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CD DOMENICO CIMAROSA „IL MATRIMONIO SEGRETO“ – Live Mitschnitt von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2016; cpo

16.05.2021 | cd

CD DOMENICO CIMAROSA „IL MATRIMONIO SEGRETO“ – Live Mitschnitt von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2016; cpo

 

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Domenico Cimarosas melodramma giocoso, Kaiser Leopold II. gewidmete „Die heimliche Ehe“ ist eine flotte musikalische Komödie in zwei Akten. Die Legende will wissen, dass nach einer Aufführung der musikhistorisch zwischen dem jungen Mozart und Rossini angesiedelten Oper diese in den Privatgemächern des Kaisers wiederholt werden musste, so begeistert soll der Monarch von der Wirkung des buffonesken Verwirrspiels gewesen sein. 

 

Der Librettist Giovanni Bertati hat sich inhaltlich auf die britische Komödie „The Clandestine Marriage“ gestützt, die wiederum von William Hogarths gesellschaftskritischem Bilderzyklus „Mariage à la Mode“ inspiriert war. 

 

Zum 40. Jubiläum der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik hat Dirigent Alessandro de Marchi „Il Matrimonio Segreto“ erstmals auf Originalinstrumenten und in voller Länge herausgebracht. Eine gute Entscheidung des Labels cpo, den technisch herausragenden Mitschnitt auf Tonträger zu veröffentlichen, steht es doch um die Diskographie dieser Oper ganz und gar nicht zum Besten. 

 

Bisher gab es auf Platten neben dem historischen Mitschnitt vom 30. Juli 1950 aus Florenz mit Sesto Bruscantini, Ornella Rovero, Giulietta Simionato, Alda Noni, Antonio Cassinelli, Cesare Valletti, dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino unter der musikalischen Leitung von Manno Wolf-Ferrari nur eine einzige, gekürzte Studioeinspielung von Daniel Barenboim aus Mitte der 70-er Jahre für die Deutsche Grammophon. Das längst vergriffene Album mit dem English Chamber Orchestra kann zwar auf eine auf dem Papier nach exzellente Besetzung verweisen (u.a. Arleen Auger, Julia Varady und Julia Hamari), leidet aber unter der hölzernen, allzu kantigen Interpretation von Dietrich Fischer-Dieskau in der Rolle des Kaufmanns Geronimo als auch dem wenig animierten Dirigat von Barenboim. Der Vollständigkeit halber sind unter den verfügbaren Konserven noch zwei Filmdokumente der Oper zu erwähnen: Eine DVD aus der Opera Royal de Wallonie Orchestra unter Giovanni Antonini (2008) sowie ein wenig idiomatischer Mitschnitt in deutscher Sprache aus der Deutschen Oper Berlin aus dem Jahr 1968 unter Lorin Maazel.

 

Domenico Cimarosas 1792 in Wien uraufgeführte Oper „Il Matrimonio Segreto“ schlägt sich in der Aufführungsgeschichte in Bezug auf ihre musikalischen Qualitäten unter Wert. Auch diese Missrelation zurechtzurücken, taugt Allesandro De Marchis mustergültige Interpretation auf nahezu ideale Weise. 

 

Die Komödie spielt mit den Standesunterschieden zwischen Bürgern und Adeligen, sozialen Aufstiegsgelüsten sowie der Schwerhörigkeit unseres reichen Helden Geronimo, will jedoch nichts mit aufgeklärter Kritik an Herrschern von Gottesgnaden (wie in Mozarts „Le Nozze di  Figaro“) zu tun haben, sondern funktioniert auf absolut kindertaugliche, jedoch nichts weniger witzige Art und Weise. Geronimo (Donato Di Stefano) will einen adeligen Schwiegersohn. Daher haben seine Tochter Carolina (Giulia Semenzato) und ihr geliebter Paolino, von Berufs und Standes wegen „nur“ Sekretär des Grafen (Jésus Álvarez als einziger Tenor der Oper in einer Nebenrolle), heimlich geheiratet. Um den Zorn des Schwiegerpapas zu dämpfen und den Frieden zu wahren, versucht Paolino, den Grafen Robinson (Renato Girolamo) von den Vorzügen von Carolinas älterer Schwester Elisetta (Klara Ek) zu überzeugen. Die doofe und eitle Elisetta verlangt nach dem schriftlichen Antrag des Grafen von der Schwester subalterne Unterwürfigkeit. Ha, die kriegt sie natürlich nicht. Noch dazu hat die ebenfalls reiche Tante und Witwe Fidalma (Loriana Costellano) ein Auge auf den knackigen Paolino geworfen. Um das Intrigenfass bis auf den letzten Tropfen zu füllen, verliebt sich der Graf bei seiner Vorstellung im Haus des Geronimo in die Falsche, weil schon vergebene Carolina. Also soll es zum Brauttausch kommen. Dass das so am Ende nicht stattfindet, und am Ende alle einander großmütig verzeihen und die vertrackten Knoten sich lösen, dafür ist Cimarosa eines der spritzigsten Finali der Geschichte der komischen Oper eingefallen. Wie wir das vom „Figaro“ her kennen, spielt dabei auch eine verschlossene Zimmertür eine Rolle, aus der schuldbewusst Carolina und Paolina auftauchen. Klar ist es der großherzige Graf, der zur Milde rät und in den sauren Apfel einer Ehe mit einer ungeliebten Frau beißt. Fidalma sieht ein, dass sie nun keine Chance mehr beim hübschen Paolino hat. Lieto fine.

 

Die Aufführung wird von einer in den Rezitativen wunderbar humorvollen, bis ins kleinste Detail ausgefeilten Gestaltung und messerscharfen Diktion, in den Arien und zahlreichen Ensembles von der unbändigen Sanges- und Spiellust aller Beteiligten getragen. Welch großartige Besetzung wie aus einem Guss. Allesandro De Marchi dirigiert mit Verve und sprühender Energie, er bringt den ironisch gebrochenen  Witz der Partitur gekonnt zur Geltung bringen. Trotzdem müssen einige Schärfen der Streicher in der Academia Montis Regalis angemerkert werden, was dem insgesamt guten Gesamteindruck jedoch kaum Abbruch leistet.

 

Und so erweist sich mit diesem Album samt gut bebildertem und fachkundig gestaltetem Booklet Allesandro De Marchis Einordnung von „Il Matrimonio Segreto“ als durchaus schlüssig: Die Tradition der Oper buffa, deren Ursprünge in die Commedia dell’arte zurückreichen, erlebt mit diesem Werk einen Höhepunkt voller unwiderstehlicher Späße, auf der Bühne und in der Musik. 

 

Alle, die Mozart oder Rossini lieben, werden mit diesen CDs ihre pure Freude haben. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

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