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CD: Femine Voices at Christmas Ensemble Altera Christopher Lowrey, musikalische Leitung Alpha Classics, ALPHA1182

12.11.2025 | cd

CD: Femine Voices at Christmas Ensemble Altera Christopher Lowrey, musikalische Leitung Alpha Classics, ALPHA1182

Glanz der Stimmen

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Alle Jahre wieder erscheinen neue Aufnahmen mit weihnachtlicher Musik – und jedes Jahr fragt man sich: Kann man das alles noch einmal hören, ohne in Routine zu verfallen? Die Antwort liegt hier überraschend klar auf der Hand. Feminine Voices, erschienen bei Alpha Classics, öffnet ein Fenster auf die Weihnachtszeit, das weit hinausführt über das Gewohnte. Das Ensemble Altera, geleitet von Christopher Lowrey, widmet sich in dieser Aufnahme der weiblichen Stimme – als Medium von Licht, Andacht, Trost und Staunen. Acht Komponistinnen stehen im Mittelpunkt, von Hildegard von Bingen bis Kerensa Briggs, flankiert von Beiträgen zweier Holsts und Benjamin Britten.

Schon der erste Klang zeigt, worauf es hier ankommt: O viridissima virga von Hildegard von Bingen erklingt in schwebender Reinheit, ohne jedes Pathos. Die Stimmen verschmelzen zu einem Lichtstrahl – klar, durchsichtig, körperlos. Man hört das Mittelalter, und doch klingt es seltsam gegenwärtig. Danach Imogen Holst: Ihre beiden Sätze aus Welcome Joy and Welcome Sorrow besitzen jene unverstellte Direktheit, die Musik manchmal menschlicher erscheinen lässt als jede große Geste.

Ihr Vater Gustav Holst – das ist der Moment, in dem sich ein leiser Kreis schließt – ist mit dem Hymn to the Dawn vertreten, einer Miniatur von leuchtender Innerlichkeit. Der Chor erhebt sich wie aus dem Nichts; Stimmen steigen auf, fügen sich zu einem Gebet. Diese innere Bewegung ist exemplarisch für das ganze Programm: Musik, die nicht beeindrucken will, sondern berühren.

Das Magnificat von Joanna Marsh entfaltet ein imposanteres Klangbild. Die Orgel eröffnet, und nach und nach schichten sich die Stimmen übereinander. Lowrey gestaltet diese Architektur mit Gespür für Balance: jede Stimme bleibt eigen, doch nichts drängt sich vor. Es entsteht ein lebendiges Gewebe aus Linien, das die Worte trägt, ohne sie zu erdrücken.

Mit Cecilia McDowalls Ave Maria kommt ein Moment des Innehaltens. A cappella beginnend, klingt das Werk zunächst tastend, suchend, beinahe fragil – dann findet es seinen Mittelpunkt und wächst in stille Zuversicht. Dieser Übergang vom Zögern zum Vertrauen gehört zu den feinsten Augenblicken der Aufnahme. Adrian Peacocks There is no Rose fügt sich nahtlos an: schlicht, anmutig, von englischer Selbstverständlichkeit. Hier wird nichts überhöht, nichts betont; die Schönheit liegt im Atem der Stimmen selbst.

Ein leiser Höhepunkt folgt mit Ian Shaws I sing of a Maiden. Harfe und Stimmen treten in einen behutsamen Dialog – wie zwei Freunde, die sich lange kennen und jedes Wort nur halb aussprechen müssen. Barbara Strozzis O Maria quam pulchra es bringt einen anderen Ton: Hannah Ely beginnt leuchtend, begleitet von einer Orgel, die den Klang sanft trägt. Es ist ein Moment von inniger Hingabe, ganz ohne Zuckerguss.

Mit Kerensa Briggs’ Coventry Carol erklingt eine neue Stimme. Eleonore Cockerham singt mit blühender Wärme, die Kolleginnen nehmen den Klang auf, die Harfe trägt sie auf weichen Wellen. Elizabeth Postons Jesus Christ the Apple Tree scheint das zu bestätigen – das Ensemble verschmilzt zu einem einzigen Klang, ganz ruhig, ganz geschlossen.

Dann Benjamin Britten. Zuerst das kleine A New Year Carol aus den Friday Afternoons: ein Stück von entwaffnender Schlichtheit, das dennoch etwas Feierliches verströmt. Danach Germaine Tailleferre mit dem Lento aus ihrer Harfensonate – ein Stück, das wie ein sanfter Atemzug zwischen den Chorwerken wirkt. Li Shan Tan spielt mit sprechendem Ton, nie dekorativ, sondern mit jener inneren Ruhe, die nur erfahrene Musikerinnen besitzen.

Und dann der große Bogen: Brittens Ceremony of Carols in der Originalfassung für Frauenstimmen und Harfe. Alle elf Abschnitte sind hier zu hören, mit einer Natürlichkeit, die man dieser Musik selten zugesteht. Die Procession eröffnet feierlich, Wolcum Yole! tanzt förmlich vor Freude, There is no Rose kehrt zur Stille zurück. That Yongë Child und Balulalow sind kleine, intime Kostbarkeiten – von Cockerham und Elijah McCormack wunderbar schlicht gestaltet. Das Harfeninterludium wird zum Zentrum des Zyklus: ein Atemholen, ein Innehalten. Li Shan Tan spielt mit einer Zartheit, die weit über Technik hinausgeht. Am Ende, in der Recession, senkt sich Ruhe über alles – wie ein leiser Segen.

Ganz zuletzt klingt Dancing Day auf, beschwingte Leichtigkeit. Der Raum klingt mit, nicht als Kulisse, sondern als Mitspieler: man hört die Weite, das Atmen der Kirche, das Schwingen der Luft. Alles wirkt organisch verbunden, wie selbstverständlich gewachsen.

Diese CD ist kein bloßes Weihnachtsalbum. Feminine Voices ist ein musikalisches Mosaik über Licht und Weiblichkeit, über Gemeinschaft und Klangfarben. Christopher Lowrey und das Ensemble Altera zeigen, wie viel Ausdruckskraft in feiner Zurückhaltung liegen kann. Man spürt, dass hier jeder Ton mit Liebe gesetzt wurde. Eine Aufnahme, die die Weihnachtszeit nicht illustriert, sondern verwandelt – in etwas Leuchtendes, das bleibt, wenn der letzte Ton verklungen ist.

Dirk Schauß, im November 2025

 

Femine Voices at Christmas

Ensemble Altera

Christopher Lowrey, musikalische Leitung

Alpha Classics, ALPHA1182

 

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