CD: Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 „Leningrader“ San Diego Symphony Orchestra Rafael Payare, musikalische Leitung Delos, DE3634
San Diego feiert Saal und Sinfonie mit überraschender Mäßigung

Das Jacobs Music Center erstrahlt in neuem Glanz, das San Diego Symphony Orchestra hat sich unter Rafael Payare eine beträchtliche Präzision erarbeitet, und Delos nutzt die Gunst der Stunde für den Auftakt einer neuen Partnerschaft. Auf dem Programm steht Dmitri Schostakowitschs Siebte Sinfonie in C-Dur, die berühmte „Leningrader“. Ein Werk, das wie kaum ein zweites unter dem Gewicht seiner eigenen Entstehungsgeschichte ächzt. Entstanden im Angesicht der deutschen Belagerung, ist dieses siebzigminütige Monument eine Mischung aus plakativer, erschütternder Trauer und beinahe unerträglicher Repetition. Wer sich diesem Brocken nähert, muss sich entscheiden: Setzt man auf die totale, ohrenbetäubende Überwältigung – oder versucht man, der Partitur mit analytischer Schärfe und klanglicher Ziseleur zu begegnen?
Rafael Payare entscheidet sich auf diesem neuen Tonträger für den zweiten Weg. Das Ergebnis fasziniert in seinen Details, lässt den Hörer am Ende jedoch merkwürdig unberührt zurück.
Schon die ersten Takte des monumentalen Kopfsatzes machen deutlich, wohin die Reise geht. Payare meidet die große Pose. Wo andere Dirigenten das einleitende Thema wie ein monolithisches Denkmal in den Raum meißeln, wählt der venezolanische Pultstar einen überraschend breiten, eher edlen Tonfall. Das klingt kultiviert, durchdacht und durchsichtig. Der renovierte Saal und die neue Aufnahmetechnik liefern ein plastisches Klangbild. Das Flötensolo vor dem Einsetzen der berüchtigten Invasions-Episode schwebt mit einer bittersüßen Leichtigkeit durch den Raum. Doch dann kommt die Trommel. Jenes kleine, banale Marschmotiv, das sich über zwölf Variationen hinweg zu einem mechanischen Monster auswachsen muss. Hier offenbart sich die Crux dieser Einspielung. Die Regie des Tonmeisters rückt die ersten Variationen extrem nah an das Ohr des Hörers. Man hört das Holz der Schlegel auf dem Fell, das leise Rascheln der Saiten. Das ist intim – und verfehlt die dramaturgische Wirkung. Die heranrollende Maschinerie des Schreckens soll aus der Ferne drohen und nicht bereits im heimischen Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen. Wenn das Orchester schließlich das volle Tutti erreicht, wirkt die Dynamiksteigerung eher wie der beherzte Dreh an einem Lautstärkeregler als wie eine organisch gewachsene, bedrohliche Eruption. Den orchestralen Höhepunkten fehlt schlicht die rohe, unbarmherzige Wucht. Es kracht zwar ordentlich, aber der Schlag trifft nicht ins Kontor.
Interessanterweise entwickeln die beiden Binnensätze unter Payares Händen ein ganz eigenes, unerwartetes Leben. Das Moderato gerät zu einer Studie in subtiler Farbgebung. Die Wiederaufnahme des Hauptthemas besitzt Schönheit. Hier beweisen die Musiker aus San Diego, dass sie durchaus in der oberen Liga der amerikanischen Klangkörper mitspielen. Auch das Adagio erfährt eine Pflege der Zwischentöne, die man dieser oft als langatmig verschrienen Musik kaum zugetraut hätte. Die tiefen Streicher stimmen ihren Choral mit Würde an. Payare hält die Zügel straff, meidet jedes billige Rubato und verwehrt seinen Solisten das Bad im kollektiven Schmerz. Das hat Disziplin, das hat Haltung. Aber man darf sich fragen: Ist diese Disziplin der Musik angemessen? Darf man Schostakowitsch so glattbügeln? Kann man das Leiden einer belagerten Stadt abbilden, wenn man primär darauf bedacht ist, keinen unschönen Ton zu produzieren?
Das Finale bringt die Ästhetik dieser Aufnahme auf den Punkt. Payare wählt ein zunächst moderates Tempo. Das Orchester folgt ihm mit Leichtigkeit, die Bläser glänzen, und das dichte Geflecht der Stimmen bleibt bis in die Seitensätze hinein vollkommen transparent. Das macht beim ersten Hören durchaus Vergnügen. Doch je näher der Satz seinem eigentlichen Ziel kommt, desto mehr verflüchtigt sich der dramatische Gehalt. Der lange Weg zum ersehnten C-Dur gerät zu einem unvermittelt recht zügigen Marsch. Und wenn die Musik ganz am Ende in das finale, hier völlig deplatzierte Accelerando einbiegt, passiert das Unglück: Der angestrebte Triumph wirkt nicht erlöst, sondern schlicht banalisiert. Ausgerechnet in den letzten Takten verlässt die Aufnahme die eigene Konsequenz. Das Schlagwerk, das hier das Fundament für die finale Apotheose gießen müsste, bleibt im Klangbild erstaunlich blass. Die Pauken klingen matt, dumpf und im Anschlag merkwürdig unentschlossen. Der große Befreiungsschlag verpufft im akustischen Parkett des neuen Saals – als ginge es plötzlich nur noch ums Ankommen.
So hinterlässt diese „Leningrader“ einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite steht ein Orchester in in guter Verfassung, das die akustischen Vorzüge seiner erneuerten Heimstätte mit Präzision ausspielt. Auf der anderen Seite steht eine Interpretation, die dem Grauen der Geschichte mit einer seltsam geglätteten Eleganz begegnet. Payare liefert eine schlanke, disziplinierte und in ihren leisen Momenten empfindsame Darbietung. Das ist schöner Schostakowitsch, edel poliert. Doch die Abgründe, die Verzweiflung und die Hässlichkeit, die in dieser Partitur eingebrannt sind, bleiben weitgehend ausgespart.
Wer eine Darbietung der schmerzlichen Schönheit sucht, wird hier fündig. Wer das eigentliche Drama sucht, dem bleiben die meisterlichen Darbietungen von Bernstein und vor allem Svetlanov. Payare liefert einen schönen Schostakowitsch, den man sich auch ohne die Geschichte vorstellen kann.
Dirk Schauß, im September 2026
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 60 „Leningrader“
San Diego Symphony Orchestra
Rafael Payare, musikalische Leitung
Delos, DE3634

