CD „DOUX RAMAGES“ – PAUL FIGUIER und PAUL-ANTOINE BENOS-DIJAN singen französische Airs de cour des 17. und 18. Jahrhunderts; lamusica

Wortklarheit und Virtuosität, seelische Noblesse und zaghaft angedeutete Affekte, Strenge und formkodifizierte Emotion, Expressivität, die nie die Grenzen von Eleganz und Raffinement überschreitet, die selbstbezogene Lust an verschnörkelt klangornamentierter Poesie, all das kennzeichnet die Airs de cour.
Ausgehend von den gesamtkunstwerklichen ballets de cour gedieh die Kunstform der Airs de Cour als Ausdruck von begleiteter Monodie à la francaise für Stimme und Laute. Thomas Leconte – Centre de musique baroque de Versailles – charakterisiert diese höfischen Gesänge als Kunststücke an Deklamation, die sich besonders durch eine intensive Prosodie und Textklarheit auszeichnen, und sich inhaltlich als galant, humanistisch gefärbt und allegorisch feierlich darstellen. Es handelt sich um Formen höchst artifiziell ausgeklügelter Konversation, die es so nur in Frankreich des Grand Siècle gab.
Das Programm, das der französische Countertenor Paul Figuier, unterstützt vom Instrumentalensemble Les Bacchantes unter Teilnahme des Counter-Kollegen Paul-Antoine Benos-Dijan (‚Nos esprits libres et contents‘ eines anonymen Tonsetzers und ‚Concert de différents oyseaux‘ von Étienne Moulinié) auf dem Album Doux Ramages vorstellt, reicht zeitlich von der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis weit hinein ins 18. Jahrhundert. Die Arien stammen von den Komponisten Étienne Moulinié, Antoine Boesset, Marc-Antoine Charpentier, Michel Lambert, Pierre Danican Philidor, Honoré d’Ambruis und Francesco Cavalli.
Von Marin Marais ist zudem die Prélude der Suite in g-Moll und von Charpentier sind zwei Sonatensätze á huit (Grave, Passacaille) zu hören.
Als Unterhaltung für die damaligen Eliten konzipiert, finden sich dennoch eine Vielzahl an „Gesichtern“ (Paul Figuier) in diesen Gesängen: Höfisch mediterran angehaucht, drehen sie sich um Melancholie, Verzweiflung und (gedämpfte) Leidenschaft, aber auch Humor und Spott finden sich darin – in Spurenelementen.
Obwohl sich die Ausführenden redlich bemühen, die streng historischen Korsetts zugunsten einer auch für das heutige Publikum verständlicheren und bewegenderen Interpretation aufzuweichen, bleibt der Eindruck einer gepflegten Einförmigkeit vorrangig. Zusätzlich zur puren klanglichen Schönheit und stilistischen Expertise der Solisten hätte dem löblichen, am Ende überwiegend akademischen Unterfangen ein kontrastreicheres, bisweilen kantigeres Musizieren und vor allem stimmlich deklamatorisch eine mutigere Aktion gutgetan.
Dr. Ingobert Waltenberger

