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CD: Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 8 c-moll, op. 65 hr-Sinfonieorchester (Frankfurt Radio Symphony) Alain Altinoglu, musikalische Leitung Alpha Classics, Alpha1287

15.10.2026 | cd

Alain Altinoglu dirigiert Schostakowitschs achte Sinfonie als Theater des Schreckens

dvj

Eine Sinfonie wie ein Mahnmal, geformt aus Zement, Eis und verzweifeltem Schweigen: Dmitri Schostakowitschs achte Sinfonie in c-Moll ist kein Werk für beschwingte Sonntagnachmittage. Wer dieses siebzigminütige Monument der Befremdung ins Programm nimmt, plant keine Gefälligkeiten, sondern den Frontalangriff auf die Gemütlichkeit des Hörers. Mit der nun bei Alpha Classics erschienenen Einspielung legt das hr-Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Alain Altinoglu die zweite Folge seines Schostakowitsch-Zyklus vor – und demonstriert nachdrücklich, wie man ein scheinbar totanalysiertes Werk der Kriegsliteratur vollkommen frei von historisierendem Kitsch über die Ziellinie steuert.

Wer in dieser im Mai 2025 in der Frankfurter Alten Oper entstandenen Aufnahme nach militärischem Donner oder platten Heldengebärden sucht, wird herb enttäuscht. Das ist die große Stärke dieser Einspielung. Altinoglu begegnet dem verankerten Schrecken der stalinistischen Ära – und dem zeitlosen Grauen kollektiver Entmenschlichung – nicht mit fahrigem Pathos, sondern mit Präzision. Schon der gigantische Kopfsatz, dieses Adagio-Monstrum von gut sechsundzwanzig Minuten Dauer, entfaltet unter seinen Händen eine schaurige Mechanik. Es herrscht eine merkwürdig ausgedörrte Ruhe im Raum, in der die Streicher des Frankfurter Klangkörpers keineswegs wohlig schmachten, sondern fahle, silbrige Phrasen weben. Wenn der Satz schließlich in jene eruptive Hölle übergeht, die Mrawinski einst als Zone des großen Schreckens notierte, inszeniert Altinoglu keine martialische Lautstärke um ihrer selbst willen. Das Orchester bläst sich nicht auf, es kollabiert nach innen. Die Schläge des Schlagwerks treffen mit der Genauigkeit eines Fallbeils, während das Blech schneidend glänzt, ohne je im ungestalteten Lärm zu versinken. Ausgezeichnet gelingt das anschließende Solo des Englischhorns: Kein romantisches Klagen im Unterholz, sondern der nüchterne Bericht eines Überlebenden auf den Trümmern einer kollabierten Zivilisation.

Überhaupt entlarvt diese Einspielung das Orchester als durchtrainierten Apparat für klangliche Schärfegrade. In den beiden folgenden Allegro-Sätzen verweigert der französische Dirigent jeglichen virtuosen Selbstzweck. Das Allegretto verwandelt sich unter seiner Ägide in eine fratzenhafte, groteske Parade, in der die Holzbläser mit trockenem, beinahe garstigem Ton wie mechanische Marionetten durcheinander krähen. Die darauffolgende Toccata gerät zu einer bitteren Studie über den Verlust des Individuums. Das Hämmern der Streicher läuft ab wie das Förderband einer gigantischen Vernichtungsmaschine, unerbittlich, unbeeindruckt von menschlicher Not. Dazwischen schneidet das Xylophon mit einer Trockenheit in die Gehörgänge, die manch einem Audiophilen den Schweiß auf die Stirn treiben dürfte. Die Trompete bläst im Mittelteil eine Parkmusik, die so dreist und zynisch im Raum steht, dass es eine reine Freude ist. Hier wird nicht musiziert, hier wird mit scharfer Klinge skizziert.

Das Zentrum der symphonischen Landschaft bildet das Largo, jene berühmte Passacaglia, die nach dem vorherigen Toben wie ein Kraterfeld nach der Detonation wirkt. Die satten, tiefen Streicher des hr-Sinfonieorchesters tragen das düstere Bass-Thema wie eine schwere Last vor sich her. Altinoglu besitzt hier das enorme Stehvermögen, das Tempo nicht zu forcieren. Er wagt das Wichtigste, was man dieser Musik antun kann: Er lässt die Stille zu. Zwischen den variierten Stimmen entstehen bedrohliche Zwischenräume, der Klang wird stellenweise so dünn wie Pergamentpapier. Dass der Hörer hier nicht die Geduld verliert, liegt an der phänomenalen Balance der Aufnahmetechnik, die selbst das leise Hauchen der Piccoloflöte gestochen scharf im Raum fixiert. Man hört das Holz, man hört die Atemluft, man riecht beinahe den Staub der Partitur.

Wenn der Finalsatz schließlich anhebt, verzichtet die Interpretation auf jeden tröstlichen Scheingewinn. Schostakowitschs vorgebliches C-Dur-Glück schimmert zwar stellenweise auf, wirkt unter Altinoglus Stabführung jedoch so brüchig, dass man ihm keine zwei Takte lang über den Weg traut. Es ist das Spiel mit einer Scheinidylle, ein Vorbeimarsch von Themen, die kurz aufflackern, nur um sogleich im Fugenwerk verhöhnt oder zerrieben zu werden. Das Finale mündet nicht in einen triumphalen Beckenschlag, sondern löst sich schlichtweg auf. Die Musik verflüchtigt sich in einem zarten, fast ätherischen Verlöschen. Wenn der letzte Pizzicato-Ton im Raum verhallt, bleibt kein erlösendes Seufzen zurück, sondern jener eigentümliche Zustand gedanklicher Schockstarre, den nur wirklich herausragende Interpretationen dieser Sinfonie zu erzeugen vermögen.

Das hr-Sinfonieorchester agiert auf Spitzenniveau – diszipliniert im Tutti, farbenreich und mutig in den unzähligen Soli. Die Tontechnik von Alpha Classics fängt das Geschehen mit erstaunlicher Dynamik und Tiefenschärfe ein, ohne ins Künstliche abzugleiten. Wer eine Weichzeichnung des Schostakowitsch-Bildes sucht, sollte um diese CD einen Bogen machen. Für Liebhaber kompromissloser, dramaturgisch durchdachter und klanglich rasierklingenscharfer Sinfonik ist diese Neuerscheinung hingegen schlichtweg ein Fest.

Dirk Schauß, im Oktober 2026

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 8 c-moll, op. 65

hr-Sinfonieorchester (Frankfurt Radio Symphony)

Alain Altinoglu, musikalische Leitung

Alpha Classics, Alpha1287

 

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