CD ECHOES OF ETERNITY – MILAN SILJANOV singt Lieder von Schubert, Brahms und Martin; Prospero
„Sie sind verflucht ernsthaft und dabei so gottlos, dass die Polizei sie verbieten könnte – wenn die Worte nicht alle in der Bibel stünden.“ Johannes Brahms über seine ‚vier ernsten Gesänge‘ an seinen Verleger

Von all den herausragenden Liedalben der letzten Zeit ist dieses Tonträger-Lied-Debüt des schweizerischen Bassbaritons Milan Siljanov mit persisch-mazedonischen Wurzeln das aller ungewöhnlichste. Während wir mit den Namen Benjamin Appl, André Schuen oder Samuel Hasselhorn sofort erfahrungsgestützt verbinden, was Spitzenmäßiges an Liedinterpretationen erwartet werden darf, war mir Milan Siljanov vor der Veröffentlichung des Albums „Echos der Ewigkeit“ kein Begriff.
Leicht hat er es sich nicht gemacht, der Siljanov: Für sein erstes Lied-Album hat er sich nicht irgendein „Best-of“ gewählt, sondern mit den Zyklen „Vier ernste Gesänge“, Op. 121 von Johannes Brahms und „Sechs Monologe aus ‚Jedermann‘“ von Frank Martin sogenannte schwere Kost. Zuvor gibt Milan Siljanov die Schubert-Lieder „Am Bach im Frühling“, “Auf der Donau“, „Der Schiffer“, „Der Wanderer an den Mond“, „Fahrt zum Hades“ und „Gruppe aus dem Tartarus“ zum Besten. Mit dieser Wahl erinnert er an die kompromisslosen Liedprogramme, für die einst Robert Holl stand. Dem Sänger geht es in seinem Programm um Leidenschaft und Schwermut, Einklang von Leben und Tod, Suche nach Sinn und Erlösung in einer Welt voller Leid und Vergänglichkeit.
Was außer dem vollmundigen männlichen Timbre sofort besticht, ist das traumhafte Legato und eine Phrasierungskunst, die die Poesie zu einer idealen Symbiose mit der Musik verschmelzen lässt. Das ganz und gar Außergewöhnliche des Bassbaritons ist die ungeheure Expansionsfähigkeit des reichlichen Stimmmaterials bei ruhiger Stimmführung. Vom zartesten Piano bis zu einem substanzreichen Fortissimo (‚Auf! Schlagt die Feuerglocken drein‘ in ersten Jedermann-Monolog) reicht die gewaltige dynamische Bandbreite, wie sie nur ganz wenigen vergleichbaren Sängern zur Verfügung steht.
Wie Sijanov bei der „Gruppe aus dem Tartarus“ (Text Friedrich Schiller) etwa auf die letzten Worte „Ewigkeit schwingt über ihnen Kreise, bricht die Sense des Saturns entzwei“ aus dem stimmlich Randvollen schöpfen kann, lässt erschauern. Dazu kommt ein subtiler Umgang mit Worten, eine erzählerisch motivierte Textverständlichkeit, ohne im Entferntesten die Konsonanten über Maß strapazieren zu müssen.
Ich gestehe, ich kann von dieser mir neuen, so obertonreichen, samtig schimmernden, markant üppigen Stimme nicht genug bekommen. Die „Vier ernsten Gesänge“ von Johanne Brahms werden in aller Tiefe ausgelotet, wobei die Beschwörung der Liebe in „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete“ (Brief des Paulus an die Korinther, Kap. 13) besonders unter die Haut geht.
Die Jedermann-Monologe nach Hugo von Hofmannsthal überwältigen in Siljanovs elementarer Stimm-Urgewalt und interpretatorisch existenziellen Wucht. Siljanov gestaltet in diesen theatralischen Szenen die Entwicklung des reichen Mannes ausgehend von Zweifeln, Todesfurcht, über das Hoffen des Sünders auf Vergebung, die Trostsuche des Narren bis zur Anrufung Gottes im himmlischen Licht, auf dem nun rechten geistigen Weg.
Die Aktualität des Stücks liegt auf der Hand. Etwa die allererste Frage „Ist alls zu End das Freudenmahl, und alle fort aus meinem Saal?“, die ein Lebensgefühl ausdrückt, das den sogenannten Zeitgeist hierzulande an einigen Stellen schmerzhaft auf den Nagel treffen dürfte.
Nino Chokhonelidze begleitet am Klavier partnerschaftlich mit Einfühlung für den Sänger, ohne die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten aus den Augen zu verlieren.
Trailer zum Album: https://www.youtube.com/watch?v=SEC3pfIHOFU
Fazit: Grandiose Stimmentdeckung! Künstlerisch wertvoll!

Tipp: Wer die „Vier Ernsten Gesänge“ von Johannes Brahms in einem Arrangement für Klavier solo von Max Reger hören will, dem sei das neue Album des kasachischen, in London lebenden Pianisten Samson Tsoy (Label Linn) empfohlen. Das Album wartet auch noch mit einer hochinteressanten Bearbeitung der Partita Nr. 2 in d-Moll, BWV 1004 des Johann Sebastian Bach für die linke Hand von Johannes Brahms auf, der dazu mit den „Variationen und Fuge nach einem Thema von Händel“ prominent vertreten ist.
Dr. Ingobert Waltenberger

