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CD: EMILIE MAYER: Klavierkonzert B-Dur, Symphonie Nr. 1, c-Moll, zwei Konzertouvertüren; harmonia mundi

04.09.2026 | cd

CD EMILIE MAYER: Klavierkonzert B-Dur, Symphonie Nr. 1, c-Moll, zwei Konzertouvertüren; harmonia mundi

Erster Teil eines auf drei CDs angelegten Mayer-Zyklus!

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Das Wichtigste in Verbindung zum kompositorischen Schaffen der Mecklenburger Künstlerin Emilie Mayer ist es einmal, von den Etikettierungen und Klischees herunterzukommen. Weder war noch ist die Mayer ein „weiblicher Beethoven“ – eine geistige Nähe zur frühen Romantik eines Carl Maria von Weber, Mendelssohn, Hummel oder Spohr läge ungeachtet der klassischen Strukturen näher – noch ein verkanntes Genie, sondern eine für sich stehende, hochrangige Symphonikerin und Schöpferin fantasieüberbordender instrumentaler Musik, wie etwa Konzertouvertüren oder Kammermusik.

Nach dem frühen Tod der Mutter der gerade einmal Zweijährigen zog es Emilie zur Musik hin. Mit fünf Jahren erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht, was damals ebenso oft eine Querverbindung und Anregung zum Schreiben eigener Musik herstellte. Als der Vater 1840 Selbstmord beging, verlegte sie als 28-jährige, finanziell abgesicherte Frau ihren Lebensmittelpunkt nach Stettin. Schluss war es mit der Rolle als Hausfrau zu Diensten eines verwitweten Vaters. Dezidiert und selbstbewusst traf sie ihre Entscheidung, ohne Ehering an der Hand Berufskomponistin zu werden. Studien bei Carl Loewe, erste große Orchesterwerke entstanden. 1847 übersiedelte sie nach Berlin und vervollständigte ihre Studien in Musiktheorie und Instrumentierung.

Dass es aber trotz der tollen und das Talent ihrer Schülerin unterstützenden Lehrer Adolf Bernhard Marx und Wilhelm Wieprecht gegen die Konventionen der Zeit mit ihren Rollenprägungen hartnäckig zu kämpfen galt, zeigt sich am besten an zwei Tatsachen: Emilie Mayer musste die Aufführung eigener Werke im Königlichen Schauspielhaus Berlin (heute Konzerthaus Berlin) von 1850 bis 1854 selbst organisieren und bezahlen. Dazu kam, dass sich das Interesse, ihre Werke verlegen zu wollen, vorsichtig ausgedrückt, in Grenzen hielt.

Genau dieser Umstand ist es nicht zuletzt, der die Aufführungen und Einspielungen des gesamten Oeuvres Mayers für Orchester durch die Akademie für Alte Musik Berlin in historisch informierten, leidenschaftlich flink surrenden Interpretationen so wertvoll und unverzichtbar macht. 

Auf dem Tonträgersektor bildet die neue Veröffentlichung zwar kein Novum. Es liegen diverse Einspielungen des Klavierkonzerts, der Symphonien, Streich- und Klavierquartette, Violinsonaten und Klaviertrios vor. Vor allem das Label cpo hat sich mit der NDR-Radiophilharmonie unter Jan Willem de Vriend als Pionier verdient gemacht. Die Akademie für Alte Musik hat sich die Quellenlage in der Staatsbibliothek erneut angesehen und Hervorragendes geleistet.

Lassen Sie uns doch aus einem nicht untypischen „Fall der Musikgeschichte“ etwas für die Jetztzeit und unser musikalisches Empfinden gewinnen und das Schaffen einer Komponistin würdigen, die es auch ohne jegliches Etikett wert ist, ernst genommen zu werden. 

Die schlank sehnige, stets vorwärtsdrängende, in himmlischer Fluffigkeit so variantenreiche Interpretation der Akademie für Alte Musik Berlin unter der animierenden musikalischen Leitung von Bernhard Forck sorgt dabei für das kulinarische Vergnügen.

