CD FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY: VIOLINKONZERTE d-MOLL UND e-MOLL OP. 64 – ELVIN HOXHA GANIYEV, Württembergische Philharmonie Reutlingen, Howard Griffiths; Solo Musica

Ewige musikalische Wahrheiten brauchen frische Interpreten, damit sie neu aus dem Heute zu uns sprechen. Der 1997 geborene Geiger Elvin Hoxha Ganiyev, Preisträger des Szymanowski-Wettbewerbs und Schüler unter anderem von Zakhar Bron, leistet auf seiner neuen Einspielung bei Solo Musica genau das: Diese Aufnahme der Violinkonzerte d-moll und e-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy bietet nicht nur exzellentes, entschlacktes Hörvergnügen, sondern wirkt wie ein kraftvolles interpretatorisches Statement.
Zwei Mendelssohn-Violinkonzerte? Bekannt ist gemeinhin nur „das“ große in e-Moll op. 64, seit seiner Uraufführung 1845 durch zahllose Interpreten-Hände gegangen. Ganiyev gibt sich mit dem Kanonischen nicht zufrieden und koppelt es mit einer Rarität: dem Violinkonzert in d-Moll, das der dreizehnjährige Mendelssohn 1822 schuf und dessen Manuskript über ein Jahrhundert im Familiennachlass ruhte, ehe Yehudi Menuhin es in den Fünfzigern wiederentdeckte. Für Ganiyev sind beide Konzerte künstlerisch absolut ebenbürtig. Die vorliegende Einspielung gibt ihm recht.
Das frühe d-Moll-Konzert ist die eigentliche Überraschung. Es liegt Feuer und Kraft in diesem Spiel, beim Solisten wie bei den hellhörig mitgehenden Württembergischen Philharmonikern unter Howard Griffiths, die sich vom körperhaften Temperament dieses Geigers haben mitreißen lassen. Streicher, deren punktierte Rhythmen durch Mark und Bein gehen, ein dynamisch zupackendes Call and Response – schon die Einleitung suggeriert Hochspannung und pure Musizierlust. Die Nähe zu Bachs d-Moll-Klavierkonzert BWV 1052 ist deutlich zu spüren: toccatenhafte Energie, barocke Strenge gepaart mit expressiver Unmittelbarkeit, dazu Anklänge an die Wiener Klassik – all das in einem schlanken Zugriff gebündelt.
Ganiyev bewegt sich geschmeidig und unangestrengt durch die Tonskalen, lässt sich vom engagierten Dazwischenfunken des Orchesters nicht aus der Ruhe bringen. Was für ein anregend treibendes Musizieren, gepaart mit analytischer Präzision! Das ist kein Gesellenstück, sondern eine vollgültige Komposition eines Kindes, das die Formensprache seiner Epoche mit bestürzender Reife beherrschte. Im Andante singt die Violine in schwelgenden Bögen – hier offenbart sich bereits die emotionale Tiefe des reifen Romantikers. Der Finalsatz folgt als kompaktes Rondo mit folkloristischen Anklängen, tänzerisch, beschwingt, voller Virtuosität im Dienste von Mendelssohns lässigen Ideenfeuerwerken. Ganiyev nimmt die Kadenz mit improvisatorischer Spontaneität – ein Glücksfall, diese Entdeckung.
Das spätere e-Moll-Konzert markiert einen radikalen Kontrast, auch klanglich: Der Gesamtklang wirkt gedämpfter, weiter entfernt – was einer würdevollen Aura durchaus zugutekommt bei diesem sinfonisch groß angelegten Werk. Griffiths baut in präziser Taktung, ohne Verbiegen oder übertriebene Agogik, ein verlässliches Fundament für den Solisten, der sofort mit dem berühmten Hauptthema einsetzt – jener revolutionäre Bruch mit der Konvention, den schon Joseph Joachim als Kleinod der Violinliteratur würdigte. Die Herausforderung, so Ganiyev, sei gewesen, aufzuhören, automatisch zu spielen. Was kommt aus dem Jetzt? Man hört das Ergebnis dieses Ringens: Im langsamen Satz betört ein pulsierendes, nie aufdringliches Vibrato, Solist und Orchester finden zu sanglichem Musizieren von großer Natürlichkeit. Im Finale sprüht und funkelt es in zügigem, nie überspanntem Tempo – die Virtuosität dieses Geigers, der auf einer Guarneri „filius Andreae“ von 1715 spielt, ist durch nichts zu erschüttern.
Am Ende eine doppelte Erkenntnis: Es gibt ein Mendelssohn-Violinkonzert, das viel zu wenige kennen – und es klingt hier schlichtweg großartig. Und selbst das Konzert, das jeder zu kennen glaubt, kann sich neu erschließen, wenn ein junger Interpret es nicht als Monument behandelt, sondern als lebendige Partitur, die aus dem Jetzt heraus befragt werden will. Elvin Hoxha Ganiyev hat diesen Mut. Man merke sich den Namen.
Stefan Pieper

