CD „DRAMA“ – MATTHIAS LIKA mit Liedern nach Gedichten von Heinrich Heine, hänssler classic
Solo-Debütalbum des imponierend stimmprächtig auftrumpfenden deutschen Baritons

Zuallererst gilt es – selten genug gibt es Anlass dazu – über pure Stimmfülle, enormen Stimmumfang und echte heldische Attacke zu berichten. Der 32-jährige Matthias Lika, im Dezember 2024 mit dem 1. Preis beim Bundeswettbewerb Gesang in Berlin in der Kategorie Konzert ausgezeichnet, verfügt über mehr als beachtliche vokale Mittel. Sein voluminöser Bassbariton wartet mit einer satten Tiefe und spielerisch erreichten Höhen auf. Dabei glänzt die textbezogen wandelbar profilierte und intensivfarben berückende Stimme mit einer enormen Ausdrucksbreite, ist jedoch bei aller kernig virilen Mitte stets angenehm samtig gekrengelt. Allein in diese üppige Stimme, der nolens volens die erste Aufmerksamkeit zukommt, kann sich die Hörerschaft genießerisch wie in ein Vollschaumbad gleiten lassen.
Dieser Matthias Lika hat sich als Solo-Debütalbum ein kluges Programm aus Anlass des 170. Todestages des Dichters Heinrich Heine zusammengestellt. Tatsächlich griffen zahlreiche Komponisten auf die erzählerisch kompakten, dramatisch oft ambivalent durchwirkten Gedichte des politisch revolutionären, bis heute kontrovers rezipierten genialen Wortkünstlers zurück.
Auf dem Album sind Vertonungen von 20 Gedichten Heines (die meisten stammen aus dem Buch der Lieder) u.a. von den Komponisten Robert Schumann, Artur Rubinstein, Clara Schumann, Hugo Wolf, Mendelssohn-Bartholdy, Grieg, Draeseke oder Medtner zu hören. Dass es nicht einfach ist, eine Auswahl aus Bekanntem und Rarem zu treffen, wird offenkundig, wenn man bedenkt, dass geschätzt bis zu 10.000 Vertonungen von Heines poetischen Höhenflügen existieren.
Ein besonderer Stellenwert auf dem Album kommen neben eingängigen Titeln wie „Die beiden Grenadiere“ von Robert Schumann oder der „Die Stadt“ von Franz Schubert Liedpreziosen zu, die selbst eingefleischten Kennern Neugier abringen werden. Ich denke hier etwa an „König Harald Harfagar“ von Gerrit Jan van Eijken, einem niederländischen Tonsetzer des 19. Jahrhunderts, „Bergstimme“ des Russen Nikolai Medtner oder „Der Doppelgänger“ des aus Schlesien stammenden deutschen Diplomaten, Intendanten und Komponisten Hans Heinrich Graf Bolko von Hochberg. Seltenheitswert kommt auch den drei „Ritter Olaf“ Vertonungen (‚Vor dem Dome‘, ‚Herr Olaf sitzt beim Hochzeitsschmaus‘ und ‚Herr Olaf, es ist Mitternacht‘) des Spätromantikers Felix Draeseke zu.
Wie die Musikwissenschaftlerin, Moderatorin und Autorin Dr. Stefanie Bilmayer-Franck im Booklet anmerkt, künden die Titel von verschiedenen persönlichen Dramen, von „mittelalterlichen Episoden oder nehmen uns mit in eine fantastische Märchenwelt. Die Flucht aus dem Alltag in ein erdachtes Szenario ist dabei Programm, damals wie heute. Denn vielleicht ist es gerade in unserer oft so unromantischen Zeit nicht die schlechteste Idee, sich Lieder vorsingen zu lassen.“
Vor allem dann, wenn sie dramaturgisch so punktgenau, vokal überwältigend und pianistisch einfühlsam von Doriana Tchakarova begleitet, ertönen wie auf dem Album „Drama“, das den Namen zurecht trägt.
- Robert Schumann: Die beiden Grenadiere op. 49 Nr. 1; Der arme Peter op. 53/3 Nr. 1-3; Es leuchtet meine Liebe op. 127 Nr. 3; Belsazar op. 57; Die feindlichen Brüder op. 49 Nr. 2
- Anton Rubinstein: Der Asra op. 32 Nr. 6
- Clara Schumann: Lorelei WO 19
- Hugo Wolf: Mir träumte von einem Königskind
- Felix Mendelssohn: Reiselied op. 34 Nr. 6
- Hans Heinrich XIV, Graf Bolko von Hochberg: Der Doppelgänger op. 17 Nr. 1
- Edvard Grieg: Das alte Lied op. 4 Nr. 5
- Felix Draeseke: Ritter Olaf op. 19 Nr. 1-3
- Gerrit Jan van Eijken: König Harald Harfager op. 9 Nr. 3
- Nikolai Medtner: Bergstimme op. 12 Nr. 3
Tipp: Wer Matthias Lika in einer Oper hören will, dem sei die Gesamtaufnahme von Joachim Raffs komischer Oper „Dame Kobold“, jüngst erschienen beim Label Naxos, zu empfehlen.
Dr. Ingobert Waltenberger

