur Ernani II“ begnügt sich mit zwei Motiven aus dem dritten Akt, Leyerer schichtet pianistisch satte Rembrandt-Farben zu einem orchestralen Rausch. Nach der „Romance oubliée“ und dem Gassenhauer der sechsten Ungarischen Rhapsodie stellt uns Anna Leyerer „Islamey“ des russischen Komponisten Milij Balakirev vor. Liszt hatte es selbst im Repertoire und führte es wegen der gefürchteten Schwierigkeiten am Ende mit „schrecklicher Wonne“ auf. Ob die Pianistin ähnlich wie Liszt empfindet, weiß ich nicht, diese orientalische Fantasie hört sich hier mit all ihren amüsanten Vertracktheiten eigentlich als ganz selbstverständlich an: Ja, gewusst, wie!
Dr. Ingobert Waltenberger

