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CD DIETRICH FISCHER-DIESKAU „FRÜHE AUFNAHMEN, EINE ANTHOLOGY“; Profil/Hänssler

30.10.2021 | cd

CD DIETRICH FISCHER-DIESKAU „FRÜHE AUFNAHMEN, EINE ANTHOLOGY“; Profil/Hänssler

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Auf sieben CDs wird auf dieser Box ein Querschnitt von „frühen“ Aufnahmen (die Zeitspanne 1948-1969 reicht wohl bis weit in die Mitte der Karriere des Sängers) des wohl vielseitigsten und repertoiremäßig neugierigsten deutschen Baritons des 20. Jahrhunderts geboten. Lied, Oper, geistliche Musik und Konzert sind die vier Kategorien, die überwiegend mit Raritäten, vereinzelt sogar CD-Premieren aufwarten. Fischer-Dieskau, Barde mit Luxustimbre, vielseitiger Künstler (Sänger, Schriftsteller, Maler), Intellektueller, Pädagoge, Tonträgerweltmeister, war ein ungemein musikalischer Mensch mit einem wohl gigantischen Lerntempo, der vom Barock bis zu atonal-zeitgenössischen Kompositionen alles konnte. Nichts war diesem Grenzgänger zu schwer, keine Tessitura zu hoch, kein noch so enzyklopädisches Projekt zu kräftezehrend oder zu aufwändig.

Der Verdienst der interessanten Box liegt wohl darin, den 23-jährigen bis Mittvierziger, also den stimmlich völlig intakten und gesangstechnisch perfekten Sänger noch einmal in seiner Universalität und seinem Forschergeist für Unbekanntes zu würdigen. Aber dem rührigen Label gebührt auch deshalb Dank, weil es längst gestrichene Aufnahmen aus Backkatalogen, die eben nirgend verfügbar sind (schon gar nicht als Stream), einem interessierten Publikum zur Verfügung stellt und so wieder eine vollständige Rezeption einer schillernden Künstlerpersönlichkeit in all ihren Facetten erlaubt.

Das ist mit den gut restaurierten Aufnahmen (an die neun Stunden Musik) wohl geglückt, einem bunt gemixten Potpourri an Liedern, Arien und Ensembleszenen. Dem stehen zudem gesamte Zyklen oder Aufnahmen, wie Schumanns „Liederkreis“ Op. 24 (1956, Hertha Klust), Beethovens „An die ferne Geliebte“ (1951, Gerald Moore)Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ 1952 mit dem Philharmonia Orchestra unter Wilhelm Furtwängler (als Mahler Interpret war Fischer-Dieskau maßstabsetzend) oder als absolute Rarität die tragisch-komische Kantate für Singstimme, Violine, Viola, Oboe und Generalbass „Trauermusik eines kunsterfahrenen Kanarienvogels“ von Georg Philipp Telemann sowie als CD Premiere Georg Friedrich Händels dramatische Kantate „Apollo e Dafne“ mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker unter Günther Weissenborn und der Sopranistin Agnes Giebel als Dafne gegenüber.

Das durchaus vergnügliche Durchhören bestätigt bzw. disqualifiziert das eine oder andere Pauschalurteil über die Qualität/die Kritik in/an den Interpretationen von Fischer-Dieskau. Vor allem fällt mir auf, dass das, was so oft als manierierter Spätstil, also etwa das Überartikulieren und den Einsatz explosiver Konsonanten in Legatobögen durchaus schon Stilmittel waren, deren sich der ganz junge Sänger bewusst bedient hat. Diese derart heute als unzeitgemäß bewertete Art des bis in den kleinsten Text-Mikrokosmos kalkuliert ausgestalteten Singens stellt auch einen ausgewiesenen Bewunderer von Fischer-Dieskau wie mich hie und da vor Geduldsproben. Auf der anderen Seite vermochte Fischer-Dieskau mit seinem eleganten und klanglich so einnehmenden Timbre auf unerreichte Art Pianophrasen in hohen Lagen (Mahler-Lieder) himmlisch zu spinnen oder eine Verbindung zwischen Text und Ton zu schaffen wie kaum ein anderer. Schallplattengeschichte schrieb er soundso, nicht zuletzt, weil die Stimme im Studio ihre stupende Qualität vollkommen bewahrte.

Einige Highlights aus der Anthologie

Der Opernsänger kommt auf 2 CDs mit je fast 80 Minuten Spielzeit zu Wort. Da sind erste und frühe Opernaufnahmen inkl. dem Bühnendebüt am 18.11.1948 in der Städtischen Oper Berlin mit Ausschnitten als Posa in Verdis „Don Carlos“ mit Boris Greverus als Carlos und Josef Greindl als Philipp II.) zu erwähnen. Der wunderbare Ausschnitt aus Verdis „Falstaff“ mit Fischer-Dieskau als Ford und Josef Metternich als Falstaff (Jänner 1951) mit dem RIAS Symphonieorchester unter Ferenc Fricsay markiert „erste Opernaufnahme von Dieskau auf Schallplatte. Die erste Gesamtaufnahme des Fischer-Dieskau dürfte der „Maskenball“ unter der musikalischen Leitung von Fritz Busch u.a. mit Martha Mödl als Ulrika sein, Die Oper wurde am 15.2.1951 aufgenommen. Besonders gut gefällt Fischer-Dieskau als leichtfüßiger Spielbariton in Lortzings „Zar und Zimmermann“ (Zar) und im „Wildschütz“ (Graf von Eberbach), aufgenommen 1955 mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Schüchter.

