CD EDMOND DÉDÉ: MORGIANE OU, LE SULTAN D’ISPAHAN; Live-Mitschnitt aus der Opera Lafayette 2025, Weltersteinspielung Delos
Musikalisch nur partiell ergiebige Rehabilitierung einer durchaus reizvollen, im Kern epigonalen Oper

Die musikgeschichtliche Bedeutung der 1887 vollendeten Oper „Morgiane, ou, le Sultan d’Ispahan“ des aus New Orleans/Louisiana stammenden Kreolen Edmond Dédé liegt eindeutig darin, dass sie nach derzeitigem Stand die früheste ganze Oper eines Afro-Amerikaners überhaupt repräsentiert. Überwiegend in Frankreich musikalisch beheimatet und tätig, spiegelt das Leben des Sohns eines Militärkapellmeisters die schwierige Situation seiner Familie in einer von Gewalt und Hierarchie geprägten rassendiskriminierenden Zeit und Umgebung. In den 1840er Jahren waren in Louisiana fürchterliche „Black Codes“ an der Tagesordnung, die das Leben der freien ‚gens de couleur libres‘ und versklavter Menschen mit dem Ziel einer rassistischen Trennung unerträglich drangsalierten.
Edmond Dédé war bald gezwungen, nach Mexiko zu fliehen und spielte ebenda in diversen Orchestern. Er kehrte ungeachtet aller Risiken, verhaftet oder versklavt zu werden, 1851 krankheitsbedingt, als Zigarrenmacher seinen Lebensunterhalt bestreitend, nach New Orleans zurück. Mit 34 Jahren konnte Dédé nach Frankreich emigrieren. Am Pariser Conservatoire de Paris studierte Dédé unter anderem bei Fromental Halévy. Seine eigentliche Bestimmung fand Dédé in Bordeaux, wo er am Grand Théâtre korrepetierte und dirigierte sowie 27 Jahre lang dem auf Operetten und Vaudeville spezialisierten Orchestre des Théâtre l’Alcazar vorstand.
Als Komponist schrieb er ca. 250 Lieder, Symphonisches, Ballettmusik und als Krönung die Oper „Morgiane“. Diese vieraktige Oper auf ein Libretto von Louis Brunet, ein ambitionierter Herzenswunsch von Dédé, wurde zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt. Und auch danach nicht, bis das OperaCréole Ensemble und das Opera Lafayette Orchestra unter der musikalischen Leitung von Patrick Dupré Quigley eine Aufführung ermöglichten.
Givonna Joseph, Gründerin von OpéraCreole, Dirigent Patrick Dupré Quigley und Ryan Brown, künstlerischer Leiter von Opera Lafayette, haben spürbar ihr ganzes Engagement und ihre Liebe in diese Produktion gesteckt, dank derer wir heute diese vergessene Oper zum ersten Mal hören können.
Die Geschichte der Rekonstruktion ist – ja nachdem welcher Maßstab angelegt wird – vielleicht spannender als die Musik selbst. Basierend auf einem 545 Seiten starken Manuskript in zwei Bänden überdauerte das Werk im Archiv der französischen Sammler Bernard Peyrotte und Jean-Marie Martin. Im Jahr 2000 von der Houghton Library/Harvard University erworben, wurde das Konvolut 2008 von der Bibliothekarin Andrea Cawelti entdeckt und eingescannt.
Ihre Scans erreichten offenbar das oben erwähnte Trio, das sich zur Belebung zu einer Kooperation entschloss. Die Arbeit an der Konsolidierung des rohen Notenmaterials muss unvorstellbar komplex gewesen sein. Das handschriftlich Überkommene, teils schwer leserlich mit stenografischen Notizen und alternativen Notierungen gespickt, musste musikalisch ‚archäologisch‘ in eine eineindeutige musikalische Fassung übertragen werden. Was dem Herausgeber Maurice Saylor und seinem Team auch gelang.
Der Mitschnitt vom 9. 2. 2025 aus der Dekelboum Concert Hall/The Clarice Smith Performing Arts Center at the University of Maryland vereint Kräfte der OperaCréole und der Opera Lafayette. Das Sängerensemble mit Mary Elizabeth Williams (Morgiane, Sopran), Kenneth Kellogg (Kouroushah, Bass), Nicole Cabell (Amine, Sopran), Joshua Conyers (Hagi Hassan, Bariton), Chauncey Packer (Ali, Tenor) und Jonathan Woody (Beher, Bassbariton) bemüht sich nach Kräften, die vor allem für die Vokalisten hochvirtuose Partitur nach der typischen Stilistik der Grand Opera, koloratur- und spitzentongepfeffert, mit Vitalität zu erfüllen. Allerdings reüssieren die tiefen Stimmen eher als der an ihre Grenzen stoßende Sopran von Mary Elizabeth Williams und der in der Höhe enge und sich fallweise ins Falsett flüchtende Tenor Chauncey Packer.
Die mit Elementen des italienischen Belcantos durchsetzte, französisch fundierte Musik eint romantische Arien, Liedhaftes, brillante spritzige Ensembles und große Chortableaus. Sie kann humorvoll und witzig sein, virtuos glänzen, pathetisch ironisch zwinkern, klangexotisch in karibischen Rhythmen daherkommen und gefällt bei allem und vor allem durch ihre kunstvoll inszenierte Leichtigkeit.
Der Vorzug in der musikalischen Umsetzung liegt in der temperamentvoll-flotten, elegant federnden musikalischen Leitung des US-amerikanischen Dirigenten, Produzenten und Arrangeurs Patrick Dupré Quigley. Der Gründer und künstlerische Leiter des in Miami ansässigen Chors „Seraphic Fire“ vermag mit dem schwungvoll agierenden Orchester der Opera Lafayette die vielgestaltigen Fäden der Partitur zusammenhalten, die Polystilistik der Musik überzeugend zu beleuchten und entsprechend weite Bögen zu formen.
Die technische Qualität des Mitschnitts kommt über einen akzeptablen Durchschnitt nicht hinaus.
Fazit: Musikhistorisch anregende Begegnung mit einer durchaus unterhaltsamen, Einflüsse der romantischen wie komischen Oper aufnehmenden Grand-Opera und ihrem Schöpfer. Ihre Meriten liegen in der geschickten Assimilierung der französischen Operntraditionen des 19. Jahrhunderts. Der Musik geht daher logischerweise eine unverkennbar eigenständige Prägung ab. Für eingefleischte Raritätensammler und vorrangig musikhistorisch Interessierte.
Dr. Ingobert Waltenberger

