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CD FRANCESCO CAVALLI: LA CALISTO – Live Mitschnitt vom Festival d’Aix-en-Provence vom Juli 2025; harmonia mundi

15.05.2026 | cd

CD FRANCESCO CAVALLI: LA CALISTO – Live Mitschnitt vom Festival d’Aix-en-Provence vom Juli 2025; harmonia mundi

„Wenn man Monteverdi mit Tizian vergleichen kann, dann kann man in seinem Schüler eine Art Veronese sehen.“ Henry Prunières, 1931

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Kann ein menschliches Wesen das ewige Leben erlangen? Diese Frage beschäftigt nicht nur Nerds mit oder ohne Milliarden am Konto in der Jetztzeit. Sie war offenbar auch seit jeher von theoretischem, d.h. nicht zuletzt mythisch metaphysischem Interesse. Wie langweilig und fatal wäre es doch, wenn alle Gesetze der Evolution durch Nichtsterben außer Kraft gesetzt wären Ich glaube, das können und wollen wir uns gar nicht vorstellen. Außerdem reichen endliche Ressourcen nicht für unendliche Gedankenspiele. Sollen Unternehmen, die Kryostase mit dem Slogan „Einfrieren, Auftauen, Weiterleben“ verkaufen, weiterhin reiche Leute nach deren Tod einfrieren, in der Welt der Oper geht es einfacher und selbstverständlich frivoler zu. So genießt in Giovanni Faustinis Libretto nach dem 2. Buch der Metamorphosen des Ovid Calisto die himmlischen Wonnen eines ewig strahlenden märchenhaften Sternbilds.

Zuvor gibt es erotisches Allerlei von aufrichtiger, lüsterner und verbotener Liebe in einer fast schon Schnitzler ähnlichen Maschinerie. Auslöser allen Ungemachs ist Jupiter, der sich in die sehr junge Nymphe Dianas, Calisto, verliebt. Um den üblichen Trick der Verwandlung und Täuschung macht er sein Opfer diesmal in der Gestalt seiner Tochter Diana gefügsam. So beginnt die Handlung gleich in scheinbar glückselig sapphischer Frauenliebe. Die Haupt-Nebenhandlung erzählt von der nicht minder ausschweifenden, sehnsuchtsvollen Liebe des Schäfers Endimione und Dianas zueinander.

Zu allem Überfluss und Überdruss taucht noch Giunone, Jupiters wütend koloraturschleuderndes Ehegespons auf. Richtig unangenehm für Jupiter in der Gestalt Dianas wird es erst, als Endimione sich dem Macho in hormonell passionierter Absicht nähert. Jupiters Spießgeselle Mercurio kichert schadenfroh dazu. Dann kommt am Ende des zweiten Aktes auch noch Pan samt speichelleckendem Satyr daher und macht Diana alias Jupiter eine beschämende Eifersuchtsszene. Schließlich verwandelt die monströse Giunone Calisto in einen zotteligen Bären. Jupiter korrigiert diese Fürchterlichkeit zugunsten eines Sternbilds.

1651 feierte „La Calisto“ im kleinen venezianischen Teatro Sant’Apollinare Premiere. Die elf Vorstellungen waren mit 100 bis 200 Leuten im Publikum äußerst mager besucht. Jetzt ist „La Calisto“ einer der großen Frühbarockrenner landauf und landab. Die Mühlen der musikhistorischen Gerechtigkeit scheinen sehr langsam, aber dann doch sicher zu mahlen.

Der in Venedig tätig gewesene Francesco Cavalli, Organist, Tenor, Maestro di capella und Komponist, ist Kennern nicht erst seit der Premiere von „Pompeo Magno“ 2025 bei Bayreuth Baroque ein Begriff. Er schrieb geistliche Werke, aber besonders emotional bewegende wie satirisch gepfefferte Opern auf seine Zeit. „La Calisto“ gilt als sein bedeutendstes Stück für die Bühne. Sinnenfreudig, melodisch schwungvoll, tänzerisch rhythmisiert, sprühend vor einem Sammelsurium an quirligen vokalen Formen, ist der Unterhaltungswert abseits aller Theorie und moralischen Mahnung enorm.

Drei Aufnahmen von „La Calisto“ gab es einst im Katalog: Diejenige aus dem Jahr 1970, der ersten Wiederaufführung mit dem London Philharmonic Orchestra und dem Glyndebourne Festival Chorus unter Raymond Leppard mit einer von Janet Baker, Ileana Cotrubas, Teresa Kubika und James Bowman angeführten grandiosen Sängerriege. Nachteil: Mindestens ein Drittel der Musik fehlte.