Auf der CD „Oper-Stereoaufnahmen“ gibt es mit der Arie des Demetrio „Si, tra i ceppi“ aus Händels Oper „Berenice, regina di Egitto“ eine weitere CD-Premiere zu hören. Wer Mozarts Bearbeitung der Grafen-Arie “Hai già vinta la causa – Védro mentr’io sospiro“ aus „Le nozze di Figaro“ samt Cabaletta für eine Wiener Aufführung 1789 mit vierzehn Gs in einer spielerisch gesungenen Interpretation (kürzlich haben auch Michael Spyres und Rafael Fingerlos sehr gute Einspielungen dieser Rarität auf Schallplatte vorgelegt) hören will, wird ebenfalls an dieser 7 CD Box, die zum Preis einer einzigen CD angeboten wird, nicht vorbeikommen. Fischer-Dieskaus Gestaltungen von Verdi Rollen (Conte Luna, Rigoletto, Monfort, Renato, Falstaff), allesamt Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern unter Alberto Erede aus dem Jahr 1959, stellen eine weitere Facette des Sängers dar. Abgesehen von den viel zu offen gesungenen Vokalen gelingen Fischer-Dieskau eindringliche Porträts der jeweiligen Figuren.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Album mit geistlicher Musik. Hier können wir den Förderer von raren Preziosen abseits aller ausgetretenen Pfade bewundern: Ob Franz Tunders Solokantate „Da mihi, Domine“Nikolaus Bruhns Osterkantate „Erstanden ist der Heilige Christ“, Johann Christoph Bachs Lamenot „Ach, dass ich Wassers gnug hätte in meinem Haupte“, oder Ernst Peppings „O Haupt voll Blut und Wunden“ aus dem Liederbuch nach Gedichten von Paul Gerhardt, all diese exzellenten Aufnahmen aus den Fünfziger Jahren werden auch Raritätensammler entzücken.

Ein besonderes Juwel der Anthologie sind drei großen Soloszenen des Faust aus Robert Schumanns „Drei Szenen aus Goethes Faust, live aufgenommen bei den Salzburger Festspielen 1962 mit den Wiener Philharmonikern unter dem für dieses Repertoire idealen Dirigenten Wolfgang Sawallisch. Es sind nur 17 Minuten, die aber all das in reinster und schönster Form kondensieren, was mich an klassischer Musik begeistert.

Inhalt der Box

Lied – Schubert: Das Fischermädchen; Ständchen D. 889 & 957; Der Wanderer an den Mond; Über Wildemann; Der Einsame; Im Abendrot; Abschied; Aufenthalt; Erlkönig; Seligkeit; Heidenröslein; Fischerweise; Die Forelle; Der Strom; Litanei auf das Fest Allerseelen; Schumann: Liederkreis op. 24; Die Lotosblume ängstigt sich; Du bist wie eine Blume; Brahms: Vier ernste Gesänge op. 121; Wolf: Der Tambour; Strauss: Traum durch die Dämmerung; Ständchen; Morgen; Loewe: Erlkönig; Beethoven: An die ferne Geliebte op. 98; Haydn: Eine sehr gewöhnliche Geschichte; Der Gleichsinn; Die zu späte Ankunft der Mutter; Gegenliebe; Geistliches Lied „Gebet zu Gott“; Telemann: Die Einsamkeit; Glück; Das Frauenzimmer; Die vergessene Phillis; Falschheit; Lob des Weins

Oper – Arien & Szenen von Donizetti (Lucia di Lammermoor), Lortzing (Zar und Zimmermann, Der Wildschütz), Gluck (Orpheus und Euridice), Mozart (Die Zauberflöte, Le nozze di Figaro, Dion Giovanni, Cosi fan tutte), Wagner (Tannhäuser, Die Meistersinger von Nürnberg), Tchaikowsky (Eugen Onegin), Puccini (La Boheme), Verdi (Falstaff, Don Carlos, Otello, Il Trovatore, Rigoletto, I Vespri Siciliani, Un ballo in maschera), Händel (Giulio Cesare, Berenice), Haydn (La vera costanza), Rossini (Guglielmo Tell), Gounod (Faust), Strauss (Die Frau ohne Schatten, Arabella), Hindemith (Mathis der Maler)

Geistliche Musik – Schütz: Singet dem Herrn ein neues Lied SWV 324; Tunder: Da mihi, Domine; Bruhns: Erstanden ist der heilige Christ; Johann Christoph Bach: Ach, dass ich Wassers gnug hätte; Bach: Kantate BWV 158 „Der Friede sei mit dir“; Arien aus BWV 73, 157, 244; Pepping: O Haupt voll Blut und Wunden

Konzert  – Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen; Schumann: 3 Szenen aus Goethes Faust; Mozart: Warnung KV 433; Ich möchte wohl der Kaiser sein KV 539; Cosi dunque tradisci – Aspri rimorsi atroci KV 541; Telemann: Trauermusik eines kunsterfahrenen Kanarienvogels; Händel: Apollo e Dafne-Kantate; Italienische Kantaten „Cuopre tal volta il cielo“, „Dalla guerra amorosa“; Bach: Kantaten BWV 203 „Amore traditore“, BWV 212 „Mer hahn en neue Oberkeet“ (Bauernkantate zur Huldigung des Kammerherrn Carl Heinrich von Dieskau).

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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