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CD ENSEMBLE DIDEROT spielt Violinkonzerte von LECLAIR, CORRETTE, AUBERT, EXAUDET und QUENTIN; Audax Records

22.12.2021 | cd

CD ENSEMBLE DIDEROT spielt Violinkonzerte von LECLAIR, CORRETTE, AUBERT, EXAUDET und QUENTIN; Audax Records

Die Anfänge des Violinkonzerts in Frankreich – ein weiteres ereignishaftes Album mit JOHANNES PRAMSOHLER

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Glückliche Zeiten waren das, so scheint’s, als man sich noch um die aus heutiger musikalischer Fusion-Sicht völlig unverständliche Frage stritt, „ob und in welchem Ausmaß sich der französische Stil mit dem italienischen mischen sollte. Französische Suite, intim, unkompliziert, elegant, versus das italienische „vulgär“ akrobatische Konzert, das war der Stoff, aus dem heraus jahrzehntelang erbittert gefochten wurde. „Der virtuose Exhibitionist destabilisiert, er fragt, er greift an und die Menge (das Orchester) antwortet, sie wehrt sich und versucht zu regulieren.“ So beschreibt Johannes Pramsohler den alten Konflikt rund um eine Kunstform, die dem Individuum unerhört viel Platz einräumt. Und dadurch zum Gegenmodell eines französischen Absolutismus wurde, der im Konzert, seiner Ausdruckskraft und dem Streben nach ,sozialer Harmonie‘ nichts als anti-italienische Ressentiments hervorrief.

Aber auch der späte Siegeszug der Violine als virtuoses Soloinstrument in Paris spielte eine Rolle bei der zögerlichen Anpassung an die neue revolutionäre Form des Instrumentalkonzerts, wo sich in Frankreich noch technisch weniger versierte Amateure linkisch die Laute, das oder die Flöte befingerten. Final setzte sich das Violinkonzert in Frankreich auch nicht am Hof oder in der Kirche durch, sondern in öffentlichen Konzerten.

1725 mit den „Concerts spirituels“ war es dann soweit. An spielfreien Tagen in der Oper durften in den Tuilerien keine Opernarien noch Musik auf französische Texte dargeboten werden. „Grands Motets“ in lateinischer Sprache hielten so ihren Siegeszug, bevor Musiker entdeckten, dass die berühmte ,Salle des Cent Suisses‘ akustisch prädestiniert für den Klang der Violine war, frei nach dem Motto des Hubert Le Blanc: „Durch die Distanz zum Publikum kann die Violine den Leuten schmeicheln und ihre scharfen Klänge werden von der großen Anzahl an Kleidungsstücken gedämpft.“ 

Bald schmückten Violinkonzerte von Antonio Vivaldi („Quattro Stagioni“, „L’Estro armonico“) und Arcangelo Corelli mit ihren schnörkeligen Tongirlanden die Pariser Konzertsäle. Die in Geschmacksfragen tonangebenden Damen wollten aber erst gebeten und überzeugt werden. Und das dauerte. So veröffentlichte Aubert als genuin französischer Komponist erst spät, gegen Ende der 1730-er Jahre, seine erste Sammlung an Violinkonzerten.

Für das neue Album des Ensembles Diderot hat Pramsohler zwei Konzerte aus Auberts zweiter Sammlung, Op. 26, gewählt. Französische Formen wie Chaconne oder Carillon und italienische Kunstfertigkeit ergeben „opulente Showstücke für die Solovioline.“ Das Concerto „Le Jeune“ von Jean Baptiste Quentin folgt den Gesetzen einer italienischen Kirchensonate. Michel Correttes „Concerto comique Nr. 25 in g-Moll „Les Sauvages et la Furstemberg“ waren mit ihren Zitaten bekannter Melodien und deren Verarbeitung als virtuose Variationensätze eigentlich als Zwischenaktmusiken für das Schauspiel gedacht.

Das Album kann zudem mit zwei Weltersteinspielungen punkten: Ein Konzert von André-Joseph Exaudet in Es-Dur sowie das Konzert in Es-Dur von Jean-Marie Leclair. „Leclairs Versiertheit in Kontrapunkt, die immer kontrollierte, aber doch den Geiger an seine Grenzen bringende Virtuosität und seine formelle Klarheit machten ihn zum Begründer der traditionsreichen französischen Violinschule und einer Entwicklung, die schlussendlich Frankreich zum Hauptland der Violine machte.

Das alles realisieren der ausdrucksstarke und technisch unüberbietbare Geiger Johannes Pramsohler samt seinem gloriosen Ensemble Diderot (Georges Barthel Flöte, Roldán Bernabé Violine, Mario Konaka Violine, Simone Pirri Violine, Alexandre Baldo Viola, Gulrim Choi Cello, François Leyrit Kontrabass und Philippe Grisvard Cembalo) virtuos, leidenschaftlich und mit dem richtigen Mix aus höfischer Eleganz und italienisch halsbrecherischer Chuzpe. Toll.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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