CD EUGÈNE GODECHARLE Sechs Quartette für Harfe, Violine, Viola und Cello, Op. IV; Ramée
Unbeschwerte Schönheit

1742 in Brüssel geboren, genoss Eugène-Charles-Jean Godecharle seine erste Ausbildung beim Vater Jacques-Antoine, Leiter der Kirchenmusik von Saint-Nicolas. Und da sich Talente naturgesetzartig bei Vorhandensein fördernder Umstände über kurz oder lang Bahn brechen, so blieb dem Prinzen nicht verborgen, dass der eifrige Chorknabe in der königlichen Kapelle sich beim Geigenspiel ganz besonders hervortat. Also wurde der Junge zur Krönung seiner musikalischen Ausbildung nach Paris geschickt. Die Übung hat sich gelohnt, denn Godecharle wurde 1770 als zweiter Geiger in die Hofkappelle aufgenommen. Einige Jahre später bewarb sich Godecharle als Chef der Kirchenmusik von Saint-Géry, ein Amt, das er bis zu seinem Lebensende behalten sollte.
Allerdings verlief die Karriere nicht ganz friktionsfrei, seine Bemühungen um die Stelle des Hofkapellmeisters waren nicht erfolgreich, und zum ersten Geiger avancierte er erst sehr spät, nämlich im Alter von 52 Jahren. Dafür exzellierte ein großer Teil der Familie künstlerisch. Bruder Lambert-François folgte seinem Vater in der Kirche St Nicholas nach, Gilles-Lambert Godecharle wurde ein berühmter Bildhauer, ein Vertreter des Neoklassizismus in den österreichischen Niederlanden. Dessen Sohn Napoleon stiftete den Prix Godecharle für Maler, Bildhauer und Architekten. Kunststudenten können sich so bis heute mit dem Preis der Godecharle Fondation ein existenzsicherndes Stipendium sichern.
Als Komponist konzentrierte sich Godecharle auf Instrumentalmusik: Sinfonien, Solo- und Triosonaten und Quartette. Die Erfindung der Pedalharfe durch den Donauwörther Harfenbauer Jacob Hochbrucker, mittels eines speziellen Mechanismus einzelne Saiten zu verkürzen und dadurch um einen Halbton zu erhöhen, eröffnete der Literatur für das Instrument neue Wege. Chromatische Finessen, Tonartenwechsel, raffinierte Modulationen, erweiterte Klangwirkungen. Das Feld für bis dahin unvorstellbare Spielvarianten des edlen Instrumentes war eröffnet. Der Musikschriftsteller Charles Burney notierte dazu 1772 nach einem privaten Konzert Godecharles: „Ihr Umfang (Harfe) ist vom doppelten B bis zum dreygestrichenen f. Man kann vieles darauf machen, was auf dem Flügel zu spielen steht. Sie hat nur fünf und dreissig Saiten, welche die tiefste ausgenommen, die reine diatonische Tonfolge enthalten. Die übrigen werden mit den Füssen gemacht.“
Als Modeinstrument, besonders in hochadeligen Kreisen, nahm die Harfe in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bald eine hervorragende Stellung ein. Die französische Königin Marie-Antoinette tat es, andere folgten ihr im Harfenspiel. Man wollte schließlich dazugehören und selbst wenn die Harfe nur als wenig genutztes „Möbel“ im Salon stand, so ließ deren pure Existenz Rückschlüsse auf den guten Geschmack der Familie, im Besonderen der Hausherrin zu. Godecharle widmete seine sechs dreisätzigen Quartette, allesamt in verschiedenen Tonarten gehalten, der Contessa d’Ursel Principessa d’Aremberg.
Die Musik atmet einen unbeschreibbaren Charme, sie ist von einer filigranen Duftigkeit imprägniert und darf sich eines melodischen Einfallsreichtums sondergleichen rühmen. Insbesondere das tonangebende In- und Miteinander von Harfe und Violine ergeben kleine augenzwinkernde Scharmützel, ein kokettes Umwerben der einzelnen Stimmen um ihrer selbst willen. Rondos, Menuette, Allemandes, Allegro, Moderato und Fugetta bestimmen als Formen die Abfolge der einzelnen Sätze, an deren Lebendigkeit und kontrastreichen atmosphärischen Stimmen ebenso Bratsche und Cello entschiedenen Anteil haben.
Aber kein noch so ausgetüfteltes Notenballett nützt, wenn es nicht von einem hervorragenden Ensemble spannungsgeladen artikuliert und tonpoetisch in Szene gesetzt wird. Die Société Lunaire mit Maximilian Ehrhardt an der Pedalharfe (von ihm stammt auch der informative Begleittext im Booklet), Péter Barczi (Violine), Nadine Henrichs (Bratsche) und Jule Hinirichsen (Cello) ist genau solch ein Quartett, das mit freudvoller Energie und musikantischer Selbstverständlichkeit erst die ganze Qualität und den Abwechslungsreichtum der Musik erlebbar macht.
Benannt nach dem in Birmingham 1765 gegründeten einflussreichen Diskussionsclub „Lunar Society“, deren Mitglieder sich nur bei Vollmond trafen – das natürliche Licht dürfte den Heimweg spät nachts erleichtert haben – pflegen die geistigen Nachfolger der Lunaricks einen harmonisches Mäandern und abrupte Stimmungswechsel vereinenden Stil. Da kommen eine Vielzahl an technischen Optionen zum Einsatz. Im Rondo Andantino des zweiten Quartetts in F-Dur wechselt der Ton plötzlich auf verschattet verhangen. Kleine malerisch verzierte Melancholien, eine höfisch stilisierte Tanzlust und oder die höchst vergnügliche Fugetta im dritten Quartett in B-Dur nimmt das Quartett zum Anlass, sich die thematischen Bälle federleicht zuzuwerfen sowie die reichen Klangfarben der einzelnen Instrumente im spritzigen Zusammen hochleben zu lassen.
Die ideale Musik zu reuelosem Abschied und fröhlichem Morgengruß. Auf ein Besseres Neues, wann und woher es auch kommen mag.
Dr. Ingobert Waltenberger

