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CD ÉRIC HEIDSIECK: The Complete Erato & HMV Recordings; ERATO

Eine Entdeckung / Wiederbegegnung der Superlative -  Der Geheimtipp zum Beethoven-Jahr!

19.11.2020 | cd

CD ÉRIC HEIDSIECK: The Complete Erato & HMV Recordings; ERATO

Eine Entdeckung / Wiederbegegnung der Superlative –  Der Geheimtipp zum Beethoven-Jahr!

Veröffentlichung: 27.11.2020

Meine neue Leib- und Seelenaufnahme der Beethoven Klaviersonaten habe ich nicht bei Levit und auch nicht beim x-ten Platten-Remake Barenboims gefunden. Die Wiederaufbereitung der historischen Aufnahmen des französischen Pianisten Éric Heidsieck aus den 50-er bis zu den frühen 70-er Jahren durch Erato beschert hingegen einen der aufregendsten und „verrücktesten“ Zyklen aller Beethoven Sonaten auf Klavier.

Es ist so, als ob Wolfgang Amadeus sich selber ans Klavier setzte und einen lichteren virtuoseren, verspielteren und keckeren Beethoven hervorzauberte, als man ihn von Tastentigern deutscher oder russischer Klavierschule gewohnt ist. Éric Heidsicek gelang mit seiner Gesamteinspielung für His Masters’s Voice (1967-1973) ein Geniestreich zwischen verinnerlicht, persönlich fantasievoll bis zu sachlich klar. So wie seinen berühmten französischen Vorgängern  Yves Nat oder Alfred Cortot geht es Heidsieck weniger um die brillante Exekution von Noten, sondern um die Magie und Strahlkraft, die Beethovens Musik vermitteln kann. Als seine allererste Beethoven-Einspielung für EMI überrascht Heidsieck mit einer hochenergetischen, launisch subjektiven Interpretation der Hammerklaviersonate Op. 106 aus dem Jahr 1957. Der junge, bei Blanche Bascouret, Marcel Ciampi, Alfred Cortot und Wilhelm Kempff (Beethoveninterpretation) ausgebildete Pianist war da gerade einmal 21 Jahre jung. 1969 hat er als erster französischer Pianist alle Beethoven Sonaten im Konzert ohne Hilfe von Noten gespielt.

Für mich ist die alte, klangtechnisch dennoch auch nach modernen Standards hervorragende Beethoven Sonaten Gesamtaufnahme gemeinsam mit der Backhaus Edition unter die zauberischsten, die poetischsten aller Annäherungen an den Sonatenkosmos Beethovens zu reihen. Trotz aller Klarheit und kontrapunktisch gläsernen Anschlags (diesbezüglich ähnlich Gulda oder Gould) – bisweilen klingt das Klavier unter seinen Händen fragil wie ein Pianoforte – steht bei Heidsieck die Freiheit in der Dynamik und die eigenwillig gesteuerte „Temporegie“ (grundsätzlich eher von der raschen Sorte), der tänzerische und improvisatorische Schwung sowie die Eleganz und hohe Subjektivität der Phrasen im Vordergrund. Beethoven scarlatisch-mediterran mit flexiblem ausdrucksvollen Ton serviert.

Die Box enthält nicht nur Beethoven, sondern überrascht ebenso mit elfenzarten bis koboldflinken Mozart-Aufnahmen. Die Klavierkonzerte KV 491, 466, 467 und 488 mit dem Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire unter der handfesten musikalischen Leitung von André Vandernoot suchen das „Licht in der Finsternis und Unruhe in sonnigen Passagen“ (Jean-Charles Hoffelé). Wie Glenn Gould machte sich Heidsieck wie ein Barde zudem an die drei himmlisch guten Hindemith Sonaten. So sanglich hörte man diese Musik nie.

Eher Händel als Bach: Neben dem Heimspiel bei französischem Repertoire (Couperin, Ravel, Fauré, Debussy, Roussel) sind es vor allem die Händel-Cembalosuiten, die über die Jahrzehnte einen festen Platz im Repertoire Heidsiecks behaupten konnten. Die Wiedergaben erinnern daran, dass es sich formal um Tanzmusik, inhaltlich jedoch um universelle barocke Klangkosmen rund um Grundfragen der menschlichen Existenz mit all ihren auch gedankenvoll melancholischen Gefühlsäußerungen – ähnlich jenen von Bachs Solowerken für Klavier, Violine oder Cello – handelt.

Als Partner Heidsiecks fungieren bei den Cellosonaten von Beethoven und Fauré der legendäre französische Cellist Paul Tortellier sowie als zweite Pianistin seine Frau Tanja Heidsieck in der Aufnahme von Ravels „Gaspard de la nuit.“

Die Box ist ein Füll- und Wunderhorn an pianistischer Kunst, jenseits aller Moden. Ein Manifest individueller nachschöpferischer Kreativität im Sinne von praller Exzentrik mal markant formulierter clarté in feinster hoch bekömmlicher Abmischung.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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