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CD FERRUCCIO BUSONI: KLAVIERKONZERT – Kirill Gerstein, Boston Symphony Orchestra, live Aufnahme aus der Symphony Hall Boston, März 2017

04.05.2019 | cd

CD FERRUCCIO BUSONI: KLAVIERKONZERT – Kirill Gerstein, Boston Symphony Orchestra, live Aufnahme aus der Symphony Hall Boston, März 2017, myrios classics

 

Dieses über 70-minütige Klavierkonzert des toskanischen Komponisten Busoni mit Männerchor sprengt wohl alle üblichen Genre-Dimensionen. Inhaltlich baut es auf Adam Oehlenschlägers Versdrama „Aladdin“ auf, das Busoni wegen seiner Nähe zu Goethes „Faust“ und Mozarts „Zauberflöte“ schätzte. 1902 bis 1904 arbeitete der Tonsetzer an dem ausufernden Werk, nicht ohne Melodien und Rhythmen Italiens, u.a. aus Straßenliedern und neapolitanischen Traditionen entlehnt, zu integrieren. Das Klavierkonzert wurde am 10. November 1904 in Berlin uraufgeführt und fiel bei deutschen Kritikern durch. Italienische  Rezensenten wiederum beklagten das Vorhandensein deutscher Elemente, wie an Wagner angelehnte Harmonien, eine insgesamt schwerblütige deutsche Stimmung  und nicht zuletzt, dass der Chorsatz in deutscher Sprache vertont wurde. 

 

Der heutige Hörer muss sich nicht mit solch historischem Hader herumschlagen und ebenso wenig akademisch überlegen, ob es sich wie bei Brahms eigentlich um eine ‚Sinfonie mit obligatem Klavier‘ handle. Der Blick auf die historische Perspektive ist aufschlussreich, aber nicht entscheidend, ob uns die Musik heute was zu sagen hat. Im Kern ist dieses Klavierkonzert immens heutig, beruhte doch Busonis Absicht nicht mehr und nicht weniger darauf, als die “verschiedenen Phasen seines künstlerischen Innenlebens in Klang“ zu transponieren. Wir haben es also mit der schillernden Musik einer nicht minder glamourösen “Ich-AG” zu tun. 

 

Dabei ist Busoni als universelle Künstlerfigur stilistisch stets ein Vertreter der Spätromantik und sein Klavierkonzert eines der letzten Werk im Stil des 19. Jahrhunderts gehaltenen großen Stücke. Unter all den stilistischen Disparitäten und hörbar verschiedenen musikalischen Vorbildern (Liszt, Beethoven, Berlioz)  finden sich u.a. eine Hymne an Allah und eine neapolitanische Tarantella. Aber eigentlich kann Gustav Mahler als der geistige Pate des Werks betrachtet werden, so formsprengend und philosophisch überfrachtet sowie auf der anderen Seite so unmittelbar menschlich und von einer euphorischen Schönheit  – freilich nicht wie unser Leben ohne Banalitäten auskommend – offenbart sich deses “Concerto per un pianoforte principale e diversi strumenti ad arco a fiato ed a percussione.”

 

Der Pianist Kirill Gerstein ist das Epizentrum der vorliegenden live-Aufnahme. Als russisch-amerikanischer Doppelstaatsbürger vereint Gestein alle Klavier-Tugenden beider Zonen, fühlt sich im Jazz genau so zu Hause wie in der klassischen Konzertliteratur des 19. Jahrhunderts. Sein technisch bewundernswerter Vortrag ist alleine schon die Anschaffung der CD wert. Dirigent Sakari Oramo und das Boston Symphony Orchestra geben ordentlich Gas, um das subjektive Stilgemisch und den emotional so weit gestreuten, bisweilen etwas chaotisch daherkommenden Fleckerlteppich in Façon bringen. Der Hörer kann sich damit beruhigt einem eigentümlich kosmischen Hörgenuss hingeben. Außerdem dürfte Ferruccio  Busoni noch dazu ein äußerst sympathischer Zeitgenosse gewesen sein, wie aus Alma Mahlers Bericht anlässlich der Überfahrt 1911 nach New York geschlossen werden kann (an  Bord befand sich auch ein gewisser Stefan Zweig): “Er schickte  täglich lustige, verrückte Kontrapunkte zur Unterhaltung für (Anm.: den schwerkranken) Mahler, und Wein.”

 

Fazit: Ein Reinhören lohnt sich allemal, Allergiker gegen spätromantische Klangentladungen einmal ausgenommen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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