Kontrastwirksam stürzen sie sich auf die Konzertouvertüre in d-Moll in einem märchenhaften, duftig feenzarten, zugleich energiegeladenen Duktus, wie wir das etwa bei der Musik Mendelssohns so zu schätzen wissen. Da zeigt sich bald als ein Markenzeichen der Musikerin das originell Unverwartbare in der Dramaturgie, wie ein sich bauschendes Wolken- und Sonnenlichteifern atmosphärisch das Klanggewebe ständig anders reflektierende Hin zu einer dicht geballten sinfonischen Auskehr.

Federnd schwebender gehen es Emilie Mayer und ihre, besonders in den Bläsergruppen charaktervoll virtuos aufspielenden Musikerinnen und Musiker im Klavierkonzert in B-Dur an. Nicht ohne die Rossinische Italianità bei einer den Göttern Haydn und Beethoven ihre Reverenz zeigenden Grundierung könnte man das dreisätzige, fast halbstündige Stück einfach aus ihrer Zeit der Entstehung um 1850 herausgefallen abtun.

Ja, wenn da nicht dieses frühromantische, nur kurz eingetrübte Wetterleuchten im ‚Un poco adagio‘ des zweiten Satzes bzw. diese appetitanregenden, die Aufmerksamkeit belebenden Überraschungen sowie der unbändige Humor der Komponistin in den Ecksätzen wären. Kein heroisches Überhöhen trübt die Bodenhaftung und das aleatorisch alle Sinnen fordernde Miteinander von Soloinstrument, Orchester bzw. einzelnen Instrumenten.

Alexander Melnikow spielt den Solopart auf einem Blüthner Flügel aus dem Jahr 1867. Der einzigartige Klang des Instruments aus Leipzig wirkt in seinem Obertonreichtum fragiler, wärmer-harzholzliger, aber auch sprühender als moderne Flügel dies bewerkstellen können. Perlend zauberhaft und mit flinken Händchen serviert Melnikov all die kunstvoll gebrochenen Arpeggien und Skalen, wenngleich er mangels Vorgabe mit keiner Solokadenz aufwarten kann. Auf Rubati wird weitgehend verzichtet. Die Innigkeit des lyrischen Ichs baut ihren Charme ganz auf neugierigem Augenaufschlag. Was für ein ungetrübtes Hörvergnügen!

Danach folgt die Ouvertüre Nr. 3 in C-Dur. Beginnend mit einer langsamen Einleitung, gewinnen in dem melodischen ‚von Gipfel zu Gipfel‘ Hüpfen zunehmend Oboe, Klarinette, Fagott und Naturhörner die Oberhand. Wiederum frappieren jene federleichte Noblesse und Experimentierfreude, mit der Mayer ihre Einfälle in bunt schillerndes Papier kleidet. Ein apotheotisches Finale treibt die Musik noch einmal zu einer nonchalanten Klimax.

Mayers sinfonischer Erstling, die Symphonie in c-Moll, orientiert sich noch überwiegend an klassischen Vorbildern. Für mich persönlich das am wenigsten profilierte Stück des Albums, wird Mayer erst in den folgenden Symphonien zu ihrem unverwechselbaren Stil finden, der sich hier im Kern jedoch schon abzuzeichnen beginnt. Jedenfalls ist diese Symphonie in ihrer bootsschwankenden, flott skizzierten Motivenarbeit, in ihren eruptiv zögerlichen Gemütsregungen in keiner Sekunde langweilig. Wenngleich markante melodische Einfälle erst im Ansatz aus der Partitur hervorlugen, nehmen das menuetthafte Scherzo und die sich mächtig entladende Dramatik im Finale spontan für sich ein.

Das Musizieren der Akademie für Alte Musik Berlin zu analysieren und zu loben, hieße Eulen nach Athen tragen. Aber dennoch ist wieder einmal die meisterliche rhetorische Artikulationsweise, die rhythmische Präzision, der unverwechselbare Klang und die innerlich so fein verschränkte Balance von Streichern, Bläsergruppen und Perkussion mehr als positiv hervorzuheben.

Die im September 2025 im Pierre-Boulez-Saal Berlin aufgenommene Schallplatte erweist sich zudem klangtechnisch ohne künstlichen Hall und Weichzeichner als ein Juwel.

Man darf schon sehr gespannt auf die folgenden zwei Editionen sein!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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