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CD/DVD VIVALDI „STABAT MATER“ – JAKUB JÓSEF ORLINSKIS Sehnsuchtswerk und sehr persönliche Albtraumsequenz; Erato

23.03.2022 | cd

CD/DVD VIVALDI „STABAT MATER“ – JAKUB JÓSEF ORLINSKIS Sehnsuchtswerk und sehr persönliche Albtraumsequenz; Erato

Capella Cracoviensis/Jan Tomasz Adamus, Videoregie Sebastian Panczyk

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„O du Mutter, Brunn der Liebe, mich erfüll mit gleichen Trieben, dass ich fühl‘ die Schmerzen dein; Dass mein Herz im Leid entzündet, sich mit deiner Lieb verbindet, um zu lieben Gott allein. Amen“ Stabat Mater “Eja Mater, fons amoris; Fac ut ardeat cor meum“

Die für viele Künstler erzwungene Corona-Pause ermöglichte zahlreiche Projekte abseits des Mainstreams. Bei Orlinski waren es die Sehnsucht nach einer Studioaufnahme von Vivaldis geistlichem Hit „Stabat mater“ verbunden mit der Idee einer aufwändig inszenierten visuellen Umsetzung des 18-minütigen Stücks in einem sehr persönlichen Film, die erfüllt werden konnten.

2013 sang Orlinski erstmals Vivaldis „Stabat mater“ in einer polnischen Kirche, später des Öfteren im Konzert. Sein sängerisches Vorbild Andreas Scholl hat das Werk 1995 aufgenommen. Orlinski konnte seinen musikalischen Traum einer CD- Einspielung 2020 im Nowa Theater in Krakau verwirklichen. Mit der für dieses frühbarocke Repertoire hervorragend geeigneten capella cracoviensis auf Instrumenten der Zeit (2 Violinen, Bratsche, Cello, Kontrabass, Theorbe) unter der stilistisch mustergültigen musikalischen Leitung von Jan Tomasz Adamus, der auch den Orgelpart übernahm, ist ein überaus emotionales und musikalisch meisterliches Album entstanden. Das mit der knappen Spieldauer von nur 18,25 Minuten manchen Musikfreund ratlos zurücklassen wird.

Der wegen der besonderen Schönheit seines Timbres und der wahrlich barocken Farbenpracht seiner Interpretationen berühmte Sänger ist bekanntlich auch in anderen Disziplinen wie dem akrobatischen Breakdance fit und wollte offenbar als weiteren unverzichtbaren Bestandteil seiner künstlerischen Vision nicht weitere Musik von Vivaldi anbieten (wie schade!), sondern hat sich in Zusammenarbeit mit dem Studio Dobro / Platige Image auf einen Film konzentriert, der die Musik Vivaldis subjektiv bebildert.

Wovon handelt das Stabat Mater? Vom Schmerz Marias bei der Betrachtung ihres Sohnes am Kreuz, dann will der Dichter über die geteilte Trauer ins erlösende Paradies gelangen.

Was sehen wir? Der Hauptdarsteller/Dichter im Film ist Orlinski selbst. Seine subjektive Empfindung zum Text des Stabat mater mündet in eine freie Abfolge von Szenen und Bildern, die von einem schrecklichen Verbrechen ihren Ausgang nehmen. Dabei geht es wie im Text immer um das Thema Beobachten und Empfinden, also der gebrochenen Form des Leids, dem Mitleiden.

Ein kleines Mädchen auf dem Rücksitz eines Autos beobachtet zerstreut eine Gruppe ausgelassener junger Leute durch den Wald laufen. Schüsse fallen. Vier der Fünferbande werden brutal erschossen, Blut spritzt. O. bleibt am Leben, flieht und versteckt sich im Wald. Er beobachtet, wie der Mörder die vier Leichen auf einen Anhänger packt und damit davonfährt. In der Folge gibt es eine Sequenz an Alltags- und Bühnen-Szenen, in der O. seinen (ziemlich gleichförmig) aufgerissenen Blick in die Kamera richtet. Er scheint ohne Verständnis zu sein für all das, was um ihn herum geschieht. Die Menschen rund um ihn fliehen oder zumindest fürchten ihn. So die Mutter eines kleinen Buben an einem leeren Brunnen. Man sieht O. am Ufer eines Sees, auf einem Feld voller Kohlköpfen, vor einem Kreuz, durch eine nächtliche Stadt ziehen, schmerzvoll eingekrümmt mit blank starrem Entsetzen im Gesicht. Er steigt in einen Bus und beginnt nun als Singender daran zu erinnern, dass es der Gesang ist, der die Gefühle sublimiert, sie ordnet und fokussiert.

Die äußerst eigenwillig assoziativen Bildfolgen rund um Gewalt, Trauer und Tod muss und kann man nicht verstehen, weil sie wie Albtraumgespinste keiner Logik, sondern einem inneren Zwang zu folgen scheinen. Man muss sie in ihrer teils drastischen Grauslichkeit aber auch nicht mögen. Da gibt es den in einer Kirche zusammengeschlagenen Mann, dann den speckigen Glatzkopf-Fettwanst im Ripshirt, der die Morde begangen hat, in einem Leder-Fauteuil rauchend bei einer obskuren Feier.

  1. im Stiegenhaus der Oper – dazwischen beobachtet er ein Paar beim Sex in der Natur – Schnitt: ein Hirsch wird über den Zuschauerraum auf die Bühne geführt. Das Amen gibt Gelegenheit zu einer raschen Bilderfolge aus den vorangegangenen Szenen. Schluss: O. sitzt knieend auf der Ufer-Sandbank, dann allein auf der Bühne vor verlöschenden Lichtern.

Nicht nur der Rezensent fragt sich wahrscheinlich, was dieser Film an Mehrwert für das Verständnis der Musik bringt. Wäre die Zeit und Energie, die für diesen geschmäcklerischen und banal reißerischen Film aufgewandt wurden, nicht besser aufgehoben gewesen für ein Mehr an Musik? Orlinski ist sicher besser als Sänger denn als Filmschauspieler. Wenn es des eines entsprechenden Beweises bedurft hätte, dann ist diese CD/DVD dafür bestens geeignet.

Fazit: Trotz der exquisiten Qualität der musikalischen Interpretation und der superben Gesangsleistung wirklich nur für eingefleischte Orlinski-Fans empfehlenswert. Die nur 18 Minuten Musik stehen in keinem Verhältnis zum CD-Vollpreis. Das Video ist schlicht und einfach entbehrlich.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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