CD FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY und FANNY HENSEL: Sämtliche Streichquartette – MINGUET QUARTETT; cpo
Endlich als Gesamtedition erhältlich: Rosenwasser und Schmirgelpapier

Kennen Sie das? Man schätzt etwas so sehr, dass jede Annäherung mit Worten so unzulänglich erscheint, dass man lieber die Finger davon lassen mag. Das betrifft eher Musik als Literatur und die Versuche, ihrer mit Worten irgendwie habhaft zu werden, Dritte an seinen Empfindungen, seiner Begeisterung bzw. einer generellen Einschätzung adäquat teilhaben lassen zu wollen.
Die Kompositionen von Felix Mendelssohn-Bartholdy liegen mir seit jeher ganz besonders am Herzen. Seine Chorwerke, Oratorien, Lieder, seine Symphonien, nicht zuletzt seine barocke Polyphonie, klassische Formen und romantischen Geist zu einem Höheren verschmelzende Kammermusik versetzen mich in überschäumende Klangbäder. Die kognitive Seite der Medaille, den Strukturen hörend auf den Grund zu gehen, bleibt stets eine Herausfordeurng. Dabei sind die dicht gewebten Tongeflechte ungeheuer heikel, filigran in ihrer Konkretisierung.
Auf der individuell so meisterlichen, auf dem Besten von Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven beruhenden Aneignung in der Erklimmung musikhistorischer Gipfel, vermochte es der bestens ausgebildete Wunderknabe schon als 18-jähriger mit seinem Streichquartett Nr. 2 in a-Moll, op. 13, der Gattung ein Spitzenwerk zu schenken. Im Todesjahr Beethovens entstanden, geht er noch über dessen Streichquartett in a-Moll, op. 132 hinaus. Zu der überlegenen Fugentechnik, einer lyrisch melodischen Erfindungsgabe sondergleichen, gesellt sich ein nervös unruhiger Duktus, gemixt aus spontaner Artikulation, Synkopierungen, kleinstteiligem Ineinanderschachteln von Themen, Durchführungen und Übergängen.
Alle musikalischen Errungenschaften seiner Zeit kristallisieren sich in den sieben Quartetten des Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das Wichtigste, dieses sorgfältig zart angerichtete bis heftig aufwallende Fluidum, mit dem uns die exquisite Lesart des nach dem spanischen Philosophen Pablo Minguet benannten deutschen Streichquartetts beglückt, bleibt im Letzten ihr Geheimnis. Schon der Komponist berichtete 1832 an seinen Vater, dass die Wirkung seines Op.13 ganz vom Eifer der Interpreten abhänge.
Das 1988 gegründete Minguet Quartett (Besetzung Ulrich Isfort, 1.Violine, Annette Reisinger, 2.Violine, Aida-Carmen Soanea, Viola, Matthias Diener, Violoncello) feiert 2028 sein 40-jähriges Bestehen. Im Rahmen seiner Jubiläumsaktivitäten und langjährigen künstlerischen Arbeit hat das Ensemble eine Gesamteinspielung der Streichquartette von Felix Mendelssohn Bartholdy und Fanny Hensel beim Label cpo vorgelegt.
Aufgenommen in einer zehnjährigen Zeitspanne von 2009 bis 2018, eint das Minguet Quartett in seiner bewegenden, klar konturierten Interpretation Detailfreude, Präzision, klanglich kantable Poesie, die sich anlassgerecht zu den Brüchen einer aufgeraut kantigen Expressivität, wie wir sie vom Alban Berg Quartett kennen, zu steigern vermag. Wo vorgesehen, übernimmt Ulrich Isfort die Solovioline mit gezügelter Autorität und knüpft damit nahtlos an die offenkundigen Qualitäten des Ferdinand David, damals Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, an. Mendelssohn hat bei der Verfassung des „Quatuor brillant“ in D-Dur, op. 44, Nr. 1 und deren zwei Geschwisterquartetten an diesen bedeutenden Geiger gedacht.
Überhaupt stellen die drei Streichquartette op.44, 1837/38 verfasst und dem schwedischen Kronprinzen Oskar I von Schweden gewidmet, bis heute einen Gipfel der ‚Königsgattung‘ dar. Die vom Komponisten als Trois Grand Quatuor bezeichneten Stücke glänzen mit kontrapunktischer Bravour und chromatischen Modulationen. Sie ondulieren in einem ständig auf- und abschwappenden Dur-Moll Lichtspiel. Wie Matthias Corvin in seinem anregenden Text im Booklet erläutert, begegnen wir im Scherzo des Streichquartetts in Es-Dur, op. 44, Nr. 3, spukhaften Elementen. „Solche Geisterstücke band Mendelssohn gerne in seine Werke quasi als Intermezzi ein – gemäß dem romantischen Zeitgeist, der ihn neben klassischen Vorbildern zeitlebens beeinflusste.“
Auf CD 4 findet sich das einzige Streichquartett in Es-Dur von Felix‘ Schwester Fanny Hensel aus dem Jahr 1834. Man kann sich dem hochromantischen, gefühlvollen Dialogisieren hingeben. Das schöne Stück gefiel dem Bruder. Welche Absurdität der Musikgeschichte, dass das Quartett erst 1988 bei Breitkopf & Härtel in Druck erschien.
Diese Viererbox stellt das Minguet Quartett über den konkreten Anlass hinaus als eine der aufwühlendsten, dennoch bei aller blitzenden Bravour und jegliche Seelenregung beherzt auslotenden Emotionalität nicht in schroffe Exzesse verfallenden Kammermusikformationen aus. Dem Label cpo sei Dank, dass wir vom Minguet Quartett auch Raritäten wie das erste Streichquartett oder das Klavierquintett (am Flügel Michael Korstick) von Alberto Ginastera bzw. Beiträge zum Genre von Heinrich Kaminski, Ferdinand Hiller, Josef Suk, Emil Nikolaus von Reznicek, Heinrich von Herzogenburg oder Glenn Gould hören können.
Tauchen Sie in dieses Universum ein wie in einen unendlich spannenden Zauberwald. Während in Sachen großer romantischer Oper sich auf dem Tonträgermarkt vor allem in der vokalen Qualität wenig Aufregendes tut bzw. aufgrund der hohen Kosten von Studioproduktionen überwiegend Nischenproduktionen reüssieren, ist die Welt der Kammermusik noch nie programmatisch derart reichhaltig und auf solch einem überragenden Top Niveau bedient gewesen wie heute.
Dr. Ingobert Waltenberger

