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CD ÉLISABETH JACQUET de LA GUERRE: CÉPHALE ET PROCRIS – Weltpremiere, Château de Versailles Spectacles

20.02.2024 | cd

CD ÉLISABETH JACQUET de LA GUERRE: CÉPHALE ET PROCRIS – Weltpremiere, Château de Versailles Spectacles

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Élisabeth, die begabteste, frühreifste und vielseitigste Musikerin von vier Geschwistern aus einer Pariser Organistenfamilie, durfte schon als Fünfjährige Ludwig XIV. mit ihrem Cembalospiel unterhalten. Der war angetan ob so viel erstaunlichen Talents und sie dankte dem Monarchen mit diversen Widmungen gehörig für seine Aufmerksamkeit.

Selbst mit einem Organisten, Marin de La Guerre, verheiratet, pendelte Élisabeth zwischen lehrender Tätigkeit und Konzerten. Sie entdeckte und pflegte früh ihre Begabung, für die Bühne zu komponieren. Mit dem Ergebnis, dass sie mit ihrer Tragédie lyrique „Céphale et Procris“ auf ein Libretto des königlichen Kammerdieners Joseph-François Duché de Vancy die erste Frau in der französischen Musikgeschichte war, von der ein Stück über die Bühne der Académie royale de musique ging.

Wieder einmal war es Ovid, der mit seinen „Metamorphosen“ und dem Buch III aus „Die Kunst des Lebens“ Stoff für das Textbuch der Oper lieferte. Vancy stärkte die Rolle der Aurore und ersann in Anlehnung an italienische Traditionen bei Monteverdi oder Cavalli als Kontrast zu den tragisch Liebenden Céphale und Procris ein komisches zweites Paar, Arcas und Dorine, letztere Procris‘ Vertraute.

Die Uraufführung fand am 15.3.1694 im Theatersaal des Palais Royal statt, allerdings wurde „Céphale et Procris“ nach nur wenigen Aufführungen abgesetzt. Ob der Misserfolg daran lag, dass die Erinnerungen an das Bühnenwerk des 1687 verstorbenen Jean-Baptiste Lully noch zu überwältigend waren oder „in der allzu großen Originalität in Vergleich zu Lullys ‚einfachem, natürlichem‘ Stil“ (Catherine Cessac)? Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die 1693 aufgekommene bigotte Auseinandersetzung um Fragen der Moral im Theater damit zu tun hatte: War da eine Frau in der Académie royale etwa generell suspekt?

Heute brauchen uns diese die historische Rezeption betreffenden Ursachen für Erfolg oder Misserfolg weniger zu interessieren, weil wir nach allgemeinem Forschungsstand und selbstverständlich mit eigenen Rezeptoren und Hörerfahrungen durchaus in der Lage sind, festzustellen, ob das Ganze dramaturgisch kitzelt und die Aufmerksamkeit „am Ball“ hält. Genau das kann „Céphale und Procris“ in einem für das Genre typischen Verherrlichungs-Prolog für „den mächtigsten aller Könige“ und weiteren fünf Akten, wo das immer aktuelle Thema der Treue von Liebenden in windungsreichen Geschehnissen abgehandelt wird, ausgezeichnet.

Alles hätte so reibungslos ablaufen können bei dem edlen Liebespaar Procris und Céphale, würden sich nicht die Götter mit Passion in Irdisches einmischen und uns mit ihrem standeswidrigen Hang für Sterbliche behelligen. Haben die nichts anderes zu tun? Im ersten Akt ist nämlich der König von Athen bereit, seine Tochter Procris dem von ihr geliebten Céphale zur Frau zu geben. Bis eine Priesterin als Botin erscheint und die Ehe im Namen der Götter verbietet, verbunden mit der Verkündigung, Procris müsse Borée, den Fürsten von Thrakien, ehelichen. Bald erfahren wir, dass es die rosenfingrige Göttin der Morgenröte Aurore selbst war, die den Disput säte und Procris der Untreue bezichtigte. Sie hatte höchstselbst ein Auge auf den feschen Céphale geworfen. Während Céphale sich in weltschmerzliche Melancholie („Amour, que sous tes lois cruelles“) stürzt, will Iphis Céphale in Divertissements im dritten Akt dazu bringen, die Freuden der Lust zu genießen. Weil der untröstliche Schöne den Avancen der Aurore nicht folgt, setzt die verletzte Göttin auf höllische Rache. La Jalousie (Eifersucht) tritt auf den Plan und setzt Procris – wie Jago seinem Herrn Otello – die tödliche Schlange der Eifersucht ans Herz. Gefolgt von La Rage (Wut), Le Désespoir (Verzweiflung) und einem Chor der Dämonen, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Da kann auch Aurores Einsicht nichts ändern, dass ein auf Unglück anderer gebautes „Glück“ nicht hält und Procris (zu spät) der Treue des Céphale versichert. Céphale will der von ihm durch einen unglücklichen Zufall tödlich verletzten Procris in die Unterwelt folgen. Vorhang.

Der belgische Haute-Contre Reinoud Van Mechelen tritt mit seinem 2016 gegründeten Ensemble a nocte temporis (=“seit Anbeginn der Zeit“) und dem Choeur de Chambre de Namur bei diesem im Jänner 2023 in der Grand Manège de Namur entstandenen Album in einer Doppelfunktion als Sänger der männlichen Hauptpartie und Dirigent auf. Als Partner kann er auf eine exquisite Fachkollegenschaft zählen. Ema Nikolovska (L’Aurore), Deborah Cache (Procris), Lore Binon (Flore, Dorine), Gwendoline Blondeel (Iphis, La Prêtresse, Nymphe), Marc Mauillon (La Jalousie, Un dieu de la mer), Reinoud van Mechelen (Céphale, Nerée), Lisandro Abadie (Borée, Pan), Samuel Namotte (Arcas), Gert-Jan Verbueken (La Rage), Wei-Lian Huang (Athénienne, une suivante de la Volupté) sowie Laurent Bourdeaux (Le Roi, Le Désespoir) hat sich Van Mechelen mit ins Boot holen können.

Musiziert und gesungen wird auf allerhöchstem Niveau. Natürlich gibt es den Gepflogenheiten der französischen Oper des 18. Jahrhunderts entsprechend (sehr) lange Rezitative, die jedoch übergangslos in ariose Passagen und Chöre münden. Als Gegenpart erweisen sich die vielen kleinen tänzerisch beschwingten Instrumentaleinschübe (Divertissements) als besonders erquicklich. Dazu sorgen die schmerzverzehrten, herzzerreißenden Monologe (Procris „Funeste mort“), hoch emotionalen Airs und Duette (scène dernière „Céphale … ô jour funeste“) mit ihrem Kalt-Warm von Liebe bis zu eifersuchtsglühendem Hass und wieder retour, ihrem Witz und Albernheiten (Dorine und Arcas) als dramatisch und atmosphärisch abwechslungsreich. Élisabeth Jacquet de La Guerre war überdies Meisterin von ausdrucksvollen, lautmalerisch deftigen Tönen (Unterwelt), die mit grellen Couleurs und harmonischer Imagination die Schablonen ihrer Zeit hinter sich lassen.  

Prädikat: Unterhaltsam, berührend, wertvoll!

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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