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CD EMMERICH KÁLMÁN: EIN HERBSTMANÖVER – eine gar köstliche Gesamtaufnahme des Stadttheaters Gießen, OEHMS Classics

„Die Husaren kommen - Tanzen wie ein Schneidergeselle und trinken wie ein Bürstenbinder“

28.03.2019 | cd

CD EMMERICH KÁLMÁN: EIN HERBSTMANÖVER – eine gar köstliche Gesamtaufnahme des Stadttheaters Gießen, OEHMS Classics

 

„Die Husaren kommen –  Tanzen wie ein Schneidergeselle und trinken wie ein Bürstenbinder“

 

Die Operette ist eine schräg aus der Zeit gekippte Kunstform. Heillos altmodisch, einer versunkenen Welt nachweinend oder doch wieder aktuell angesichts neuer geopolitischer Bruchlinien und des in der Einsamkeit einer digitalen Welt um Würde und Standort ringenden Menschen. Mancherorts stürmt gerade deshalb wieder junges Volk die Operetten, wenn ein Haus die richtigen Interpreten, Dirigenten, Regisseur und Choreographen engagiert. So beobachtet regelmäßig an der Komischen Oper Berlin. 

 

Des Komponisten Emmerich Kálmán abendfüllender Erstling vor Kassenschlagern wie der „Czardasfürstin“ oder der „Gräfin Mariza“ ist die Operette „Ein Herbstmanöver“ in drei Aufzügen nach einem zeitgebundenen Libretto von Karl von Bakonyi (deutsche Übersetzung Robert Bodansky) aus dem Jahr 1908. Im Theater an der Wien uraufgeführt, reflektiert Herbstmanöver das „Fin de siècle“. Wir dürfen nicht vergessen, dass kurz später 1914 „die Husaren in traditioneller Montur gegen Giftgas und Stacheldraht ritten. Grausam prellten die traditionelle alte und die technische neue Welt aufeinander. Die Antihelden Kálmáns scheinen dies bereits zu spüren. In ihrer Einsamkeit sind sie am Puls der Zeit – und durch tragikomische Hilflosigkeit den Figuren Anton Tschechows geistig verwandt. Auch erinnert der zynische Geschlechterkrieg nicht von ungefähr an den gnadenlosen Beziehungspessimismus eines August Strindberg.“, weiß Matthias Kauffmann punktgenau zu analysieren. 

 

Dirigent Michael Hofstetter und das Stadttheater Gießen haben das tolle Husarenstück zustande gebracht, das mit magyarischem Paprika gewürzte Stück aus der Zeit der Silbernen Operette mit Pfeffer und Schmiss,  aber auch schwermütig melancholischen Untertönen kraftvoll und triefend sentimental zugleich in Ton zu setzen, so wie es sich für das heikle Genre ziemend gehört. Die Gratwanderung zwischen Ironie, Zynismus und Lust ist gar wohl gelungen. Zwei Nummern, und zwar das Pumper-Duett und das Terzett ,Gott im Himmel‘ sind Kálmáns Operette „Der Gute Kamerad“ entnommen. 

 

In der Puszta beim Schloss der Baronin Riza (als veritable Operettendiva begeistert Christiane Boesiger) soll ein großes Militärmanöver stattfinden.  Fesche Soldaten wie der Rekrut Marosi (der lyrische Tenor Clemens Kerschbaumer hat den idealen Frauenherzen zum Schmelzen bringenden Verführerton in der Stimme), aber auch der tollpatschige Reserve-Kadett-Feldwebel Wallerstein (Tomi Wendt mit kernigem Bariton) bevölkern die Szene. Alle freuen sich auf den rauschenden Ball mit Wein, schönen Frauen und Tanzen. Nur einer ist nicht in Feierlaune: Oberleutnant von Lörenthy (der kroatische Bariton Grga Peros mit Saft und viriler Autorität), rechtmäßiger Erbe des Gutes, trifft auf seine Jugendliebe Riza, die natürlich einst einen reicheren Mann heiratete. Wie denn  anders, auch der junge Marosi hat Liebeskummer. Er will Treszka (die Mezzosopranistin Marie Seidler mit burschikosem Ton) die Tochter des gefürchteten Feldmarschall-Leutnants Lohonnay (Harald Pfeiffer) an seiner Seite. Die aber wiederum hat nur Augen für Lörenthy. Die klassische Operettendramaturgie mit genügend Drehmomenten für alle möglichen Irrungen und Wirrungen der Gefühle, aufbrausende Leidenschaften, ausgelassenen Czardas und ungarisches Blut. 

 

Der Star der Abends ist der als herausragender Interpret von Barockmusik bekannt gewordene Michael Hofstetter. Er nimmt die Partitur Ernst, animiert das Orchester und die exzellente Solistenschar zu einer Höchstleistung, wie dies einst Sir Eliot Gardiner mit der „Lustigen Witwe“  und den Wiener Philharmonikern ebenso eindringlich glückte. Er lässt heftiges Pathos und glühende Dramatik zu, findet in all den martialischen Trompetenfanfaren jedoch noch genügend Raum für lyrische Einfachheit und schmachtende Liebessänge. Hoftstetter gelingt insgesamt eine stimmungsvolle, in sich kongruente, den Zuhörer fesselnde Einspielung. Wer sich also an Texten wie „Komm mein süßes Katzi, schenk mir einen Kuss, so ein Bussi-Schatzi ist ein Hochgenuss.“ nicht sonderlich stößt, kann eine der besten Operettenaufnahmen der letzten Jahre genießen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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