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CD: DONIZETTI L’ESULE DI ROMA OSSIA IL PROSCRITTO – Studioaufnahme mit Alaimo, Shagimuratova und Romanovsky; Opera Rara

06.03.2024 | cd

CD DONIZETTI L’ESULE DI ROMA OSSIA IL PROSCRITTO – Studioaufnahme mit Alaimo, Shagimuratova, und Romanovsky; Opera Rara

Wilder Löwe als erinnerungsfroher Lebensretter

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Kurios, kurios. Da hat Textbuchautor Domenico Gilardoni, Donizettis damaliger Lieblingsautor im Rückgriff auf Luigi Marchionnis Stück „Il proscritto romano“ (das wiederum auf die charmante französische Vorlage „Androklus und der Löwe“ zurückgeht) dem Komponisten eine originelle Geschichte vorgelegt. In „L’Esule di Roma“ wird der zum Tode im Circus maximus verurteilte Held alias von der Soprandiva geliebte Tenor, konkret der ehemalige, nun ins Exil verbannte und heimlich zurückgekommene Tribun Settimio, nicht von einem huldvollen Potentaten begnadigt.

Das glückliche Finale der Oper samt Jubelrondo des Soprans ist einem wilden Tier zu verdanken. Der überaus kluge wie ethisch auf der Höhe stehende, noch dazu für das grausame „Spiel“ ausgehungerte Löwe, der ihn eigentlich zu Tode beißen soll, erinnert sich bei einem tiefen Blick in die Augen des Mannes sofort daran, dass Settimio ihm einmal in der Wüste einen Stachel aus der Pfote gezogen hat. Das edle Tier verschont ihn daher als Dank für vergangene Wohltaten. Welch Edelmut der Raubbestie, wenn man bedenkt, dass etwa Tristan, von der schönen Isolde nach der giftig-tödlichen Verletzung durch das Schwert Morolds medizinisch erfolgreich versorgt, die Maid einfach für die (Zwangs)Hochzeit seines Chefs kapert. Ja, jede gute Tat rächt sich, lautet eine alte, nicht gerade selten zutreffende Weisheit.

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Androklus und der Löwe, 19. Jahrhundert – George Cruikshank (britischer Karikaturist und Illustrator 18./19. Jhdt.)

Zu dieser herzigen Löwen-Tenor-Rettungsromanze kommt, dass in „L’Esule di Roma“ nicht, wie aus Belcanto-Koloraturgründen üblich, der Sopran in den Wahnsinn abdriftet, sondern der Bariton. Der Senator Murena, ist hier einmal nicht der übliche unbeugsame Patriarch, sondern ein instabiler Charakter. Er hat nämlich intrigengewandt dazu beigetragen, dass der von seiner Tochter Argelia geliebte Settimio unschuldig in die Verbannung geschickt wird. Feiges Komplizen- bzw. Mitläufertum, um einem Schergen des Kaisers Tiberius einen politischen Gefallen zu tun, war der Grund für den Verrat. Jetzt plagen Murena heftigste Gewissensbisse, die sich zu wahnhaften Vorstellungen steigern. Besonders, als er erfährt, dass Settimius den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden soll. Ein weiteres Kuriosum des Plots ist, dass der in die Schlacht gegen Samartia geschickte General Publio, der Argelia heiraten will, großherzig auf seinen Plan verzichtet, als die Braut ihm gesteht, nur Settimius zu lieben. Ja, mehr noch, er verspricht Argila, dazu beitragen zu wollen, die Ehre des Verleumdeten wiederherzustellen.

Diese wundersam märchenhafte Handlung des Melodramma eroico in zwei Akten wusste Donizetti für Neapel in teils geschickt arrangierte bis großartig innovative Musik zu gießen. Am 1.1.1828 im Teatro San Carlo mit Erfolg uraufgeführt und daselbst bis in die 1840-er Jahre im Repertoire, bietet die Oper dankbare Rollen für Bariton, Koloratursopran und Tenor. Vor allem für die Rolle des Murena hat Donizetti ungemein differenzierte Gesangslinien ersonnen und das stete Unbehagen, die Wechselbäder der Befindlichkeit des Mannes mit entsprechenden instrumentalen Effekten unterlegt. Lautmalerisch expressiv begegnet uns Murenas große Szene mit Chor im zweiten Akt („Al mio delitto!“), die im Kern die Schuldausbrüche und Macbeths Delirium in Verdis Oper aus dem Jahr 1847 antizipieren.

Donizettis Melodramma prägen noch unverkennbar die verzierungslustigen Kompositionstechniken Rossinis. Die zukunftsweisenden Ensembles zwischen Murena, Settimio und Argelia können jedoch durchaus als Musterbeispiele einer aufkommenden Reifezeit des romantischen Belcantos gelten. Das fantastische, ungewöhnlicherweise den ersten Akt beschließende Terzett „Ognun rimane“ (einmal kein concertato finale) und das Duett von Vater und Tochter im zweiten Akt gehören zu den Höhepunkten der interessanten Partitur, die – wie so oft bei Donizetti – nur in den Chören sehr konventionell geblieben ist. Sehr erfreulich für Melomanen ist zudem, dass die für Mailand (Juli 1828) ergänzte Gefängnisszene von Settimio in der Aufnahme berücksichtigt worden ist.

Carlo Rizzi, künstlerischer Leiter von Opera Rara und Dirigent der Einspielung, vermag die Abfolge von Chören, Rezitativen, Arien und Ensembleszenen als geschlossene Geschichte inspiriert und ohne Leerlauf zu gestalten. Dabei stehen ihm mit der Britten Sinfonia und dem Opera Rara Chorus stilistisch erfahrene und aufeinander gut eingespielte Partner zur Seite.

Nicola Alaimo, in der Hauptrolle des Senators Murena gelingt mit seinem farbenprächtigen Bariton ein glaubhaftes Rollenporträt dieses Opportunisten mit Herz. Stimmlich begeistert er mich am meisten, wenn er mezza voce und piano singt, im Forte neigt er bisweilen zu gutturalen Tönen. Da er ein begnadeter vokaler Gestalter ist, schmälert das den positiven künstlerischen Gesamteindruck nicht. Albina Shagimuratova, russische Sopranistin, wirft für die Rolle der zwischen Vater- und romantischer Liebe hin und hergerissenen Argelia ihre herb-helles Timbre, eine tolle Höhe (mit kleinen Verengungen), eine hohe Agilität, Passion und ein schnelles Dauervibrato à la Deutekom in die Waagschale. Ihr Geliebter Settimio ist bei Sergey Romanovsky mit traumhaft samtig timbriertem Tenor voller Schmelz und romantischem Schmachten gut aufgehoben. Der katalanische Bariton Lluis Calvet i Pey, Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hannover, lässt als Publio mit charaktervollem Vortrag und virilem Wohllaut aufhorchen. In kleineren Rollen sind Kezia Bienek als Argelias Vertraute Leontina und André Henriques als Centurion Lucio und Decurion Fulvio zu hören.

 

Geht runter wie Öl! Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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