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CD FANNY CLAMAGIRAND spielt Violinkonzerte von BEETHOVEN und VASKS; Mirare

Sublime Geigenkunst

29.05.2020 | cd

CD FANNY CLAMAGIRAND spielt Violinkonzerte von BEETHOVEN und VASKS; Mirare

Sublime Geigenkunst

Die Fünfte Symphonie und das Violinkonzert stammen aus der gleichen Schaffensperiode des Bonner Meisters. Es gibt auch kompositorische Bezüge: Der erste Satz des Violinkonzerts, das Allegro ma non troppo, entspringt ebenso einer winzig kleinen Zelle wie das berühmte Motiv aus vier Noten, das die Fünfte Symphonie eröffnet, nämlich einer Gruppe von fünf von der Pauke intonierten Viertelnoten. 1806 für den Virtuosen Franz Clement geschrieben, stößt sich wohl heute niemand mehr an der für damalige Verhältnisse ungewohnt dominanten Funktion des Orchesters.

Die neue CD ist dank des anmutigen, grazilen Spiels der jungen französischen Geigerin Fanny Clamagirand und auch des tänzerisch musikantisch auftrumpfenden English Chamber Orchestra unter der Leitung von Ken-David Masur ein Juwel im übervollen Katalog. Dazu kommt die interessante Koppelung des bekannten Beethoven-Konzertes in D-Dur mit dem Violinkonzert des lettischen Komponisten Pēteris Vasks unter dem programmatischen Titel „Tala gaisma“ (=Fernes Licht).

Auf ihrer Violine von Matteo Goffriller, Venedig 1700, betont Fanny Clamagirand nicht wie Currentzis auf der jüngst erschienenen Fünften Symphonie das antiromantisch ungezügelt Wilde Beethovens, sie überbietet sich nicht in den dynamischen und rhythmischen Zuspitzungen der Partitur, sondern zeichnet mit hoher Einfühlung und klarem Bogenstrich die Melodiebögen nach. Die Reinheit und Frische des Tons, die Eleganz der Linienführung, die selbstverständliche, nie ostentative Brillanz, die beschwingte Leichtigkeit, all das trägt zu einem ungemein duftigen Hörerlebnis bei. Dabei sind ihr das English Chamber Orchestra und Ken-David Masur Partner auf Augenhöhe.

Wie intensiv verwoben das Miteinander von Orchester und Solistin funktioniert, ist nicht zuletzt beim ersten Violinkonzert Vasks‘ spürbar. Das Werk, das Nostalgie mit einem Hauch an Tragödie, Kindheitserinnerungen mit glitzernden Sternen, die Millionen Lichtjahre entfernt sind, in gemäßigt avantgardistische Klänge bündelt, wurde 1997 im Auftrag der Salzburger Festspiele uraufgeführt. Widmungsträger des einsätzigen Violinkonzerts ist Vasks Landsmann und Studienfreund Gidon Kremer, dessen Buch „Kindheitssplitter“ eine der Inspirationsquellen bildete. Das (esoterische) Programm rund um eine spirituelle Sinnsuche kontrastiert die kosmische Schönheit des Universums mit der Kakophonie menschlicher Hybris.

Fanny Clamagirand als schöne sternflammende Königin auf der Geige verblüfft mit einer stupenden expressiven Vielfalt und kostet die klanglichen Möglichkeiten des Instruments voll aus. Ihr in diesem zeitgenössischen Repertoire zu folgen und den kleinsten Feinheiten der Komposition als auch dem breiteren Fluss der Musik nachzuspüren, bereitet große ungetrübte Freude.

Nicht spektakulär, dafür musikalisch beglückend!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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