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CD EDUARD TUBIN, GRAZYNA BACEWICS und WITOLD LUTOSLAWSKI – Musik aus Estland und Polen – Gegenseitige Befruchtung und gemeinsame Herleitungen; Alpha

20.04.2024 | cd

CD EDUARD TUBIN, GRAZYNA BACEWICS und WITOLD LUTOSLAWSKI – Musik aus Estland und Polen – Gegenseitige Befruchtung und gemeinsame Herleitungen; Alpha

Paavo Järvi und das Estonian Festival Orchestra mit ihrer bislang besten Einspielung

gb

Die jüngste Veröffentlichung des Tonhalle Orchesters Zürich unter der musikalischen Leitung des umtriebig vielseitigen wie neugierig reperoireerkundenden estnischen Dirigenten Paavo Järvi mit den fünf Symphonien von Felix MendelssohnBartholdy und einem Auszug aus dessen Sommernachtstraum ist für mich trotz der nicht zu überhörenden Meriten der im Fahrwasser von Wolfgang Sawallisch an Dramatik und orchestraler Binnenspannung (großartig gelungen ist der „Lobgesang“) bestechenden Interpretation wegen eines allzu kompakten Klangbildes keine allererste Wahl. Dafür möchte ich auf ein bereits 2023 erschienenes Album des Paavo Järvi und des Estonian Festival Orchesters mit estnischer und polnischer Musik, allesamt zu wenig bekannte, deshalb gut gewählte Spitzenschöpfungen des 20. Jahrhunderts, aufmerksam machen. Es lässt in der klugen Programmatik sowie der musikalischen Darbietung keinen Wunsch offen.

Zuvor ein kleines Wort zu Mendelssohn: Kein anderes symphonisches Oeuvre der (Früh)Romantik ist heikler zu interpretieren, kaum eine andere symphonische Welt verlangt nach einer sensibler und duftiger abgemischten Vergegenwärtigung irgendwo zwischen zartem Aquarell- und sorgfältig kräftiger gespachtelten Ölfarben. Mendelssohns Musik könnte eine Art von Feenland sein, hoch über allem menschlichem Unrat errichtet, wo duftig glitzernde Klänge ein zauberhaftes Universum von bunt berauschenden Natur-, seien es flirrende Wasser, Berg- oder Waldstimmungen, in fantasievoll leuchtenden seelischen Entsprechungen begründen. Einer der wenigen Dirigenten, dem ich bislang bei Mendelssohns Instrumentalmusik mit Begeisterung folgen konnte, ist Claudio Abbado. Bei den neueren Aufnahmen überzeugen mich John Eliot Gardiner, Antonello Manacorda mit der Kammerakademie Potsdam sowie Maxim Emelyanychev und das Scottish Chamber Orchestra (Symphonien Nr.3 & 5).

Aber zurück zu unserem estnisch-polnischen Album der Sonderklasse. Es ist die vierte Aufnahme des Parvo Järvi beim so innovativ und clever Barockes, Klassisches, Romantisches bis zu Zeitgenössisches publizierenden Label Alpha Classics mit dem Estonian Festival Orchestra. Das Album überrascht mit einem als Geheimtipp geltenden, nach wie vor unterschätzten Komponisten aus Estland und zwei weiteren Tonsetzern aus Polen mit tollen Werken überwiegend für Streichorchester, allesamt entstanden während der Zeit der Sowjetherrschaft.

Der Este Eduard Tubin hat zehn Sinfonien hinterlassen, damit ist er einer der bedeutendsten Sinfoniker seines Landes. Auf dem Album ist er mit der Suite aus dem Ballett ‚Kratt‘ und einer Musik für Streicher vertreten. Witold Lutoslavski und Grażyna Bacewicz steuern ihrerseits die mystische, Trauer zu Schönheit vergoldende „Musique funèbre“ (1958) und ein neoklassizistisches „Concerto für Streichorchester“, inspiriert von Bartóks „Konzert für Orchester“ (1948), bei.

