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CD: Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1 a-moll Op. 77 Paul Hindemith : Violinkonzert. Alexandra Tirsu, Violine Royal Philharmonic Orchestra Vasily Petrenko, musikalische Leitung Fuga Libera, FUG859

25.11.2025 | cd

Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1 a-moll Op. 77, Paul Hindemith : Violinkonzert, Alexandra Tirsu, Violine. Royal Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko, musikalische Leitung. Fuga Libera, FUG859

Feuer, Schatten und Klarheit

viol

Manchmal reicht ein einziger Bogenstrich, um zu spüren, dass eine Künstlerin etwas mitteilen will, das über Virtuosität hinausgeht. Bei Alexandra Tirsus Debütalbum ist genau das der Fall. Sie wählt zwei Violinkonzerte, die keine einfache Visitenkarte sind, sondern seelische Landschaften. Dmitri Schostakowitschs erstes Violinkonzert und Paul Hindemiths selten gespieltes Konzert könnten unterschiedlicher kaum sein. Doch in dieser Kopplung entsteht eine Linie, die von Identität, Erinnerung und klarem Ausdruck erzählt. Dass Tirsu mit diesen Werken eine persönliche Geschichte verbindet, spürt man von Beginn an. Schostakowitsch begleitet sie seit der Kindheit, in jener Atmosphäre von Kriegsberichten und Erzählungen, die sich unweigerlich in den Blick eines Menschen einschreiben.

Unterstützt vom Royal Philharmonic Orchestra und Vasily Petrenko setzt sie diese Verbindung in Klang um. Es ist keine schwere Deutung und kein historisierender Blick. Vielmehr eine Haltung, die die emotionale Dimension der Stücke annimmt, ohne sie zu überfrachten. Petrenko formt einen orchestralen Boden, der tragfähig und durchsichtig bleibt. Das Orchester spielt mit Präzision und Wärme, für die es bekannt ist. Und Tirsu nutzt diese Basis, um ihren Ton frei zu entfalten. Er ist klar, dynamisch, wandelbar, mit viel Gestaltungsfreude. Man hört eine Künstlerin, die weiß, wo sie hin will.

Das Nocturne des Schostakowitsch-Konzerts setzt sofort die Grundspannung. Grummelnde Bässe öffnen einen Raum, der dunkel, aber nicht bedrückend wirkt. Die Geige legt sich wie ein Schleier darüber, mit zarter Klangfarbe und leiser Beharrlichkeit. Tirsu zwingt nichts. Sie deutet an, führt, zieht sich zurück, tritt wieder hervor. Das Orchester bleibt stets Partner und nicht Kulisse. Petrenko legt die Schichten so frei, dass die innere Architektur des Satzes hörbar wird, ohne dass die Düsternis an Wirkung verliert.

Das Scherzo bricht diesen Zustand abrupt auf. Düstere Holzbläser, ein tänzelnder Impuls, und darüber die Geige, die mit scharfer Kontur und spielerischem Biss voranstürmt. Das ist Schostakowitsch in klarer Handschrift. Sarkasmus, Tempo, Energie. Tirsu trifft diesen Ton sicher, ohne zu überdrehen. Ihre Virtuosität zeigt sich nicht in Geschwindigkeit, sondern in der Klarheit jeder Geste. Das Orchester kontert wach und präzise. Die Spannung bleibt hoch, bis der Satz ins Offene entweicht.

Die Passacaglia wird zum Zentrum des Konzerts. Ein Thema von schwerem Gewicht, immer wieder neu aufgebaut, dabei doch weit aufgespannt. Tirsu spielt mit eindringlicher Ruhe. Jede Phrase sitzt, jede Steigerung wirkt zwingend. Das Pathos ist da, aber nicht platt. Es entsteht aus dem Fluss. Die große Kadenz wächst organisch hinaus, ein Monolog, der nach innen zieht und dennoch nach außen strahlt. Petrenko und das Orchester halten den Boden fest, ohne die Solistin einzusperren.

Das Finale, die Burleske, reißt alles wieder auf. Wild losstürmend, mit knalligen Pauken und einem unüberhörbaren Xylophon. Ein Orchesterfest. Tirsu bleibt selbst in diesem turbulenten Umfeld präzise und leichtfüßig. Sie tanzt durch die Abschnitte, während das Orchester rhythmische Schärfe und einen kraftvollen Impuls liefert. Das Ergebnis ist herrlich ungebremst, aber nie chaotisch. Man hört ein Ensemble, das sich gegenseitig antreibt und zugleich aufmerksam bleibt.

Hindemith im Anschluss zu programmieren, ist ein mutiger Schritt. Sein Violinkonzert spricht eine andere Sprache. Klarer, strenger, weniger bildhaft. Doch gerade in dieser Nüchternheit kann große Spannung entstehen. Der erste Satz beginnt mit einer starken Geste der Solo-Violine. Tirsu setzt den Ton mit spürbarer Entschlossenheit. Das Orchester mahnt, trägt, antwortet. Die Struktur bleibt durchsichtig, die Linienführung folgt einer inneren Logik, die Hindemiths Musik so besonders macht.

Der langsame Satz öffnet einen Raum der Ruhe. Intensiv gesetzte Bläserakkorde führen hinein. Tirsu nimmt sich Zeit, formt die Phrasen weich, aber nicht sentimental. Petrenko schafft dafür einen Klangraum, der weit wirkt, ohne leer zu sein. Man hört die Qualität des Orchesters, das sich hier als farbenreich und diszipliniert zeigt.

Der dritte Satz bringt Bewegung und einen frechen Ton. Ein lebhafter Tanz, bei dem Hindemith seinen trockenen Humor zeigt. Tirsu spielt das mit klarem Rhythmusgefühl und geschmeidiger Technik. Das Royal Philharmonic Orchestra antwortet elastisch und wach. Der Satz wirkt leicht und zupackend zugleich und schließt das Werk mit einem Augenzwinkern ab.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Debütalbums, das nicht auf reine Schau setzt. Alexandra Tirsu präsentiert sich nicht als Virtuosin, die glänzen will, sondern als Künstlerin, die etwas zu sagen hat. Gepaart mit einem Orchester in Hochform und einem Dirigenten, der beide Werke differenziert und auf Augenhöhe gestaltet, entsteht ein musikalisches Profil von bemerkenswerter Reife.

Die Klangqualität der Aufnahme ist vorbildlich. Räumlich, wuchtig, transparent. Jedes Detail ist klar, ohne dass die Gesamtwirkung auseinanderfällt. Man hört Energie, Weite und eine Balance, die die Solistin trägt, ohne sie zu überstrahlen.

So zeigt dieses Album, wie unterschiedlich Ausdruck sein kann, wenn man ihn ernst nimmt. Zwei Violinkonzerte, zwei Welten, eine Künstlerin, die beide glaubwürdig verbindet.

Dirk Schauß, im November 2025

 

Dmitri Schostakowitsch: Violinkonzert Nr. 1 a-moll Op. 77
Paul Hindemith : Violinkonzert
Alexandra Tirsu, Violine
Royal Philharmonic Orchestra
Vasily Petrenko, musikalische Leitung
Fuga Libera, FUG859

 

 

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