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CD: Figures Argentines Quator Voce Alpha Classics, Alpha1218

17.05.2026 | cd

Quatuor Voce – Vom Staub der Pampa ins Streichquartett

arg

Die vier neugierigen Geister des Quatuor Voce haben ihre Fräcke gegen die staubige Luft argentinischer Tanzlokale eingetauscht. Von ihrer Expedition bringen sie ein Doppelalbum mit, das den Begriff der Kammermusik kräftig durchschüttelt. Hier gibt es keine gepflegte Konversation in Schlossatmosphäre und es wird auch nicht höflich geplaudert – hier wird gestritten, gelitten, gestampft und bisweilen herrlich ungeschliffen musiziert.

Das Ensemble hat sich für dieses Projekt den argentinischen Gitarristen Pablo Márquez und den Bandoneon-Spieler Jean-Baptiste Henry als Partner geholt, um die klangliche DNA Südamerikas zu erkunden. Das Ergebnis ist eine hochspannende Anthologie, die den Spagat zwischen gelehrter Kunstmusik und der archaischen Kraft der Folklore mit beeindruckender Natürlichkeit meistert.

Den Auftakt macht Alberto Ginastera mit seinem ersten Streichquartett op. 20. Das Allegro violente ed agitato springt den Hörer mit einer Wucht an, die jede bürgerliche Gemütlichkeit sofort erstickt. Die Musiker bearbeiten ihre Instrumente mit einer ruppigen Energie, die an Béla Bartók erinnert – nur gewürzt mit einer kräftigen Prise Pampa-Staub. Im zweiten Satz liefern sich die kaprizöse Violine und das wunderbar kauzige Cello ein lebhaftes Duell, während die Musik brodelt und kocht. Erst im Calmo e poetico kehrt Ruhe ein: Die Violine singt in schwindelerregender Höhe, und für einen Moment spürt man die Weite des Nachthimmels über der Pampa. Das rustikale Finale im Malambo-Rhythmus schlägt dann wieder alles kurz und klein.

Noch intimer und zugleich archaischer wird es mit Ginasteras Gitarrensonate op. 47. Pablo Márquez spielt sie mit einer derartigen Präsenz, dass man das Rutschen der Finger auf den Saiten und das Atmen des Solisten förmlich spürt. Ginastera entfaltet eine magische Welt aus Licht und Schatten. Das Scherzo rast dann mit atemberaubender Geschwindigkeit vorbei, das Canto entfaltet eine große, wehmütige Schönheit, und im Finale explodiert eine wilde, rituelle Energie.

Mit Fernando Fiszbeins Gardel picado weitet sich das Programm in die Gegenwart. Das Stück ist eine surreale Collage über den Tangomythos Carlos Gardel – ein musikalisches Suchbild aus Fragmenten von Schellackplatten, Drehorgelklängen und Erinnerungen. Eine klangliche Landschaft zwischen Hommage und ironischer Brechung.

Die zweite CD gehört verstärkt der Melancholie und dem Bandoneon. Jean-Baptiste Henrys Spiel in Sebastian Pianas Milonga triste legt sich wie eine traurige, warme Farbe über das Quartett. Bemerkenswert ist, wie organisch sich die Streicher diesem Instrument anpassen – sie atmen mit ihm, übernehmen seine Phrasierung und schaffen eine echte Symbiose. Gabriel Sivaks Ajenas Vacas arreando lässt das Quartett zu einem rhythmisch pulsierenden Klangkörper werden.

Astor Piazzolla darf natürlich nicht fehlen. Four for Tango zeigt ihn von seiner ironischen, rhythmisch explosiven Seite – das Quatuor Voce spielt das Stück mit großer Spielfreude und Biss. Den idealen Abschluss bildet Loving aus den Five Tango Sensations. Zusammen mit dem Bandoneon entsteht hier eine brennende Intensität, nach der man erst einmal Stille braucht.

Dieses Doppelalbum ist ein Glücksfall. Es zeigt Musiker, die mutig ihre Komfortzone verlassen und bereit sind, sich die Hände schmutzig zu machen. Es geht nicht um sterile Schönheit, sondern um die Wahrheit hinter den Noten. Dass dabei auch weniger bekannte Formen wie Zamba, Chacarera und Baguala zu ihrem Recht kommen, macht die Aufnahme zu einer bereichernden und zugleich vergnüglichen Reise. Man hört und spürt: Das Quatuor Voce spielt nicht nur argentinische Musik – es atmet sie.

Ein Album für alle, die ihre Klassik gern mit Adrenalin, Schweiß und einem ordentlichen Glas Rotwein genießen.

Dirk Schauß, im Mai 2026

Figures Argentines
Quator Voce
Alpha Classics, Alpha1218

 

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