Das Libretto zum Ballett „Kratt“ (=Kobold), das in der hitzigen Motorik und gemäßigten Modernität an Stravinskys Dhiagilev-Ballette anschließt sowie estnisch Volkstümliches aus dem estnischen Folklorearchiv (30 Volkslieder und Instrumentalstücke fanden Eingang in die Komposition) nach dem Vorbild Bartóks amalgamiert, stammt von der Ballerina Elfriede Saarik, Tubins späterer Ehefrau. Die Entstehung ist auf einen Ungarn Aufenthalt von Tubin bei Zoltan Kodály zurückzuführen, anlässlich dessen auch das Thema Integrierung von Volksweisen in die Musik zur Sprache kam.

Järvi lässt Bauern und Kobolde tanzen, Exorzisten toben, nordische Lichter flackern, dazu eine Ziege und einen Hahn zu Ton kommen. Das Ballett handelt von einem geldgierigen Bauern, dem ein Magier rät, einen schatzfindenden Kratt zu „basteln“ und ihn machen zu lassen. Damit das funktioniert, verhökert der Landmann seine Seele an den Teufel, damit dieser das Machwerk zum Leben erweckt. „Beeinflusst von bösen Mächten fliegt dieser Kratt durch die Luft und hinterlässt eine glühende Feuerspur, während er für seinen Herrn Schätze anhäuft.“ (Nele-Eva Steinfeld) Liebesavancen eines Knechts mit seiner Tochter führen zum Streit, der wütende Kobold wendet sich gegen den Bauern, zündet dessen Haus an und erwürgt seinen Schöpfer. Das 1943 uraufgeführte Ballett ist mit einem politisch nationalen Trauma verbunden, als es in Tallinn genau zu dem Zeitpunkt über die Bühne ging, als die Sowjets im März 1944 begannen, Tallinn mit über 1000 Brandbomben (Sowjetrussland hatte Estland 1940 eingenommen, bald danach lösten deutsche Truppen die Sowjets als Besatzer ab), vielen Toten und brachialer Zerstörung zu attackieren. 1944 war auch das Jahr, in dem der Komponist nach Schweden ging und den Rest seines Lebens dort verbrachte.

Das von Paavo Järvi 2011 aus Anlass des damals aus der Taufe gehobenen Pärnu Music Festivals gegründete Estonian Festival Orchestra eint nach dem Luzerner Muster die besten Orchesterleute und die vielversprechendsten jungen Talente des Landes zu einem bravourösen, dem genius loci entsprechend skandinavische, russische und deutsche Traditionen verschmelzenden Klangkörper. Vom Elan des Chefs animiert, begeistern insbesondere die Streicher. Die Idee des Festivals ist es, Musik aus Estland zu pflegen und diese in einen interkulturellen Zusammenhang zu Tonschöpfungen aus Polen, Russland und Deutschland zu stellen.

Genau das ist mit dem vorliegenden Album hervorragend gelungen. Von Temperament und Inhalt her so unterschiedliche Werke, wie die tonmalerisch üppig prassende Ballettsuite, die beiden formal an barocke Concerti grossi angelehnten dreisätzigen Stücke für Streichorchester von Eduard Tubin (in seiner exquisit polyphonen Anmutung mit romanischen Schlenkerern mein persönlicher Favorit des Albums) und Grażyna Bacewicz bis zu Lutoslawksis 1958 vollendeter „Musique funèbre“ (war in Vorschau auf den zehnten Todestag von Béla Bartók 1955 vom polnischen Dirigenten Jan Krenz angeregt worden), bergen atmosphärisch und strukturell einen verwandten politischen und künstlerisch repressiven Hintergrund. Paavo Järvi und das fabelhafte Orchester reüssieren auf voller Linie, diese in ihrer Art faszinierenden Werke exemplarisch aufzuführen und mit dem Album in ein helleres Licht zu rücken. Paavo Järvi setzt damit das Werk seines Vaters Neeme Järvi fort, der sich zu seinen Lebzeiten besonders für das Schaffen von Tubin einsetzte, es in vielen Konzerten präsentierte und für BIS aufnahm.

Fazit: Die CD, die die überregionale Bedeutung des Festivals und die Güte der dort gepflegten Programmatik unterstreicht, ist in der Offenlegung der Gemeinsamkeiten der Musik aus Estland und Polen eine überaus sinnstiftende Pioniertat und musikalisch die reinste Freude.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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