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CD: DOMENICO CIMAROSA: L’ITALIANA IN LONDRA – Intermezzo in musica, Weltersteinspielung; Naxos

18.03.2026 | cd

CD DOMENICO CIMAROSA: L’ITALIANA IN LONDRA – Intermezzo in musica, Weltersteinspielung; Naxos

Was für ein pointenreicher Opernspaß: Die Live-Aufnahme aus der Oper Frankfurt 2021 begeistert auf voller Linie!

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Italienerinnen schickte man im Universum der opera buffa offenbar gerne überall dorthin, wo ein stereotyper kultureller Kontrast humorige Situationen geradezu herausforderte. Alle Opernwelt kennt die 1813 in Venedig aus der Taufe gehobene „L‘Italiana in Algeri“ von Giacchino Rossini, wo die Gegenspieler Isabella, eine feurig widerspenstige Frau auf der Suche nach ihrem Geliebten Lindoro und der behäbige Patriarch Mustafà/Pappataci sich einen trickreichen Infight liefern. Am Ende bewegt die ‚anstrengende‘ Isabella den Machomann dazu, sich fortan nur noch seiner angetrauten Elvira widmen zu wollen.

In der 1778 im römischen Teatro Valle uraufgeführten „Italienerin in London“ Domenico Cimarosas auf ein gekonntes Libretto von Giuseppe Petrosellini (Hussain nennt es trefflich „anspruchsvoll, düster, dreckig und sehr witzig“) finden wir eine Konstellation, die entfernt an Rossinis „Il viaggio a Reims“ denken lässt. Dieses zweiteilige Intermezzo in Musica spielt sich natürlich nicht in Madama Corteses Badehotel „Zur goldenen Lilie“ in Plombières, sondern in der Londoner Pension der männlichen Reizen nicht abgeneigten Madama Brillante ab.

Da hält sich auch die schöne, aus begütertem italienischem Hause stammende Livia inkognito als ‚Mademoiselle Enrichetta aus Marseille‘ auf. In Liebesdingen völlig außer sich, weil sie ihr Geliebter Milord Arespingh angeblich vor zwei Jahren in Genua einfach sitzen lassen hat, ist sie seither auf der Suche nach ihm. Mann oder Frau wollen ja zuweilen genauer wissen, warum Amor mit dem hübschen Pfeil knapp daneben geschossen hat. Als der Adelsspross auftaucht, versucht er zu erklären, dass er von seinem Vater standesgemäß mit der englischen Lady Lindane verheiratet werden sollte und deshalb Hals über Kopf aufbrechen musste.

Als weitere Pensionsdauergäste gibt es noch den des Klimas, des Essens und der Preise wegen sich in den Süden zurücksehnenden Don Polidoro sowie den niederländischen Businessman Sumers. Dieses Quintett sorgt für allerlei Wirbel in der kleinen Pension, wobei auch ein angeblich magischer Heliotrop – ein dunkelgrün-rot-gesprenkelter Chalcedon – eine Rolle spielt. Dieser Stein soll unsichtbar machen können. Madama Brillante nutzt dieses Märchen, um den auf Mademoiselle Enrichetta versessenen Naseweis Don Polidoro an der langen Leine halten zu können. Freilich hat sie selbst ein sehnsüchtiges Auge auf den temperamentvollen Italiener geworfen.

Wie es damals Opernbrauch, erweisen sich die amourösen Magnetwirkungen stärker als Dünkel, Intrigen oder väterliche Autoritäten. Daher gibt es am Ende zwei englisch-italienisch Paare (Livia und Arespingh, Madama Brillante und Don Polidoro), die ihre Chancen auf privates Glück hoffentlich nicht allzu leichtfertig in den Wind blasen.

Der Mitschnitt aus der Frankfurter Oper unter der flott sehnigen musikalischen Leitung von Leo Hussain erfreut mit einem hochkarätig belkantesk auftrumpfenden sowie ausgesprochen spielfreudigen Ensemble. Die amerikanische Sopranistin Angela Vallone als zwischen Misstrauen, Wut und grande amore schwankende Livia und die von den Stimmfarben/Virtuosität an Gruberova erinnernde italienische lyrische Sopranistin Bianca Tognocchi als ausgebüchstes Luder Madama Brillante geben den Herren den Aktionsradius und die dramaturgische Schlagzahl vor.

Diese wiederum sind mit dem wohltimbrierten ukrainischen Kavaliersbariton Iurii Samoilov, der seiner Erscheinung wegen schon mal als singender Brad Pitt bezeichnet wurde (Milord Arespingh), dem viril süffigen Bassbariton des Kanadiers Gordon Bintner als Don Polidoro sowie dem wendig höhensicheren tenore die grazia Theo Lebow als Sumers stimmgenerös und umwerfend situationskomisch besetzt.

Der britische, besonders Mozart-affine Dirigent Leo Hussain kitzelt vom Fortepiano aus mit den vorzüglichen Kräften des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters aus der meisterlichen, acht Jahre vor „Le nozze di Figaro“ entstandenen Partitur allen romantisch verbrämten Witz und erotische Neckerei heraus. Er setzt mit Verve auf gut getimtes Tempo und rhythmische Akkuratesse. Dass es allen Beteiligten höllische Freude gemacht hat, ist diesem lohnenswerten Live-Mitschnitt allzeit anzuhören.

Domenico Cimarosa, der neapolitanischen Schule zuzurechnen, nimmt in seiner zu seiner Zeit überaus erfolgreichen – und ich würde ergänzen, zukunftsweisenden – „L’Italiana in Londra“ mit ihren eleganten Melodien und dem leichtfüßigen Komödienton mit kleinernsten Unterströmungen stellenweise Mozart und Rossini oder beide zusammen voraus.

Vor allem die musikalisch überschäumenden Finalszenen sind raffiniert gewebt und begeistern mit ihrem wundervoll überkandidelten Drive. Ich stimme mit Hussain überein, wenn er im Gespräch mit Mareike Wink konstatiert, dass „wir Cimarosa überall viermal pro Saison spielen würden, wenn es Mozart nicht gegeben hätte.“ Auf der anderen Seite ist Cimarosas Einfluss auf Mozart nicht zu überhören und schon deshalb jede Beschäftigung wert. Es lohnt idZ daran zu erinnern, dass dieser Cimarosa mit seinen 80 bis 90 Opern vor Gioachino Rossini einer der meistgespielten Opernkomponisten überhaupt war.

Offenbar legten sowohl Zarin Katharina II. in St. Petersburg als auch Kaiser Leopold II. in Wien gesteigerten Wert auf gute musikalische Komödienunterhaltung. Denn beide Höfe sicherten sich der Kreativität des Cimarosa, bevor der gute Mann 1793 wieder nach Neapel zurückkehrte. Es wird dem Maestro so wie seiner Opernfigur Don Polidoro ergangen sein, der in London die italienische Lebensart und Küche so sehr vermisste.

Fazit: Wer sich kurzweilige 150 Minuten lang vokal wie instrumental moussierend melomanischen Fünf-Hauben-Genüssen hingeben will, ist mit dieser Aufnahme bestens bedient.

Hinweis: Cimarosas „L’Italiana in Londra“ aus Frankfurt in der Regie von R.B. Schlather ist bereits seit 2024 als Film im Format Blu-ray, ebenfalls bei Naxos, erhältlich. Die hier vorgestellte reine Audio-Version ist im März 2026 erschienen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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