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CD: DMYTRO CHONI „HEARTLANDS“ mit Werken von Robert Schumann, Johannes Brahms und Mykola Lysenko; naïve records

08.06.2026 | cd

CD DMYTRO CHONI „HEARTLANDS“ mit Werken von Robert Schumann, Johannes Brahms und Mykola Lysenko; naïve records

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Romantische Ekstasen, folkloristischer Schwung und elegisches Innehalten

Während der ebenso begabte und junge Alexander Malofeev mit fein ziselierten Tönen und feenhaft schlankem Spiel Furore macht, ist der in der Ukraine geborene, in Wien lebende Dmytro Choni ein höchst leidenschaftlicher, ja das romantische Sehnsuchtsstreben auf die Spitze treibender Tastenpoet.

Hören Sie sich etwa den ersten Satz der Klaviersonate Nr. 2 in g-Moll, op. 22 von Robert Schumann an, mit dem das Album startet. Er befolgt nicht nur die Tempoangabe „so rasch wie möglich“ sportlich intensiv, sondern scheint mit seinem Spiel eine Membran zu durchbohren, die das Jetzt von der Vergangenheit trennt, die Mythisches und Verborgenes widerspiegelnd offenbart.

Sein drittes Soloalbum mit dem sprechenden Titel „Heartlands“ will sich einen Weg durch die expressiven Universen der Romantik bahnen und diese mit den Traditionen der jeweiligen Tonsetzer, das heißt deutsch erweitert um ukrainisch, in Einklang bringen.

So stehen auf dem Album die glühenden Emanationen der zweiten Sonate von Robert Schumann und seiner Novellette op. 21 in fis-Moll den kontemplativeren Rhapsodien Nr. 1 und 2 op. 79 sowie den vier Klavierstücken op. 119 von Johannes Brahms gegenüber. Sie bilden den Rahmen für zwei Kompositionen des ukrainischen Musikers Mykola Lysenko. Dieser 1842 geborene Begründer und Vertreter der ukrainischen Nationalschule, Sammler und Herausgeber von Volksmusik und herausragende Pädagoge ist mit einer Rhapsody auf ukrainische Themen Nr. 2, op. 18, „Dumka Schumka“ und dem von der Volksmusik ukrainischer Wandermusikanten inspirierten Stück „Rêverie“, Visionen der Vergangenheit, op. 13 vertreten.

Dmytro Choni, mein favorisierter Pianist der jüngsten Generation, zeigt exemplarisch in der Novellette op. 21 von Robert Schumann, was er kann und wie er sich vor anderen auszeichnet. Diese in ihrer Form freien Novelletten verbinden teils außermusikalische literarische Gleichnisse mit biografischem Erleben (Schumann hatte es nicht leicht mit seinem zukünftigen Schwiegervater Wieck…).

Die acht im Sommer 1839 gedruckten Werke op. 21 sind eng von der Trias Bewunderung für die englische Sopranistin Clara Novello sowie Schumanns Verbundenheit mit Chopin und Liszt charakterisiert. Ihr sängerischer Duktus, die draufgängerische Virtuosität und das immer wieder sich flüchtig dreinmischende Atemholen ergeben eine gar reizvolle Melange.

Choni betont das Abenteuerliche, den waghalsigen erzählerischen Faden (jeder möge sich dabei denken, was er will) sowie in den vehementen Kontrasten das Überschäumende, das Hochfliegende der achten, letzten Novellette der Sammlung op. 21. Der Hörer meint, dem Herzschlag eines verwegenen Freikletterers zu lauschen, der jeden Schritt präzise und (an)mutig zugleich setzt. Choni, stets mit klarem Anschlag und äußerst sparsamen Einsatz des Pedals unterwegs, bettet Lyrisches in emotionale Wallung, lässt die Musik sieden im Sonnenschein jugendlichen Überschwangs. Choni hat das gewisse Etwas an Drängen und Wagen, das sofort fesselt und einen nicht mehr loslässt.

Wie gut gewählt ist doch die passionierte Rhapsodie „Dumka Schumka“ von Lysenko nach Schumanns Novellette und vor den formal so ähnlichen wie maßstabsetzenden Rhapsodien von Brahms

Eine interessante und faszinierende Persönlichkeit war dieser Mykola Lysenko. Obwohl einer aristokratischen Familie entstammend, unterstützte er die russische Revolution 1905. Seine musikalische Ausbildung erhielt er zuerst privat. Da lag das Hauptaugenmerk noch auf einem Biologiestudium in Charkiw. Von 1867 bis 69 studierte Lysenko am Konservatorium in Leipzig und kam so mit der deutschen romantischen Schule in enge Berührung. Nikolai Rimski-Korsakov brachte ihm einige Jahre später in St. Petersburg das fehlende Rüstzeug als Pianist und Komponist bei. Lysenko war ein ukrainischer Kulturaktivist, was ihm politische Schwierigkeiten bescherte und einen Gefängnisaufenthalt 1907 nach sich zog.

Neben neun Opern und drei Kinderopern schrieb Lysenko vor allem Lieder und Romanzen. Aus seinen Schöpfungen für Klavier solo hat Dmytro Choni zwei von Temperament und Anlage her kontrastierende Stücke gewählt, die eindrücklich nahelegen, wie sehr doch Wissen um große Musikströmungen und deren Vertreter interkulturell wirkte und allseits Befruchtendes hervorbrachte.

Choni zeigt nicht zuletzt bei Brahms, wie sehr die totale Hingabe des Interpreten das besondere Mehr schafft, das existenziell Not-Wendiges von bloß technisch Hervorragendem trennt.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf Chonis erstes Album bei naïve records mit dem Titel „Pilgrimage“ verweisen, das die Hörerschaft mit einem programmatisch klugen und aufschlussreichen Hin und Her zwischen Paradies und Hölle in Bann hält – bei Kostproben aus dem Schaffen von Valentin Silvestrovs, Franz Liszts, Claude Debussys und Lowell Liebermanns.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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