CD FRANZ LISZT: 12 GRANDES ÉTUDES – AURELIA VISOVAN auf einem STEINGRAEBER 1873; Passacaille

„Es sind wahre Sturm- und Graus-Étuden für höchstens zehn oder zwölf auf dieser Welt; schwächere Spieler würden mit ihnen nur Lachen erregen.“ Robert Schumann in der ‚Neuen Zeitschrift für Musik‘.
In drei Stufen erarbeitete Franz Liszt das wohl spektakulärste „Übungsprogramm“ für angehende Pianisten: 1826 versuchte sich der junge Liszt an der „Étude en douce exercises“. 1837 überarbeitete er die Étude als virtuoser Berserker und „Visionär“ zu den berühmt-berüchtigten 12 Grandes Études.
Diese liegen seit einigen Monaten erstmals in einer Einspielung auf einem historischen Flügel vor. Und zwar nicht irgendeinem, sondern die rumänische Pianistin und Cembalistin Aurelia Vișovan wählte genau das Instrument, auf dem Liszt selbst in Bayreuth des Öfteren extemporierte. Es befindet sich heute im Rokoko-Salon des Steingraeber-Hauses in Bayreuth. Eine dritte Phase der Transformation endete 1851/52, als Liszt die 12 Grandes Études zu den Études d’éxécution transcendante glättete und kürzte.
Bei den 12 Grandes Études (Spieldauer des Albums 83.30 Minuten) handelt es sich um gigantomanische Studien eines prometheischen Geistes vor dem Feuerraub. Als wollte Liszt seine Pianistenzunft auf die Probe stellen, was denn gerade technisch an Griffen, Sprüngen und Tonschichtungen noch machbar ist, welche „Tonartenwechsel oder chromatischen Modulationen“ die Einbildungskraft noch hergeben.
Die überaus fantastische, technisch und musisch gleichermaßen brillante wie wahrlich zupackende Pianistin Aurelia Vișovan weist in ihrem Exposé im Booklet auf die besondere Notationsweise hin, die Liszt fast nur in dieser Fassung nutzte. Dazu dienend, subtile Veränderungen in der Agogik und im Timing zu kennzeichnen, die über das „Accelerando und Ritardando hinausgehen, schrieb er eine gerade Linie über den Notentext, um eine kurze Beschleunigung des Tempos auszudrücken, ebenso eine doppelte Linie, die an den beiden Enden geschlossen war, um eine Verlangsamung“ zu gewärtigen, „und schließlich eine kurze, an beiden Enden offene Doppellinie, um ein leichtes Verweilen auf einer bestimmten Note oder Notengruppe“ zu erreichen.
Auf Basis dieser authentischen Grundlage der Tempogestaltung interpretiert Vișovan, alle Raffinessen des Klangs des Steingraeber-Flügels auskostend, diese ausgeflippten Grandes Études „mit viel Bewegung und Flexibilität innerhalb der Phrasen.“
Dabei wirkt Vișovan nicht als bloß souveräne Superathletin des Klaviers, als Extrembergsteigerin einer der steilsten und eisigsten Partituren der Klaviergeschichte. Sie erweist sich als dramaturgisch mutig und energetisch kraftvoll, lässt sozusagen dem ästhetisch größenwahnsinnigen Liszt seine überschäumend monströsen Launen. Artikulatorisch agiert sie ausgesprochen theatralisch.
Der Klang dampft und zischt im ‚Presto‘ in C-Dur und ‚Molto vivace‘ in a-Moll. Vișovan weiß hingegen genau um die Klippen einer exzessiven Pedalierung. Hören Sie etwa das poetisch hingezupfte, später als ‚Paysage‘ bezeichnete ‚Poco adagio‘ in F-Dur.
Die Pianistin meidet jegliche unnötige Verschmelzung von Akkorden, wo die Satztechnik ohnedies schon so dicht angelegt ist, dass man Gefahr läuft, die Bäume vor lauter Wald nicht mehr wahrnehmen zu können. In der vierten, als ‚Mazeppa‘ auch kammermusikalisch bzw. orchestral bekannt gewordenen Étude gelingt es der Pianistin, erzählerisch elektrisierend auszuholen und gleichzeitig die technisch anspruchsvollen Figuren in ihrer ganzen Unduldsamkeit galoppieren zu belassen.
