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CD-Doppelalbum „FORGOTTEN MELODIES“ – ALEXANDER MALOFEEV spielt Musik von Glinka, Medtner, Rachmaninov und Glazunov; Sony

04.03.2026 | cd

CD-Doppelalbum „FORGOTTEN MELODIES“ – ALEXANDER MALOFEEV spielt Musik von Glinka, Medtner, Rachmaninov und Glazunov; Sony

Brillant-poetisches Soloalbum Debüt: Meister des entmaterialisierten Klangs

malofee

Alexander Dmitrijevich Malofeev, seit seinem fünften Lebensjahr die Klaviertasten als seine innere Heimat erkundend, lebt in Berlin. Wie so viele andere scheint die deutsche Hauptstadt in der Vergangenheit wie heute kreative Menschen aller Art anzulocken, zumindest für eine kleine Zeit. Das galt auch für die auf dem Album verewigten russischen Komponisten Mikhail Glinka, Alexander Glasunow und Nikolai Medtner. Als vierten im Bunde der Sehnsuchtsorte und Traumwelten musikalisch auskundschaftenden Komponisten hat Malofeev Sergej Rachmaninov gewählt, der Malofeev nicht nur als Komponist, sondern auch als Pianist nahesteht.

25 Jahre ist er alt. Auf Tonbildträgern (DVD/Blu-ray) ist er bislang nur einmal mit dem Klavierkonzert Nr.1 von Sergej Rachmaninov als Konzertmitschnitt aus der Concert Hall des KKL-Luzern vom August 2024 mit dem Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly verewigt. Dass sich das rasch ändern wird, ist nicht schwer vorherzusagen.

Seine Studien absolvierte der klangsensitive Tastentiger und glasklar intonierende Anschlagsmagier Alexander Malofeev an der Gnessin-Spezialschule und dem Tchaikovsky-Konservatorium in Moskau.

Als des Albums Namensgeber fungiert der Zyklus „Vergessene Weisen“, op. 38 von Nikolai Medtner mit den acht programmatischen Titeln Sonata reminiscenza, Danza graziosa, Danza festiva, Canzona fluviala, Danza rustica, Canzona serenata, Danza silvestra und Alla reminiscenza. 

Genau diese Sammlung von stimmungsvariablen Klavierstücken in russisch-romantischer Tradition mit Inspirationsquellen aus der russischen Volksmusik, Kirchenmusik und der russischen Literatur ist es, die Malofeev als nichts anderes als einen reifen und individuell erkennbaren Spitzenpianisten ausweisen. Die Stücke als spätromantische Salonmusik abzutun, wäre ein Riesenfehler. Die universellen Gefühlswelten eines Tschaikovsky und Rachmaninov atmen auch Medtners op. 38. Malofeev schafft es auf märchenhafte Weise, die halsbrecherische Virtuosität der Musik ganz in den Dienst einer ausdrucksstarken musikalischen Erzählung zu stellen. 

Mal versonnen reflexiv, mal melancholisch nach innen gerichtet, mal temperamentvoll widerborstig, aber stets voller Passion und lyrischer Verzückung. Liebe, Vergänglichkeit, Freude, Rückbesinnung, die Bandbreite der Emotionen lässt dem Zuhörer einen immensen Spielraum für Fantastereien und imaginäre Weltenflucht. Nach diesem seelenstärkenden Ausflug ins weitgehend „Unbekannte“ bekommt man Lust, auch Medtners Zyklen op. 39 und op. 40 von Malofeev gespielt zu hören.

Jeglicher Erdenschwere erhoben zeigt Alexander Malofeev im „Elfenmärchen“, Nr. 2 aus Medtners „Zwei Märchen“ op. 48 ‚con moto flessibile‘ sein immenses Gespür für feinst gesponnene Phrasen und agogisch wendige Zauberkunststücke.

Diese Qualitäten des aus dem Nichts aufblühenden Tons in seliger Leichtigkeit kommen auch und besonders Glinkas frei fliegender „Lerche“ in b-Moll (die zehnte von zwölf Romanzen des Zyklus „Abschied von St. Petersburg“, ursprünglich für Stimme und Klavier) in der Transkription für Klavier solo von Mily Balakirev zugute. Der Text der zweiten Strophe der Romanze könnte als Programm des gesamten Albums gelten: „Der Wind trägt das Lied, zu wem, weiß er nicht. Die, der es gesungen wird, wird wissen, woher es kommt! Erklinge, mein Lied süßer Hoffnung. Jemand denkt an mich und seufzt heimlich.“

Sergej Rachmaninov: Den Beginn der berühmten Prélude in cis-Moll aus den fünf „Morceaux de fantaisie“ op. 3 nimmt Malofeev getragen, nur um in der Folge Tempo und dramatische Wucht ins Grenzgebiet des Möglichen zu manövrieren und das Stück sanft resigniert ausklingen zu lassen. Neben den „Fragments“, op. posth, „Lilacs“, op. 21/5 (vom Komponisten selbst für Klavier solo transkribiert), der „Élégie“ in es-Moll, Nr. 1 der fünfMorceaux de fantaisie“ op. 3 sowie Nr. 3 Grave, 7 Moderato und 8 Grave der „Études-Tableaux“ konzentriert sich das Interesse auf Rachmaninovs Klaviersonate Nr. 2 in der revidierten Schweizer Fassung aus dem Jahr 1931

Malofeev fühlt sich hier durch die Art und Weise, wie Rachmaninov das Material entwickelt und kleinteilig verarbeitet, an Medtner erinnert. Der junge Virtuose nimmt alle technisch akrobatischen Hürden des Werks mit einer fast schon unverschämten Souveränität. Er kann sich so ganz auf die aufbrausend ambivalente Grundstimmung konzentrieren, die im rasenden Sturm des Allegro molto im dritten Satz kulminiert. Pianistisch zwingender und expressiver ist dieses berserkerhafte Finale nicht vorstellbar.

In lyrisch ruhigere Fahrwasser geht es mit Alexander Glazunovs „La Nuit“, Nr. 3 aus den drei Études op. 31, dem „Lied er Wolgaschiffer“ in a-Moll, op. 97, der „Idylle“ in Fis-Dur und dem Walzer in D-Dur, Nr. 3 aus den „Drei Miniaturen“, op. 42. „In gewisser Weise war er der glücklichste der drei modernen Komponisten auf diesem Album. Anders als Rachmaninov, für den es kein Zurück gab, nachdem er Russland verlassen hatte, schlug Glazunov die Tür nie ganz hinter sich zu.“, weiß Malofeev Glazunov in der unendlichen Sehnsuchtsspannungsskala von Heimat und Fremde einzuordnen. Malofeev versteht es, diese Stücke abseits ihrer Bravour in einen diaphanen Schleier von Wehmut zu tauchen. 

Fazit: Vielleicht ist hinter all den Noten ein persönliches Bekenntnis des Künstlers zu erahnen. Kalt lassen wird dieses außergewöhnliche Album jedenfalls niemanden. Dringliche Empfehlung für alle Begeisterte sublimer Klavierkunst!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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