Dann folgte in gehörigem Abstand René Jacobs Meisterstreich nach einer Aufführungsserie 1993 am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel in der Regie von Herbert Wernicke. Von der Opernaufführung selbst gab es einen Filmmitschnitt auf DVD. 1994 ging Jacobs mit „La Calisto“ in den Deutschlandfunk Köln und nahm eine tontechnisch vorzügliche Studioversion mit Maria Bayo und Simon Keenlyside auf. Letztere war jedenfalls für den Dirigenten der vorliegenden Publikation, Sébastien Daucé, bewundertes Vorbild und Modell. Mit 3,5 Stunden Spielzeit stellt sie die längste und vollständigste Version dar. Da die drei längst, wie dies im kurzlebigen Tonträgergeschäft der Klassik Brauch ist, vergriffen sind, ist die über 30 Jahre später entstandene, auf einem „Live“ aus dem Freiluft Théâtre de l’Archevêché in Aix-en -Provence beruhende Aufnahme hoch willkommen.

Sébastien Daucé hat die Partitur von „La Calisto“ grundlegend überarbeitet. Die Spielzeit dieser Variante mit Strichen beträgt 2h48. Dabei wurden aus den bei der Uraufführung eingesetzten fünf Musikern fünfunddreißig Instrumentalisten. Mit entsprechendem Zugewinn für Klangfarben, Grandezza und boshaftem Witz. Vor allem die zahlreichen, prächtigen, rein instrumentalen Sätze – einige stammen von Cavalli, andere von Tonsetzern der damaligen Zeit – wie die Sinfonia d’Endimione, die Sinfonia di Pane, der Ballo de Orsi, die Sinfonia di Giunone, der Ballo di Linfea e degli satiri oder die Sinfonia della trasmutazione profitieren vom berauschenden Einsatz all der Gamben, Kornette, Zugposaunen, Erzlauten, Theorben, Gitarren, Harfen und Schlaginstrumente inkl. Kastagnetten.

Zumal Francesco Cavalli die Musik in der Nachfolge von seinem Lehrer Claudio Monteverdi weiter aufmischt. Er erweitert die tragikomische Anlage mit ihrer durchkomponierten, expressiven Deklamation gespickt mit arios virtuosen Miniaturen (mezz’arie, Lamenti, Elegien, komische Nummern) der nur knapp zehn Jahre zuvor uraufgeführten „L’Incoronazione di Poppea“. Erotisch allegorisch Zugespitztes, längere Solonummern wie Strophenarien, die schon auf die bald alles beherrschenden Da capo Arien hinzielen, ein noch temporeicheres Ineinander von Rezitativen, Ariosem und Ensembles sorgen für einen instrumental opulent unterlegten Ton an der musikalischen Epochenwende Mitte des 17. Jahrhunderts.

Was sich in „La Calisto“ an sexuellem Treiben, contra jeglicher zwischendurch beschworener Enthaltsamkeit der Diana, so abspielt, klingt selbst für heutige Verhältnisse wie ein sadomasochistischer Krimi: Gefährliche Liebschaften als machtbesoffener Oberflächensport. Ein Schelm, wer Parallelen zum Verhalten mancher High Society Typen oder Politpromis zieht.

Auf jeden Fall weicht „La Calisto“ in der vorliegenden Form, wie dies Daucé ausdrücklich formuliert, undogmatisch von der Uraufführung und auch von René Jacobs Fassung ab. Eine wichtige Rolle spielen dabei Erkenntnisse über den eigentlichen Gestus von Sprache und Stil des Komponisten: „Die Bedingungen sind nicht die gleichen. Findet diese Musik Verbreitung, sind ständige Metamorphosen die Folge. Aber das natürlich relativ: Alles bleibt im Bereich dessen, was zur Zeit Cavallis möglich war.“ In diesem Sinne brilliert das Ensemble Correspondances sowohl in den von einer reich besetzten basso continuo Gruppe begleiteten Teilen der Partitur als auch bei vollem Orchester als wahrer Glücksbringer.

Die Besetzung war der sommerlich-mediterranen Festspielatmosphäre im provenzalischen Aix würdig. Vor allem die lyrische Sopranistin Lauranne Oliva als liebreizende Calisto sowie Alex Rosen als hormongetriebener Jupiter mit profundem Basstestosteron, falsettierend schlüpft er in die zweite Haut der Diana, überzeugen mit ihren charaktervollen Rollenidentifikationen. Beim Paar Diana und Endimione hat der Countertenor Paul-Antoine Bénos-Dijan als glühender Lover vom Land klanglich verführerisch die Nase vorn. Denn die italienische Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli mit ihrem androgynen Timbre und unruhigen Vibrato hört sich eher wie der jüngere Bruder des Endimione an als die in himmlischen Sphären schwebende Göttin der Jagd und des Mondes. Großartig fies trumpft Anna Bonitatibus im hochdramatisch aufgeheizten Wahn der rächenden Göttergattin auf. Exzellente Portraits zimmern der britische Bariton Dominic Sedgwick als Mercurio sowie Zachary Wilder als Linfea. Der verzweifelt nach einem Mann schmachtenden Nymphe leiht Wilder seinen traumhaft schön timbrierten Tenor. In kleineren Rollen überzeugen der aus Paraguay stammende Tenor David Portillo (La Natura, Pane, Furia), der hell leuchtende französische Countertenor Théo Imart (Destino, Il Satirino) sowie der Bass José Coca Loca (Silvano, Furia).

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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