Die fünfte Étude in B-Dur nimmt in ihren jahrmarktglitzernden Perlagen koboldisch impressionistische Züge, kurz und gut etwas salonmalerisch Passioniertes an.
In der sechsten Étude ‚Largo patetico‘ ist zuerst einmal nur die linke Hand gefragt, dann sind orchestrale Wirkungen in cinemascope-artig entzerrtem Format zu bewundern.
Die 1851 als ‚Eroica‘ bezeichnete Étude in Es-Dur klingt weniger heroisch als man denken möchte. Hier scheint vielmehr Liszts Lust am harmonischen Experiment ausgeprägt. Am Horizont zeichnen sich bereits Mussorkgskys herbe Kühnheiten ab.
Die achte Étude in c-Moll, die mit ihrer fast 10-minütigen Spielzeit einer Konzertfantasie gleicht, wird von Vișovan selbst als fast unspielbar bezeichnet. Der Hörer fühlt, in einem Sog an Musik zu versinken, in einen Rausch an Klängen zu tauchen wie in tosendes Meer. Elementar in jeder Hinsicht!
Bei der vom Komponisten durch Jahrzehnte am stabilsten gehaltenen neunten Étude in As-Dur hat Vișovan am Ende einige Takte hinzugefügt, die sie in einem Buch von Lina Ramann über Liszt aufgestöbert hat und die der Komponist selbst bei einer Aufführung des Stücks ergänzt haben soll. Es handelt sich bei diesem später als ‚Ricordanza‘ bezeichneten Werk als das lyrisch auspendelnste von allen.
Die zehnte Étude in f-Moll wird in Vișovans Interpretation der Vortragsbezeichnung ‚Presto molto agitato‘ mehr als gerecht. Assoziationen zu den zeitgenössischen Karikaturen Franz Liszts, bei denen dem Spieler die Tasten um die Ohren fliegen, dürfen bei dieser aus allen Nähten der Leidenschaft platzenden Übung ausdrücklich als angemessen gelten. Dennoch schafft es Vișovan, in den klingenden Überschwang, in dieses Zuviel an Noten, eine elegant stolze Würze hineinzumischen.
‚Harmonies du soir‘ sollte Liszts diese elfte Étude in Des-Dur 1851 nennen und sie bis auf eine Kürzung beinahe unverändert belassen haben. Welch überwältigende Schönheit an harmonischen Wendungen und onomatopoetischen Effekten umfängt das Publikum. Vișovan arbeitet anfangs mit feinem Pinselstrich und überwältigt mit einer final apotheotischen Steigerung in allen Sonnenfarben, die sich nochmals, ein letztes Mal grell aufbäumen, bevor sie am Horizont sanft versinken.
Die zwölfte Étude in b-Moll, ein ‚Andantino‘, könnte als technische Tremolo-Studie durchgehen, wenn sie nicht so unfassbar expressiv gestaltet wäre wie von Vișovan. Ihr Verdienst ist es, Liszt als Genie mit allen Übertreibungen und musikalischen Exzentrizitäten zu begreifen und als solchen in seinen Pariser Glanzzeiten zu porträtieren.
Der Klang des Steingraeber-Flügels ist ein Erlebnis an sich. Bei Beherrschung subtilster Anschlagsnuancen erweist sich der Flügel als wahres Wunderwerk an modulationsfreudiger Variabilität, kompakt kernigen Einzelnoten und charaktervoller Unterscheidbarkeit der oberen von den unteren Registern. Das Geheimnis dahinter bildet die sorgfältige, eine sonore Eigenart des Instrumentes bildende Bearbeitung der Hammerfilze. Das hat zur Folge: einen schlanken, ledrig gegerbten Bass, eine in endlosen Weichholztönen schillernde Mitte sowie eine zart glockenspielartige, zu gläserner Helligkeit aufklarende Höhe.
Fazit: Eine der aufregendsten Liszt-Klavierplatten überhaupt. Aufgeraut, kraftvoll-wuschig, in den Rubati romantisch, in den hämmernden Rhythmen und teils aberwitzigen Tempi weit ins 20. Jahrhundert weisend. Selbst für keine besonderen Liszt-Liebhaber, wie ich einer bin, ein Traum!
Dr. Ingobert Waltenberger

