CD: FRANCESCO CAVALLI: IL XERSE • Orchestra Barocca Modo Antiquo, Francesco Maria Sardelli
Vier entscheidende Zeilen

Fast vierzig Jahre nach der Aufnahme von Rene Jacobs erscheint nun, beim Label Naxos, als zweite Aufnahme von Cavallis «Il Xerse», eine Live-Aufnahme von Festival Valle d’Itria. Bekanntester Xerxes ist der von Händel, Ur-Xerxes der von Cavalli.
Händels Xerxes, dessen Libretto auf jenen von Stampiglia für Bononcini und Minato für Cavalli basiert, war bei seiner Uraufführung kein Erfolg. Ursache mag gewesen sein, dass das von einem Unbekannten erstellte Libretto als völlig aus der Zeit gefallen, altbacken, überholt empfunden wurde, da immer wieder italienische Musiker in London den Status quo bekannt machten, Händel in seinem Schaffen aber (was das italienische Musiktheater angeht) auf dem Stand von etwa 1710 war. Hinzu kommt, dass Cavallis Oper, uraufgeführt am 12. Januar 1654 oder 1655 in Venedig, in einem Umfeld entstand, in dem die Opern auch szenisch zwingend überzeugen mussten. In Händels «Serse» war, auch aus finanziellen Gründen, das Personal eingeschränkt und das Budget für die Bühne dürfte ebenfalls nicht allzugross gewesen sein. Zum überholten Sujet kam also noch eine eher spartanische Szenerie.
Das Händels Xerxes heutzutage der bekannteste ist, liegt am «Largo», Händels Vertonung des «Ombra mai fu» und wahrscheinlich bekanntester Melodie überhaupt. Ein weiterer Vorteil dürfte gewesen sein, dass Händel, was zu Zeiten der Renaissance der alten Musik zu Beginn des 20. Jh. noch von Bedeutung gewesen sein dürfte, als deutscher Komponist angesehen wurde.
So entscheiden vier Zeilen über das Gedeih und Verderben zweier Opern.
Das Orchestra Barocca Modo Antiquo unter seinem Gründer Francesco Maria Sardelli gibt die Partitur (mit Strichen und Umstellungen) mit dunklem Streicher-Fundament und prägnanten Flöten wieder. Sardelli erreicht so einen «frühbarocken» Klang
Carlo Vistoli überzeugt mit seinem hellen, strahlenden, virtuos geführten Sopran als Xerse. Ekaterina Protsenko gibt die Amastre mit etwas gar viel Vibrato und leichten Schärfen. Gaia Petrone als Arsamene bekundet bei guter Mittellage in den höhen leichte Mühen nicht ins Kieksiege abzugleiten. Carolina Lippo ist eine Romilda mit agilem, höhensicherem Sopran. Dioklea Hoxha gibt die Adelanta mit wunderbar vollem, dunkel timbrierten Sopran. Antonio Allemano als Ariodate, Nicolò Donini als Aristone, Nicolò Balducci als Periarco und Aco Bišćević als Elviro ergänzen das Ensemble.
Alles in allem eine tadellose Einspielung, die durch das organische Musizieren, die grosse Textverständlichkeit der Solisten und die relative Abwesenheit akustischer Störungen überzeugt.
03.12.2023, Jan Krobot/Zürich

