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CD „FIN DE SIÈCLE“ BETTINA AUST und ROBERT AUST spielen Werke für Klarinette und Klavier von DEBUSSY, BERG, REGER, STRAVINSKY und SAINT-SAENS; Genuin

10.04.2021 | cd

CD „FIN DE SIÈCLE“ BETTINA AUST und ROBERT AUST spielen Werke für Klarinette und Klavier von DEBUSSY, BERG, REGER, STRAVINSKY und SAINT-SAENS; Genuin

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Wie sternenreich gemengt, voller alter Schläuche und doch neuen Weins doch die Musik um und nach 1900 war. Das 19. Jahrhundert leuchtete noch im spätromantischen Dämmer, während die Avantgardisten des frühen 20. Jahrhundert schon mit Füssen scharrten. Kriegslust, Untergangsstimmung, dekadenter Weltschmerz, ein seismographisches Erfassen der wie Brackwasser zusammen rinnenden Gefühlslagen durch die Kunst prägten eine Umbruchszeit bis nach dem Ersten Weltkrieg, wo sich wohl alle apokalyptischen Prophetien auf das Schlimmste bestätigt sahen. 

 

Auf ihrem neuen Album präsentieren Bettina Aust (Klarinette) und Robert Aust (Klavier) Werke aus einer Zeitspanne von 21 Jahren. Dennoch ist es kaum zu glauben, dass die kurzen „Vier Stücke für Klarinette und Klavier“ von Alban Berg Op. 5 aus dem Jahr 1913  stammen, während die romantische „Sonate für Klarinette und Klavier“ in Es-Dur, Op. 167 von Camille Saint-Saëns 1921 komponiert wurde. 

 

Die seit zwanzig Jahren gemeinsam konzertierenden Geschwister Aust starten ihr ausgewählten Stücken (nach) der Jahrhundertwende gewidmetes Programm der „Ersten Rhapsodie für Klarinette und Klavier“ von Claude Debussy. Sich in abstrakt träumerische Farbenspiele fern allen politischen Lärms stürzend, entstand 1910 dieses charmante, die klangliche Eigenart der Klarinette raffiniert ausschöpfende Stück. Federleicht dahintreibend, einmal elegisch, einmal unbeschwert, ja kindlich verspielt changieren Stimmungen und um Aufmerksamkeit heischende harmonische Mäander. Ob Alban Berg mit seinen atonal extrem konzentrierten „Vier Stücken“ „Musik aus nichts“ geschrieben hat, wie Theodor Adorno dies formulierte, mag dahingestellt sein. Auf jeden Fall ist diese experimentelle Musik ein extremer Gegenentwurf zu aller romantischen Redseligkeit und endloser Melodie. Das Duo interpretiert sie denn auch sachlicher als zuvor das Ausreizen von lautmalerischen Effekte bei Debussy.

 

Die längste Komposition der CD ist Max Regers „Sonate für Klarinette und Klavier“ in fis-Moll Op 49/2. Als persönliche Antwort auf Brahms Klarinettensonaten konzipiert (Im Zitat klingt das brummig direkt so: „Schön, werde ich auch zwei solche Dinger schreiben“), ist diese Sonate überraschenderweise ganz und gar nicht steif oder im akademischen Kontrapunktfieber stecken geblieben. Das viersätzige Stück aus dem Jahr 1900 atmet vielmehr eine morbide Eleganz, eine klangliche Opulenz gewürzt mit einer gemächlichen Nonchalance, die man eher einem Richard Strauss zugetraut hätte. Das lebhaft plaudernde „Vivacissimo“ weckt Assoziationen an eine freudvolle Landfahrt.

 

Natürlich sind die drei kurzen Stücke für Klarinette solo von Igor Stravinsky (1918) aus einem anderen Holz. Ragtime, Jazz, Einflüsse von jenseits des Atlantiks und so mancher exotische Klang prägen den Charakter der insgesamt knapp fünf Minuten kurzen Porträts. Bettina Aust brilliert mit Witz und glänzender Tongebung. Als Abschluss des Albums hören wird die letzte Komposition des 86-jährigen Saint-Saëns‘ vor seinem Tod in Algier im Jahr 1921. Die „Sonate für Klarinette und Klavier“ in Es-Dur spiegelt in ihrer unbeugsam klassischen Form unterschiedlichste Ansätze wieder. Dem abgeklärt in Schönheit badenden ,Lento‘ folgt ein ,Molto Allegro‘, das heiter und wolkenlos dahin schwadroniert. Als währte das Leben ewig. Der tröstende wie kluge Gedanke von Stefan Schickhaus „Und vielleicht wurde der Komponist mit seinem Spätwerk sogar unbewusst zum Avantgardisten – für den Neoklassizismus der 1920-er Jahre“ überzeugt als markanter Schlusssatz. 

Das anregende und formvollendete Spiel des Spitzen-Duos Aust fängt die enorme musikalische Spanne der Werke überzeugend ein. Die Kohärenz der Musik aus dem Zeitverständnis heraus sorgt für manch Überraschung und unerwarteten stilistischen Querverweis. Am Ende aber erfreuen die Spiellust und Fabulierungskraft der beiden Künstler. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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